Alex Capus im grossen Interview: «Man muss der Jugend vertrauen»

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«Ich habe diese französisch-anarchische Seite»: Alex Capus (57). (Bild: Claudio Thoma)
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Alex Capus: «Das Paar ist eine Art Alter Ego von mir und meiner Frau. Es wäre albern, würde ich das leugnen.» (Bild: Claudio Thoma)

«Es gibt alles hier, das ist eine Bar», bietet Alex Capus an. Offiziell geöffnet ist seine Galicia Bar erst gegen Abend, das aber jeden Tag. Die Gäste sollen sich nicht überlegen müssen, ob offen ist. Im Gespräch steht Alex Capus immer wieder auf und verhandelt mit dem Abwart und dem Elektriker, weil etwas mit der neuen Photovoltaikanlage nicht rund läuft. Dann nimmt er den Faden wieder auf und redet weiter über die wahre Geschichte von Liebe und Umbruch. In seinem neuen Buch erzählt ein Paar diese einander, während die zwei vom Schnee überrascht auf einem Bergpass im Auto eingeschneit werden.

Herr Capus, hat jedes Tal tatsächlich sein eigenes Grundrauschen?

Alex Capus: Ob es das Rauschen wirklich gibt, weiss ich nicht, aber man hat diese Empfindung, wenn man alleine an einem Ort ist. Ich bin oft zu Fuss unterwegs.

Auch in den Bergen?

Meist im Jura, weil ich dort wohne. Der Jura ist anspruchsvoller, als man denkt. Aber die Wanderung vom Jaunpass nach Bulle habe ich natürlich gemacht.

Waren Sie auch am Schwarzsee?

Früher einmal bin ich um den See herumgelaufen.

Der Schwarzsee liegt nördlich des Jaunpasses. In Ihrem Buch verlegen sie ihn ins Berner Oberland. Ein Fall von dichterischer Freiheit?

Wirklich? In meiner Erinnerung sind wir vom Thunersee das Simmental hinaufgefahren und auf irgendeine Geiss-art kamen wir zum Schwarzsee.

Wohl über einen kleinen Seitenpass nördlich des Jauns.

Es muss schon stimmen! Ach, es ist blöd, wenn es das nicht tut, trotz mehrerer Lektorate. Von dem Buch gibt es sicher eine zweite Auflage. Da müsste man das Problem irgendwie lösen.

Wie sind Sie auf die Geschichte des Melkers vom Jaunpass gestossen?

Es gibt das französische Volkslied «Pauvre Jacques». Im frühen 19. Jahrhundert war es sehr populär. Ich habe das bei irgendwelchen Recherchen gefunden. Es ist meistens so, dass eine Geschichte zur anderen führt.

Was hat Sie daran gepackt?

Das Paar, das mit einer solchen Beharrlichkeit gegen alle Widerstände aneinander festhält, hat mich sehr berührt. Heute halten nur noch wenige äussere Strukturen die Menschen dazu an, beieinanderzubleiben. Man lässt sich scheiden, bloss weil es einem langweilig ist. Die beiden konnten nicht telefonieren, skypen oder chatten, sie konnten gar nicht schreiben. Sie mussten gedanklich aneinander festhalten. Das in einer Zeit, als die Wahrscheinlichkeit gross war, dass der andere stirbt.

In der Französischen Revolution.

Das Paar war in einer Zeit geboren, in der sich der Umbruch ankündete. Meist kündet sich der Umbruch durch besonders sklerotische Umstände an.

Was für Umstände?

Verknöcherte, verhärtete Umstände. Das ist heute auch so. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Das macht vor allem den älteren Leuten zu schaffen. Sie meinen, die Welt gehe unter, nur weil ihre Welt untergeht.

Die Geschichte vom Melker und dem reichen Bauernmädchen, die am Königshaus von Versailles zusammenfinden und durch die Französische Revolution endlich frei werden, klingt sehr unglaubwürdig.

Wenn man sich auf Fakten abstützen kann, ist man zu einem schönen Teil vom Zwang der Glaubwürdigkeit enthoben. Bei der reinen Fiktion ist es sehr wichtig, dass man eine plausible Geschichte erzählt, sonst glaubt sie der Leser nicht. Dann ist sie verloren.

Schreibt das Leben die schönsten Geschichten?

