«Kein Spieler ist mein Freund»

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Die Gegenwart heisst Abstiegskampf in der Challenge League, langfristig will Sandro Burki den FC Aarau in die Super League führen. (Bild: Fabio Baranzini)

 

Über Nacht vom Fussballfeld ins Sportchef-Büro: Der 31-jährige Sandro Burki lässt sich im August 2017 ins kalte Wasser werfen. Damals liegt der FC Aarau in der Tabelle mit zwei Punkten aus vier Spielen auf Rang 8 und hat sich soeben im Cup gegen die Amateure von Echallens blamiert. Die Hoffnung: Mit Urgestein Burki (seit 2006 beim FCA) geht es aufwärts.

Ein Jahr später die Ernüchterung: Nach vier Spieltagen ist Aarau punktloses Schlusslicht der Challenge League. Einzige sportliche Verbesserung unter Burki: Dank eines Tores in der zweitletzten Minute der Verlängerung gegen den Zweitligisten Amriswil hat sich der FCA für die zweite Cuprunde qualifiziert. Vor dem Heimspiel gegen Chiasso nimmt Burki Stellung zur Krise.

Sandro Burki, Sie haben seit Ihrem Amtsantritt einen Trainer entlassen, ein komplettes Trainerteam installiert und 16 (!) Spieler verpflichtet. Der Blick auf die Tabelle sagt: Sie haben vieles falsch gemacht.

Sandro Burki: Die Fakten kann ich nicht schönreden. Aber ich stehe heute genauso zu meinen Entscheidungen wie vor einem Monat, als es von Ihnen und von der Öffentlichkeit hiess, wir hätten alles richtig gemacht.

Trotz vier Pleiten in Folge und dem mühsamen Cupsieg gegen einen Zweitligisten sind Sie überzeugt, alles richtig gemacht zu haben?

Ich hinterfrage mich jeden Tag. Auch wenn wir 4 Spiele und 12 Punkte hätten. Selbstkritik ist wichtig. Ich verstehe, dass ausserhalb des Vereins die Emotionen hochgehen und dass wegen der Resultate viele Dinge infrage gestellt werden. Intern jedoch müssen wir nüchtern bleiben, Hauruck-Übungen bringen gar nichts. Ich sehe, dass täglich gut und intensiv trainiert wird.

Schweizweit haben die Experten euch vor der Saison in die Top 3 gesetzt. Die Ausrede, die Erwartungen seien zu hoch gewesen, gilt nur mit Abstrichen.

Wir orientieren uns weiterhin an dem, was wir vor der Saison kommuniziert haben: Wir wollen uns in der oberen Tabellenregion etablieren und einen attraktiven Fussball zeigen. Immer mit dem Bewusstsein, dass der FC Aarau die vergangene Saison auf Rang 6 beendete.

Sind wir ehrlich: Sie und Trainer Patrick Rahmen haben vor der Saison die Mängel im defensiven Mittelfeld unterschätzt und darum nicht mit aller Macht einen Transfer angestrebt. Jetzt stehen Sie unter Zugzwang, weil das Transferfenster bald schliesst.

Seit Patrick Rahmen Trainer ist, suchen wir nach einem geeigneten Sechser. Von Anfang an war klar: Wir machen nur einen Transfer, wenn der Spieler in unser Konzept passt und wenn er finanzierbar ist. Das gilt bis heute. Aber ich gebe Ihnen ein Stück weit recht: Mit dem Transferwunsch im defensiven Mittelfeld sind wir nicht wie gewünscht vorwärtsgekommen, auch wenn das Vertrauen in unsere aktuellen Spieler immer da war.

Als Sechser eingeplant war Mats Hammerich. Für ihn wie für Raoul Giger gilt: In der Rückrunde der vergangenen Saison und in der Vorbereitung waren sie gut bis hervorragend. Aber da ging es sportlich um nichts. Seit die neue Saison läuft, funktioniert vieles nicht mehr. Haben Sie sich blenden lassen?

Nach der Vorbereitung hiess es: Wow, dieser Hammerich, bald spielt er in der Super League! Und jetzt soll er zu schlecht für die Challenge League sein? Es ist normal, dass Spieler in guten Phasen überschätzt und in schlechten Phasen unterschätzt werden. Wir intern ordnen die Stärken und Schwächen und jeden Spieler gut ein. Noch etwas wegen Ihrem Hinweis wegen fehlenden Drucks …

Bitte?

Wir waren uns dessen sehr wohl bewusst und haben daher zehn neue Spieler verpflichtet, die unbefleckt von unserer vergangenen Saison sind.

Aber Sie haben es verpasst, einen Anführer zu verpflichten. Mit Verlaub: Die Mannschaft wirkt in den Spielen wie elf Einzelkämpfer.

