«Wir wollen für die Gäste etwas Tolles auf die Beine stellen»

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Christoph Bill, Gesamtleiter des Heitere Open Airs (Bild: Tobias Walt)
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Start als DJ und Disco-Organisator: 1991 anlässlich der städtischen Feierlichkeiten zu «700 Jahre Eidgenossenschaft». zvg
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Treue Weggefährten auf Heitere-typischen Untersätzen: Mark Sturzenegger und Christoph Bill.
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Christoph Bill in Diskussion mit seiner Schwester Eveline King (Heitere-Medienverantwortliche) während des Festivals 2011. zvg
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René Zobrist und Christoph Bill bei der Präsentation des Programms 2001. zvg
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2016 kürte SRF 3 das Heitere Open Air zum besten Schweizer Festival aufgrund der einzigartigen Konzerte, des idyllischen Geländes und der fröhlich-anarchistischen Stimmung. ran
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25 Jahre fürs Heitere Open Air tätig: mit Tochter Nina und Frau Eliane auf der exklusiven Extrafahrt auf dem Riesenrad 2016. zvg

Herr Bill, ich nehme an, Freizeit ist eine Woche vor dem Heitere Open Air ein Fremdwort für Sie?

Christoph Bill: Das ist definitiv so. Es ist eine sehr intensive Zeit für mich. Es gibt immer noch Leute, die denken, wir würden etwa im Mai mit den Vorbereitungen auf das Open Air beginnen, weil es doch jedes Jahr dasselbe sei. Aber so läuft das eben nicht. Man muss jedes Jahr alles wieder aufgleisen. Neben der Programmgestaltung oder den Verhandlungen mit Sponsoren gibt es einen Haufen konzeptionelle Arbeiten. Das Gelände muss gestaltet und mit Lieferanten muss gesprochen werden. Personal muss rekrutiert, Anwohner sowie Grundstückpächter müssen kontaktiert werden. Und jedes Jahr kommt auch immer noch Unvorhergesehenes hinzu.

Zum Beispiel?

Die SBB wollten die aktuell wegen Bauarbeiten gesperrte Henzmann-Unterführung plötzlich erst nach der Heitere-Woche wieder öffnen. Das hätte unser ganzes Verkehrskonzept über den Haufen geworfen. Ein Lieferant hatte ausserdem das Material nicht mehr verfügbar, was wir bereits im letzten Herbst ausgemacht hatten. Es gab Personal, das kurzfristig ausgefallen ist und wegen der anhaltenden Trockenheit haben wir verschiedene Massnahmen ergriffen.

Wann beginnen Sie mit der Planung einer Heitere-Woche?

Nachdem eine Festival-Ausgabe beendet ist, geht es gleich wieder mit der Planung für die nächste weiter. Früher gab es jeweils noch eine kurze Pause dazwischen. Heute erfolgt der Übergang nahtlos. Dieses Jahr begannen wir sogar bereits im Mai mit den ersten Arbeiten für das Heitere 2019.

Seit 2001 sind Sie Gesamtleiter des Heitere. Seit dann konnten Sie nie mehr in die Sommerferien verreisen. Vermissen Sie das nicht?

Doch, manchmal schon. Und meine Tätigkeit erfordert auch ein sehr grosses Verständnis meines Umfeldes. Sie erfüllt mich zwar sehr, trotzdem würde ich gerne mal im Sommer ein freies Wochenende einschieben.

Ihre Frau ist ebenfalls in der Organisation des Heitere Open Airs tätig. Das kann ja auch ein Vorteil sein, was das Verständnis für Ihren

vollen Terminplan im Sommer betrifft …

Meine Frau arbeitet vor allem während des Festivals. Jeden Frühling braucht sie eine gewisse Zeit, bis sie einsieht, dass jetzt «Heitere-Zeit» ist und ich noch weniger verfügbar bin. Sie hat aber Verständnis dafür, auch wenn sie es manchmal gerne anders hätte.

Das Heitere Open Air findet dieses Jahr bereits zum 28. Mal statt. Was ist das Erfolgsrezept des Anlasses?

Unser Erfolg kam nicht von null auf hundert. Besonders die ersten Jahre waren schwierig. Um die Jahrtausendwende entstand ein Festival-Boom. Wir konnten auf dieser Welle mitreiten und davon profitieren. Gleichzeitig haben wir es sicher auch nicht schlecht gemacht. Ich denke, es ist das Gesamtpaket, welches stimmt. Wir sind gross genug, um namhafte Acts zu präsentieren, und sind trotzdem überschaubar, haben ein schönes Gelände und auch kulinarisch seit Anbeginn einiges zu bieten. Wir verfügen über einen Zeltplatz mit vielen Freiheiten und überraschen auch immer wieder mit speziellen Aktivitäten. All das hat uns ein gewisses Stammpublikum eingebracht, das sich aber auch immer wieder erneuern muss.

