Wo die Nationalbank ihr Gold versteckt: In diesem Bunker liegen Milliarden an Volksvermögen

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Die «Garage»: Von hier führt Stollen in den Berg zum Bundesratsbunker und dem Nationalbanktresor. (Bild: Alessandro Habegger/Keystone/Montage:az)

Manchmal kommt etwas dazwischen. Einmal geriet ein ahnungsloser Autofahrer an einer Kreuzung zwischen die Panzerfahrzeuge im Konvoi. «Den haben sie sofort weggeputzt, er hatte einen gehörigen Schrecken», erzählt ein älterer Einheimischer in Kandersteg im Berner Oberland.

Sie, das sind die bis auf die Zähne bewaffneten Insassen der gepanzerten Fahrzeuge, die bisweilen aus dem Unterland in Richtung Kandersteg brausen. Die Konvois bestehen zum einen aus Truppentransportern, in denen Spezialeinheiten in Vollmontur mit ihren Maschinenpistolen sitzen. «Es sind Armeefahrzeuge», sagt ein Einheimischer. Sie sind zum Schutz des Panzerlastwagens da, der in der Mitte des Trosses fährt.

Auffällige Gold-Transporte
Mehrmals pro Jahr rollen diese Konvois durchs Oberländer Dorf, in der Regel am helllichten Tag. «Viel auffälliger könnten sie es nicht machen», sagt ein zweiter Einwohner des Oberländer Dorfs, «sie fahren mit Blaulicht.»

Was in den Panzerlastwagen in der Mitte der Konvois steckt, das weiss in Kandersteg anscheinend jeder. «Das Gold der Nationalbank», sagt ein Wirt.

Und wohin fahren die Konvois? «Oben in der Eggeschwand ins Loch», grinst er.

Die Eggeschwand liegt in der Nähe des Portals zum alten Lötschberg-Bahntunnel. Mit «Loch» ist der Eingang zum Stollen gemeint, in dem angeblich eine Schmalspurbahn etwa zwei Kilometer in den Berg hineinführt, unter die Jegertosse und den Fisistock. Der Tunnel führt zu einer der am besten geschützten Anlagen der Schweiz: Zum Bundesratsbunker.

Der Haupteingang zum Bunker, wo jeweils das Gold verschwindet, ist von aussen gut zu erkennen: Er sieht aus wie eine grosse Autogarage.

Riesiger Tresor im Berg
Es ist der untere Eingang zur «Gesamtverteidigungsanlage für die Landesregierung», auch K20 genannt. Sie wurde in den Neunzigerjahren gebaut. Im Kriegs- und Katastrophenfall soll sich die Landesregierung mitsamt ihren Stäben dort einbunkern, so das Konzept (siehe Kasten).

Aber der Bunker im Berg – Details zu seinem Innenleben sind nach wie vor Staatsgeheimnis – ist nicht nur für den Bundesrat da. Er dient auch als Schatzkammer der Nation: Tief drin, unter etwa anderthalb Kilometer Fels, befindet sich in einem Annexbau zum Bundesratsbunker ein riesiger Tresor.

Als der Bundesrat den Bunker vor gut 30 Jahren planen liess, nahm die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Gelegenheit wahr, um einen atombomben- und einbruchsicheren Aufbewahrungsort für die Goldreserven in den Berg hauen zu lassen. Die SNB war, wie vor Jahren einmal durchsickerte, neben der Bundeskanzlei der zweite Bauherr der riesigen Anlage.

Im Laufe der Jahre sind in der Region mehr Details bekannt geworden. Dazu gehört: Die Dimensionen des Tresors sind gigantisch. Er ist so lang wie ein mittleres Fabrikgebäude, so hoch wie zwei Stockwerke. 6000 Tonnen Gold passen in die Schatzkammer. Diese Menge kostet beim aktuellen Kilopreis (knapp 40'000 Franken) rund 240 Milliarden.

