Fest der Solidarität: Gregor Gysi ist für EU ohne Schweiz

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Die linke Prominenz: Regierungsrat Urs Hofmann, Juso-Präsidentin Tamara Funiciello, Festredner Gregor Gysi, Nationalrätin Yvonne Feri, Nationalrat Cédric Wermuth (Bild: Anna-Kathrin Amstutz)

Gregor Gysi ist ein Phänomen. Einer, der die Massen mit brillanten Reden begeistert; einer, der auf YouTube mal schnell 820000 Klicks generiert; einer, dessen Gesicht und Worte sich sofort einprägen. 22 Jahre lang sass er im Deutschen Bundestag, 10 davon als Vorsitzender der Linksfraktion. Und am Samstagabend sprach Gregor Gysi (70), einer der populärsten Links-Politiker im ganzen deutschsprachigen Raum, am Fest der Solidarität im Arbeiterstrandbad Tennwil.

Strandbad-Leiter Jürg Lienhard begrüsste rund 400 Gäste in der «roten Alge am Hallwilersee». Der Anlass zum Gedenken an den Landesstreik von 1918 wurde von SP, Juso, Gewerkschaften und den Naturfreunden Aargau organisiert. So war die gesamte SP-Prominenz aus dem Aargau zugegen, als der Berliner Ehrengast Gysi die Bühne im Festzelt betrat. Unter wehenden Fahnen sprach er über die Entsolidarisierung in der globalen Welt.

«Ein Fehler im Denken»
Gysi sagte, beim Landesstreik vor 100 Jahren habe sich die Wut der Verlierer gegen die Konzerne gerichtet, heute sei das anders: «Nun stehen nicht die eigentlichen Verursacher der Armut im Fokus, sondern die vermeintlichen Konkurrenten.» Doch die Angst, dass Flüchtlinge das Armutsproblem im eigenen Land verschärften, basiere auf einem Fehler im Denken. «Wenn alle Flüchtlinge weg wären, wäre zwar mehr Geld vorhanden. Wie kommen Sie aber auf die Idee, dass Sie davon etwas abbekommen würden?», fragte Gysi mit Nachdruck. Dafür erntete er stürmischen Zwischenapplaus, wie so oft in der über 50-minütigen Rede.

Gregor Gysi nannte fünf Gründe, warum er zur Linken gehört. Einer davon ist der Internationalismus, das Überwinden einer nationalen Denkweise: «Wer nur an der Seite der deutschen Armen oder der schweizerischen Armen steht, der ist nicht links – links ist nur, wer an der Seite von allen Armen steht.» Und dann gab der Berliner seinen Zuhörern eine Lebensweisheit mit auf den Weg: «Nach Jahrzehnten in der Politik habe ich gelernt: Es gibt immer eine Ausnahme.»

Die Ausnahme in Europa sei die Schweiz: Sie war weder in die Weltkriege involviert, noch ist sie Mitglied der EU. «Und deshalb bin ich dafür», schloss Gysi seine Rede, «dass irgendwann alle Länder in der EU sind – ausser die Schweiz. Denn eine Ausnahme muss es geben.»

Gysi genoss Bad im See
Warum er den Weg nach Tennwil auf sich genommen hat, begründete Gregor Gysi folgendermassen: «Ich habe beschlossen, das Alter zu geniessen. Dies ist einer jener Ausnahmetermine, die mir Spass machen sollen.» Das scheint ganz gut zu klappen: Schon am Samstagmorgen vor dem Frühstück hat sich Gysi bei einem Bad im Hallwilersee entspannt. Das hat ihm so gut gefallen, dass er es am Sonntag gleich wiederholen wollte.

Nicht im Wasser, aber am Rednerpult anzutreffen war Juso-Präsidentin Tamara Funiciello (28). Sie erinnerte bei ihrer Ansprache an die Milliarde Menschen, die in Hunger und Armut leben. «Wir sitzen auf einer tickenden Zeitbombe», sagte Funiciello und rief mit gewohnt markigen Worten zum Kampf gegen Armut und für Gleichberechtigung auf.

Wen schickt die SP ins Rennen?
Am Fest der Solidarität zugegen waren auch Yvonne Feri (52) und Cédric Wermuth (32). Die beiden politischen Schwergewichte aus dem Nationalrat haben Interesse an einer Ständeratskandidatur 2019 angemeldet. Am 26. September wird in der internen Ausmarchung am Parteitag bestimmt, wen die SP Aargau nächstes Jahr ins Rennen schickt. Obwohl Feri und Wermuth zunächst gegeneinander antreten, sind sich beide einig: Über allem steht das Ziel, den Sitz von Pascale Bruderer in der SP zu halten. Wer das Erbe antreten soll, ist zweitrangig.

Diese Zeitung hat Feri und Wermuth gefragt, welche besonderen Qualitäten die oder der jeweils andere in den Ständerat bringen würde. Feri über Wermuth: «Er ist blitzgescheit und ein sensationeller Rhetoriker. Nicht nur Frauen, auch junge Leute fehlen im Ständerat; es würde mich deshalb freuen, wenn er das Stöckli aufmischen würde.» Wermuth über Feri: «Über alle Ebenen hat sie die politische Ochsentour durchgemacht. Sie hat eine sehr glaubwürdige Biografie und ihr Leistungsausweis spricht für sich.»

Und was bedeutet für sie Solidarität? Feri: «Zusammenstehen, miteinander vorwärtsgehen, einander unterstützen in schwierigen Situationen – wobei Hautfarbe, Nationalität oder Geschlecht keine Rolle spielen.» Wermuth: «Dass verschiedene Gruppen zusammenhalten – und als Kollektiv die Würde und Freiheit von allen Menschen verteidigen.»

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