Ihr Motto lautet «Der Event ist unser Headliner». Sie machen beim Preispoker um die teuersten Bands und Künstler nur bedingt mit. Wo liegen Ihre Grenzen?

Die Künstlergagen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, jedoch konnten wir uns schon früher nicht alle leisten. Wir haben keine feste Betragslimite für Gagen. Manchmal sind wir bereit, bei gewissen Künstlern etwas mehr zu bezahlen, als wir uns vorstellen, weil es einfach perfekt passt. Dann müssen wir diesen Betrag aber an einem anderen Ort versuchen einzusparen. Obwohl auch wir über die Jahre hinweg gewisse Erhöhungen bei den Ticketpreisen vorgenommen haben, möchten wir nicht einfach alle steigenden Kosten auf unsere Gäste abwälzen.

Der Anstieg der Künstlergagen ist die Konsequenz aus den rückgängigen Einnahmen aus CD-Verkäufen aufgrund von Streaming-Plattformen wie YouTube und Spotify. Besorgt Sie diese Entwicklung?

Das ist sicher ein Grund. Hinzu kommt aber auch die grosse Dichte an Veranstaltungen, welche um die gleichen Künstler buhlen. Auf der anderen Seite haben wir bei ausländischen Acts auch von der Frankenstärke in den letzten Jahren profitiert. Ich glaube, wir müssen Jahr für Jahr nehmen. Für ein kleineres Festival wie das Heitere mag es auch kritisch werden, wenn grosse Unterhaltungskonzerne alles aufkaufen. Aber unser Rezept für den Moment ist, unser Ding eigenständig möglichst gut durchzuziehen und den Markt aufmerksam zu beobachten.

Das Heitere Open Air ist seit einiger Zeit schon ein halbes Jahr im Voraus ausverkauft. Vermutlich könnten Sie ausschliesslich Schweizer Nachwuchsbands engagieren, wären trotzdem noch ausverkauft und würden durch die tieferen Ausgaben viel mehr Geld einnehmen …

Abgesehen davon, dass ich nicht daran glaube, ist das überhaupt nicht unsere Philosophie! Unser Antrieb ist, für unsere Gäste etwas Tolles auf die Beine zu stellen. Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber wir wollen immer fair sein und ein tolles Erlebnis bieten. Dazu gehört primär auch ein vielseitiges und attraktives Programm.

Im Jahr 2010 haben Sie 1,1 Millionen Franken fürs Programm gebraucht. Wie hoch ist der Betrag in diesem Jahr?

Dieses Jahr werden es ungefähr 1,3 Millionen Franken sein. Es gilt aber zu beachten, dass in diesen Betrag auch alle Produktionskosten und sonstige Aufwendungen fallen, welche die Künstler oder wir haben. Dazu gehören etwa spezielle Technik, das Tour-Personal, Reisekosten oder Hotelübernachtungen.

Sie haben einmal gesagt, sie würden gerne U2 ans Heitere holen. Wie realistisch ist das heute?

Absolut unrealistisch (lacht). Es geht aber auch nicht um meine Wünsche. Wir wollen die Bedürfnisse der Gäste erfüllen.

Wie engagiert man eine Band? Gibt es da so ein Online-Portal, wo man einfach gemäss Budget einkaufen kann?

Nein, das funktioniert mit Offerten. Wir kontaktieren Agenturen und sagen, wir würden den Künstler gerne an diesem Datum zu diesem Preis engagieren. Diese Agenturen sammeln die Offerten und stellen die Tourneepläne zusammen. Diese müssen vor allem effizient organisiert sein. Ein Künstler, welcher mit mehreren Lastwagen und Bussen auf Tournee ist, fährt nicht von Skandinavien nach Italien und dann wieder hoch in den Norden. Wenn terminlich alles passt, gilt es dann meistens noch, sich finanziell zu finden. Wir arbeiten auch eng mit dem Festival «Stars In Town» in Schaffhausen zusammen, welches jeweils am gleichen Wochenende stattfindet. Oftmals geben wir gemeinsame Offerten ab. Wenn man einer Agentur gleich zwei Daten anbieten kann, ist das ein grosser Vorteil.

Ist es nicht manchmal schwierig, alle Sonderwünsche der Stars am Heitere zu erfüllen?

Unsere Infrastruktur ermöglicht es uns eigentlich, fast alle Wünsche zu erfüllen. Manchmal muss man halt mal sagen, dass etwas nicht geht oder Kompromisse finden. Klar, gibt es da Leute mit Starallüren. Diese werden aber oft auch von der Entourage der Stars aufgebauscht. Den grössten Teil unserer Acts erlebe ich als sehr professionell. Es gibt jedes Jahr eine bis zwei Bands, welche eher schwierig sind. Ich erinnere mich beispielsweise an Nena. Sie trinkt bekanntlich nur Wasser, welches bei Vollmond abgefüllt wurde.

Stimmt es, dass Sie auch schon Cannabis für Bands auf dem Heitere besorgen mussten?