Dass die SNB in den Achtzigerjahren einen derart grossen Tresor im Berg bauen liess, hängt mit den damaligen Goldreserven zusammen. 2600 Tonnen besass die Zentralbank damals noch. Der Tresor wurde auf die doppelte Menge ausgelegt. Man weiss ja nie. Und die Nationalbank bunkert nicht nur eigenes Gold. Sondern auch die Goldreserven anderer Zentralbanken.

Von den 2600 Tonnen sind heute nur noch 1040 da: Zwischen 2000 und 2008 verkaufte die Nationalbank 1550 Tonnen. Von den verbleibenden gut 1000 Tonnen bewahrt sie gemäss eigenen Angaben rund 30 Prozent in England und Kanada auf. 70 Prozent oder etwas über 700 Tonnen befinden sich laut der Bank in der Schweiz. Sie sind derzeit knapp 30 Milliarden wert. Nur ein kleiner Teil der 700 Tonnen, vor allem die Goldmünzen, befindet sich unter dem Bundesplatz in Bern.

Österreich bringt 50 Tonnen
In Kandersteg ist zweifellos nicht nur Schweizer Gold verstaut. Die Nationalbank bewahrt auch Goldreserven anderer Zentralbanken auf. Etwa für die italienische. Auch die Österreichische Nationalbank (OeNB) lagert einen Teil ihres Goldes in der Schweiz. 6 Tonnen waren es bisher. Bis 2020 kommen 50 Tonnen dazu, die bisher in England lagerten, wie die OeNB kürzlich mitteilte.

Auch der türkische Präsident Erdogan schafft Gold in die Schweiz. Er will demnächst 19 Tonnen aus Fort Knox (USA) nach Basel zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bringen. Die BIZ lagere in Basel kein Gold, hiess es allerdings im Mai auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende». Denkbar also, dass auch Erdogan-Gold im Bunker von Kandersteg verschwindet.

Nationalbank schweigt weiter
Staatsgeheimnis Gold. 2003 sagte Finanzminister Kaspar Villiger im Parlament: «Wo diese Goldbarren genau liegen, kann ich Ihnen leider nicht sagen, weil ich es auch nicht weiss, nicht wissen muss und nicht wissen will.» Sonst platze es ihm bei einem Glas Wein womöglich noch heraus, gab er an.

Die Nationalbank schweigt heute noch. Zwar erlaubte sie 2013 einem Westschweizer TV-Journalisten, den Goldschatz zu filmen. Aber der Mann wusste angeblich nicht, wo er die Aufnahmen drehte. Walter Meier, Chefsprecher Nationalbank, sagt auf Anfrage nur: «Wie andere Zentralbanken gibt auch die SNB die Lagerstandorte der Goldreserven nicht bekannt. Aus Sicherheitsüberlegungen werden diese vertraulich behandelt und Fragen im Zusammenhang mit der Logistik nicht kommentiert. Aus den gleichen Gründen geben wir auch keine Informationen zu Goldbeständen anderer Zentralbanken, die bei der SNB gelagert sind.»

Bundesratsbunker

1986 gab der Bundesrat dem Militärdepartement grünes Licht, eine neue «Gesamtverteidigungsanlage für die Landesregierung» zu bauen. Zuvor hatte die Armee in der Zentralschweiz einen sehr ähnlichen «Generalstabsbunker» gebaut. Die erdbeben- und atombombensichere Anlage mit eigener Energieversorgung wurde zunächst geheim finanziert, erst 1992 tauchte ein Teil der Kosten von total 268 Millionen in der zivilen Baubotschaft auf. Darin verriet der Bundesrat auch einige Details des «Schutzbaus». Dieser bestehe aus zwei durch Zugangs- und Verbindungsstollen erschlossene Grosskavernen. In der einen seien «Unterkünfte, Verpflegung, Werkbetrieb und Sicherheit sowie die Technik (Maschinenhaus) untergebracht». Die andere sei «ausschliesslich als Bürobereich konzipiert». Der frühere SP-Präsident Helmut Hubacher gab einmal an, tausend Leute fänden in der Anlage Platz, für Parlamentsmitglieder seien 40 Plätze reserviert. Die Bunkeranlage hat mehrere (Not-)Ausgänge. Einer führt in den alten Lötschberg-Bahntunnel.

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