So ist es dann doch nicht. Das Leben schreibt gar keine Geschichten. Die Geschichte liegt im Auge des Betrachters. Das Leben mäandriert herum, es ist ohne Anfang und Ende, ein amorpher Wust. Es ist die Aufgabe des Erzählers, in der Wucherung von Ereignissen eine Struktur zu sehen. Die Kausalitätskette ist das Wesen einer Geschichte.

Wie wird eine Geschichte stimmig?

Die emotionale Intensität erschliesst sich nicht aus dem Datenmaterial in den Archiven. Es erschliesst sich nicht, wie sich die Helden einer Geschichte gefühlt haben. Die Kausalität auch nicht unbedingt. Die Historiker leiden ja daran, dass ihre Forschung zur reinen Faktenhuberei verkommt. Jede Behauptung von Kausalität passiert letztlich auf einer metaphysischen Ebene.

Sie ist nicht beweisbar?

Nur selten kann man mit absoluter Sicherheit eine direkte Kausalität herstellen. Ich bin als Erzähler von diesen Einschränkungen befreit. Ich stelle die Kausalitäten her, so wie sie mir gefallen, ohne Anspruch auf objektive Wahrheit. Auf dem Buch steht Roman, dann ist auch Roman drin.

Madame Elisabeth, die Schwester von Louis XVI., hat sich bei Versailles eine paradiesische Bauernwelt nachbauen lassen. War Ihnen das bekannt?

Babystuben-Bauernhöfe gab es in vielen Königs- und Fürstenhäusern des späten 18. Jahrhunderts. Es sind rührende Versuche, sich die Welt zu vereinnahmen. Aber es zeugt von einem Tunnelblick, wenn man sich einen Babystuben-Bauernhof einrichten lässt und von aussen zufüttert, wenn die Futtermittel nicht reichen.

Madame Elisabeth hat sich aber auch eingesetzt für die Armen.

Heute würde man das Charity nennen – wie Lady Diana, die in Afrika wohltätig war. Wichtig ist nur, dass in ihrer kleinen «bulle» alle glücklich sind. Aber wenn jeder in seinem eigenen, kleinen Universum die beste aller möglichen Welten herstellt, geht das nicht auf. Die Energiebilanz ist immer negativ. Das ist so wie heute in Europa. Wir haben eine ziemlich beste aller möglichen Welten in Westeuropa, aber auf Kosten von anderen. Wir exportieren die sozialen Probleme, und was wir brauchen, importieren wir. Das ist kein Modell, das man global anwenden kann.

Sieht man klarer, wenn man in die Vergangenheit schaut?

Thomas Mann schreibt im «Zauberberg»: «Geschichten müssen vergangen sein. Je vergangener, ist man versucht zu sagen, desto besser.» Es ist wie ein Gesetz der Optik. Man stösst so auf Geschichten, die vielleicht eine archetypische Bedeutung haben und auch für unsere Zeit bedeutsam sind.

Denken Sie beim Schreiben daran?

Es ist mir nicht bewusst. Ich schreibe so, wie es sich für mich richtig anfühlt. Dann hat es eine emotionale Stimmigkeit, aber interessanterweise auch eine intellektuelle Stimmigkeit und eine dramaturgische Stimmigkeit.

Sie lassen einen alten Steinbock die Geschicke der Welt betrachten. Haben Sie sich von Graubünden Tourismus inspirieren lassen?

(lacht) Also nein …

Echt nicht?

Nein, das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Wobei, wer weiss, was im Unterbewusstsein alles passiert. Aber ich spreche nicht so auf Werbung an.

Wozu der Steinbock?

Das kann ja kein Murmeltierli sein, die sind immer auf dem Quivive, schlagen Alarm und verschwinden. Es muss ein furchtloser Alpenkönig sein. Der Steinbock ist wie die Kamera in einem Film , die aus grosser Ferne heranzoomt.

Sie binden die historische Geschichte in eine Rahmenhandlung ein. War das für Sie von Anfang an klar?

Nein, gar nicht. Ich bin fast ein Jahr lang damit schwanger gegangen. Ich wollte einen intimen Erzählton anschlagen, bei dem ich dem Leser die Geschichte ins Ohr flüstere.

Wegen der Liebesgeschichte?