Ja, das gab es tatsächlich. Das war aber eher in den früheren Jahren …

Ich stelle mir das sehr kurios vor: der Heitere-Chef Christoph Bill beim Graseinkauf bei einem dubiosen Dealer …

Diese Aufgabe konnte ich jeweils an Leute delegieren, welche besser Bescheid wussten (lacht).

Welcher war für Sie im Nachhinein betrachtet der beste Heitere-Moment der Geschichte?

Da gibt es mehrere. Speziell erinnere ich mich an Solomon Burke, welcher gemeinsam mit Joss Stone und Candy Dulfer auf der Bühne stand, während es Bindfäden regnete. Dieser magische Moment war definitiv Musikgeschichte! Und ein paar Monate später war Solomon nicht mehr unter uns … Häufig kommt es auch vor, dass ein Act am meisten für Hühnerhaut sorgt, welcher auf dem Plakat nicht am grössten abgedruckt ist.

Welche Musiker haben Sie in Ihrer Jugend geprägt?

Das waren zuerst die 80er-Jahre, bevor ich dann auch die 70er-Jahre entdeckte. Die Dire Straits oder Foreigner waren zum Beispiel zwei Bands, die ich sehr gerne hörte. Aber ich war schon damals vielseitig interessiert.

Waren Sie damals schon ein

«Tätschmeister», welcher gerne Fes-te und Veranstaltungen organisiert hat?

Ja, das begann schon mit Schülerdiscos. Ich war mit etwa 15 Jahren mit ein paar Kollegen in einer Disco und wusste sofort, dass ich das auch machen will. So rutschte ich in die Eventorganisation rein. Mit den Einnahmen kauften wir uns Licht- und Tontechnik. So kam ich auch in Kontakt mit Bands und konnte während des Studiums mit der Arbeit als Stagehand und später als Produktionsleiter mein Geld verdienen. Ich organisiere gerne, sehe meine Rolle aber im Hintergrund.

Welche Fähigkeiten muss ein Festivalleiter mitbringen?

Heute kann man ja Eventmanagement studieren. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht. Ich bin einfach hineingewachsen, konnte in der Jugend und als junger Erwachsener viele Erfahrungen sammeln, musste Verantwortung übernehmen und habe hunderte von Events erlebt. Ich durfte auch etliche Leute kennenlernen, von denen ich viel lernen konnte. Als Organisator muss man schauen, dass alle Zahnräder ineinandergreifen. Tun sie das nicht, muss man dies möglichst schnell erkennen können. Die Fähigkeit, gelassen zu bleiben und improvisieren zu können, ist ebenfalls wichtig. Ich habe etwas Mühe mit dieser überregulierten Welt, wie wir sie heute haben.

Worauf freuen Sie sich am meisten am Heitere 2018?

Wenn ich mich dieses Jahr für einen Tag entscheiden müsste, würde ich am Freitag auf den Heitern gehen, aber auch Samstag und Sonntag werden gut. Und der Ausklang am Sonntagabend ist jeweils einer der schönsten Momente des Festivals.

Wie wird sich das Heitere weiterentwickeln?

Unser Ideenpool ist noch lange nicht aufgebraucht. So bieten wir unseren Besuchern in diesem Jahr zum ersten Mal an, in ihren Wohnmobilen auf der Schützenmatte zu übernachten, haben den «Camper’s Boulevard» geschaffen und realisieren ein Festival-Minigolf. Im Herbst legen wir jeweils die Kritikpunkte und die Ideen auf den Tisch und machen uns Gedanken. Das Grundgerüst des Festivals bleibt aber sicherlich gleich.

Können Sie sich vorstellen, dass es einmal ein Heitere Open Air ohne Sie gibt?

Diesen Gedanken habe ich mir auch schon gemacht. Er ist jedoch nicht wahnsinnig präsent. Das Heitere ist seit über einem Vierteljahrhundert ein Teil meines Lebens. Ich habe noch immer eine grosse Freude an meiner Aufgabe und betrachte es als Privileg, zusammen mit einem tollen Team und vielen weiteren unterstützenden und zupackenden Händen ein Festival wie das Heitere realisieren zu können. Grundsätzlich ist aber jede Person ersetzbar. Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann macht es jemand anderes. Die Herausforderung in den nächsten Jahren wird sein, ein paar meiner Aufgaben auf andere Schultern zu verteilen, weil die Arbeit wirklich sehr intensiv ist.

ZUR PERSON

Christoph Bill (47) ist in Strengelbach aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in Brittnau. Bill studierte Betriebswirtschaft an der Universität Bern. Seit 1992 ist er in der Organisation des Heitere Open Airs in Zofingen tätig, 2001 übernahm er die alleinige Gesamtleitung. Im Jahr 2015 war Christoph Bill für seine Verdienste rund um das Festival für den NAB-Award nominiert. Er schaffte es dabei unter die drei Finalisten. Nebst dem Heitere Open Air organisiert er unter anderem das alljährliche Open Air Kino Zofingen.

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