Nein. (überlegt) Mir hat die Vorstellung in ihrer Einfachheit gefallen. Es ist die ursprünglichste Erzählsituation: Zwei Menschen stecken die Köpfe zusammen, und der eine erzählt eine Geschichte, um dem anderen etwas Gutes zu tun. Wie die Eltern den Kindern eine Gutenachtgeschichte erzählen, damit sie schlafen können.

Ihr letztes Buch hatte auch einen mündlichen Ton. Interessieren umfangreiche historische Romane Sie nicht mehr?

Doch, klar! Auch als Leser. Ich weiss aber nie im Voraus, was für Projekte ich habe. Das ergibt sich. Ich versuche, immer etwas Neues zu machen. Das schon.

Sie schreiben auch Kolumnen. Bringen Sie in dem Buch Ihre beiden Schreibformen zusammen?

Vielleicht, aber die beiden Geschichten konterkarieren sich auch. Die historische Geschichte hat viel Pathos. Es geht um die ganz grossen Themen, um Freiheit, ums Zusammensein, ums Getrenntsein, um Tod, um die bürgerliche Revolution. In Frankreich hat man ein ungebrochenes Verhältnis zum Pathos, ich selbst bin sehr empfänglich dafür. In der Schweiz hingegen haben wir dazu eine gesunde Skepsis. Eine Liebesgeschichte muss sich der Kitschgrenze annähern, sonst muss man gar nicht anfangen. Aber man muss rechtzeitig aufhören. Die Rahmenhandlung bewahrt die pathetische Liebesgeschichte vor dem Kitsch. Sie federt sie ab und zieht rechtzeitig die Bremse.

Wie gehen Sie mit veralteten Frauenbildern um?

Man kann dem Erzähler nicht vorwerfen, dass Frauen in einer Geschichte aus dem 18. Jahrhundert keine gleichberechtigten Akteure sind. Das war einfach die Realität. Bei meinem Buch «Patriarchen» über Unternehmen der Gründerzeit wie Bally und Nestlé wurde mir vorgeworfen, es kämen kaum Frauen vor. Aber im 19. Jahrhundert war es schlicht unmöglich, als Frau ein Unternehmen zu gründen. Das zu überwinden, war ein schmerzhafter Prozess, der leider immer noch nicht abgeschlossen ist. Aber auch Frauen haben sexistische Vorstellungen. In der Rahmenhandlung streiten Mann und Frau darüber. So etwas finde ich lustig.

Sie streiten auch über Spiessigkeit und umfahren ein Verbotsschild …

Ja, etwas Saublödes, was die machen …

Eine heutige Form von Rebellion?

Es wäre ja albern, wenn ich leugnen würde, dass die zwei eine Art Alter Ego von mir und meiner Frau sind. Als Autor ist man nicht schlecht beraten, wenn man über Dinge schreibt, die man kennt. Wir waren immer ein gutes Reiseteam und haben jede Menge unbedachter Dummheiten gemacht, die aber glimpflich ausgegangen sind.

Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Frau zusammen?

Also... gut und gerne 25 Jahre. Nach wie vor mit Begeisterung und alternativlos (lacht).

Wie schafft man das?

Da habe ich nichts besonders Originelles zu sagen. Es hilft, wenn man sich am Anfang sehr gefällt. Wenn man einander gern hat, einander respektiert und es vermeidet, einander Verletzungen zuzufügen. Das Gebot der Höflichkeit sollte in der Ehe noch viel stärker gelten als Fremden gegenüber. Meine Frau würde Ihnen wohl bestätigen, dass ich keine unanständigen Wörter brauche und keine bösartigen, verletzenden Bemerkungen mache. Man sollte eine Streitkultur haben, aber spätestens, wenn man schlafen geht, fertig sein mit dem Streiten. Das sind Rezepte vom Grossmüeti. Sie hatte recht.

Was ist für Sie Liebe?

Jetzt wollen Sie eine Kurzformel?

Sie haben ja gerade eine doppelte Liebesgeschichte geschrieben.

Wenn ich das in einen Satz fassen kann, muss ich ja kein Buch schreiben, oder? Aber ich glaube, eine metaphysische Ebene gehört unbedingt dazu. Genauso wie der Mensch nicht einfach eine Maschine ist und sein Leben nach biologisch-chemisch-mechanischen Gesetzen abspult, geht das Zusammensein zwischen Menschen über die reine Zweckdienlichkeit hinaus. Mehr kann ich bescheidenerweise nicht sagen.

Etwas Unerklärbares?

Ein Wunder, ja! Es ist ein Funken, der über die banale Existenz hinaus dazukommt. Genauso wie der Funke der Kreativität unerklärlich ist oder der Funke der unsterblichen Seele, die jeder Mensch in sich trägt.

Sehen Sie sich als Rebell?

Als Bürger sollte man sich natürlich an Regeln halten. Aber ein wenig anarchische Ellbogenfreiheit will ich mir bewahren und wünsche mir das auch für meine Kinder. Es ist furchterregend, wenn ich in der Zeitung lese, wie in China der Einzelne mit neusten Technologien lückenlos überwacht und registriert wird. Man muss Vertrauen haben in die anarchische Energie der jungen Generation, dass sie das unterlaufen kann. Seit es Menschen gibt, hat die Jugend neue Wege gefunden.

Und Ihre anarchische Energie?

Ich habe das Privileg, dass ich eigentlich nur das mache, was mir Spass macht. Wenn ich mich empöre, dann über die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auf der Welt. Ich finde es aber nicht so einfach, den Gegner auszumachen, gegen den man rebellieren könnte, und das braucht ja ein Rebell: einen Tyrannen, gegen den man rebelliert. So einfach ist meine Sicht nicht.

Sie sind in Frankreich geboren. Was ist Heimat für Sie?

Ich bin in Olten zu Hause und fühle mich nie so schweizerisch, wie wenn ich in Frankreich bin, und nie so französisch, wie wenn ich in der Schweiz bin. Das ist das Schicksal aller Secondos. Man lebt zwischen zwei Welten und hat ein grosses Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Darum sind viele Immigrantenkinder überdurchschnittlich leistungsbereit. Aber der Wunsch nach Anerkennung paart sich immer mit Abgrenzung. Das ist ein stetiger Antagonismus, der einen vorantreibt. Ich habe diese französisch-anarchische Seite. In Frankreich ist das Individuum so anarchistisch, weil der Staat so stark ist. Da ist es fast Pflicht, dass man gegen einen starken Staat rebelliert. In der Schweiz dagegen ist der Staat so schwach und freundlich, da kann man sich grad so gut an die Regeln halten.

Kennen Sie das Gefühl von Heimweh, «la maladie suisse»?

Auf Französisch gibt es dafür kein Wort, deswegen haben sie «Heimweh» phonetisch für sich umgeschrieben, «le hemvé». Es ist so schön, wenn man eine solche Entdeckung macht! Ich hätte Heimweh, wenn ich lange nicht in Olten sein dürfte oder meine Cousins in Frankreich nicht besuchen dürfte. Das sind meine zwei Herzenswelten.

Wann haben Sie zuletzt etwas Verbotenes getan?

Also ich bin jetzt 57, ich bin langsam …

… ein gesetzter älterer Herr?

(lacht) Ich weiss gar nicht, ob meine Jugenddummheiten alle verjährt sind. Heute benehme ich mich eigentlich. Aber ich habe keinen Respekt vor den Autoritäten. Im Städtli habe ich oft die Rolle des Hofnarren übernommen und unangenehme Wahrheiten ausgesprochen. Diese Rolle entspricht mir, auch wenn ich eigentlich ein konzilianter, netter Mensch bin und will, dass mich alle mögen. Das geht halt nicht immer.

Alex Capus: «Königskinder», Hanser, 176 Seiten. 

Persönlich

Alex Capus ist 1961 in der Normandie geboren, im Vorschulalter kam er nach Olten, wo er heute die Galicia Bar führt. Mit seiner Frau Nadja, Rechtsprofessorin an der Universität Neuenburg, hat er fünf Söhne. Bekannt wurde Alex Capus mit historischen Romanen wie «Reisen im Licht der Sterne», «Eine Frage der Zeit» oder «Léon und Louise» über seine Grosseltern, alles internationale Bestseller. Zuletzt hat er «Das Leben ist gut» publiziert. Capus ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz. Sein neuer Roman «Königskinder» ist eigentlich eine Novelle. Das Buch wirkt schlicht, ist aber formschön und hintergründig. Es handelt von junger und alter Liebe in Zeiten des Umbruchs und vom Erzählen selbst. Referenzen an die Tradition von Boccaccios «Decamerone» über «Don Quijote» bis «Scheherazade» klingen darin an – unbewusst, sagt Alex Capus.

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