Wenn man die Spiele von aussen schaut, gebe ich Ihnen recht: Bislang hat sich auf dem Platz keine Führungspersönlichkeit herauskristallisiert. Ich sehe jedoch täglich, wie sich die Mannschaft beim Training und neben dem Platz verhält. Dort nehmen Spieler wie Zverotic, Schindelholz, Schneuwly, Thaler und Frontino ihre Führungsaufgaben wahr. Sie helfen den Jungen und tauschen sich aus mit dem Trainer. Ich bin sportlich und menschlich von diesen Typen überzeugt.

Die Mannschaft ist zu lieb und macht zweifellos zu wenig aus ihrem Talent. Ist sie ein Spiegelbild des Spielers Sandro Burki?

Wenn Sie damit anspielen, dass die Spieler meine Freunde sind: Nein. Keiner ist mir menschlich so nah, dass er mein bester Freund sein könnte. Ich kann Privates und Berufliches gut trennen.

Mit Olivier Jäckle und Marco Thaler sind Sie aus Spielerzeiten befreundet. Ihre Vertragsverlängerungen riechen nach Freundschaftsdienst.

Wer sagt, dass sie meine Freunde sind? Ich muss ein für alle Mal klarstellen: Ich war weder mit Oli noch mit Marco jemals in den Ferien. Wir haben uns früher in der Kabine gut verstanden, mehr nicht. Ich bin von beiden sportlich überzeugt: Marco ist ein spielerisch starker Innenverteidiger, Oli hat im Frühling unserem Spiel viel Stabilität verliehen.

Die Trennung von welchem Spieler ist Ihnen schwergefallen?

Grundsätzlich von jedem. Alessandro Ciarrocchi stand ich persönlich besonders nah. Menschlich hätte ich ihn gerne behalten. Aber aus sportlicher Sicht war ich nicht mehr überzeugt. Einen Freund und Familienvater zu entlassen, das tat weh.

Wie trifft Sie die Krise persönlich?

Monatelang haben der Trainer und ich Tag und Nacht an der Mannschaft gearbeitet, die Ernüchterung ist gross. Es war für mich noch nie so schwer wie jetzt, zuschauen zu müssen. Am liebsten würde ich der Mannschaft auf dem Platz helfen.

Diese Mannschaft und dieses Trainerteam sind Ihr Baby, Sie haben vom Verwaltungsrat innerhalb der Budget-Leitplanken freie Hand bekommen. Ihr Schicksal hängt von den Leistungen in dieser Saison ab.

Ich denke nicht an mich. Ich stelle mich jeden Tag in den Dienst des FC Aarau, ich habe eine enge Bindung zu diesem Verein. Fragen zu meinem beruflichen Schicksal müssen Sie meinen Vorgesetzten stellen. Wenn ich den Job irgendwann nicht mehr haben sollte, will ich in Erinnerung behalten werden als Sportchef, der sich um das Wohl des Vereins gekümmert hat.

Haben Sie je daran gedacht, die Verantwortung für die Krise zu übernehmen und zurückzutreten?

Als mein erstes Kind nach der Geburt krank war, habe ich es nicht einer anderen Familie überlassen, sondern mich selber darum gekümmert. Weil das meine Pflicht war.

Wann ist in Ihren Augen eine Bilanz Ihrer Arbeit gerechtfertigt?

Wenn der neue Trainerstaff und die Mannschaft eine Saison lang zusammengearbeitet haben, kann man differenziert Bilanz ziehen.

Patrick Rahmen muss also nicht um seinen Job fürchten, wenn der FC Aarau weiter verliert?

Das ist kein Thema. Er macht hervorragende Arbeit und geht voran. Für ihn tut mir die Situation am meisten leid.

Themawechsel: Wie familientauglich ist der Beruf des Sportchefs?

Sehr untauglich (lacht). Im Ernst: Ich kenne keinen Sportchef, der wenig arbeitet und Erfolg hat. Unser Familienleben war schon immer vom Fussball bestimmt, aber seit ich Sportchef bin, hat es eine neue Dimension erlangt. Das waren meine Frau und ich uns bewusst, in der Umsetzung gibt es dennoch schwierige Momente. Ich habe nie Feierabend. Der 25. Dezember 2017 war der einzige Tag, an dem ich das Handy nicht angerührt habe. An jedem anderen Tag habe ich gearbeitet.

Hat Sie die Intensität überrascht?

In der ersten Stunde nach der Vorstellung als Sportchef hatte ich über 200 Anrufe auf dem Handy. Dass die Transferphasen streng sind, war klar. Aber ich rechnete zwischendurch mit ruhigeren Phasen, in denen ich langfristige Projekte aufgleisen kann. Da habe ich mich getäuscht: Der Alltag frisst alle Zeit und personell sind wir beim FC Aarau nun mal dünn besetzt. Ich habe auch schon Spielerwohnungen abgenommen.

Wird Ihnen alles zu viel?

Auf keinen Fall, ich liebe meinen Job und fahre jeden Tag gerne ins Brügglifeld. Ausser wenn ich einem Spieler erklären muss, dass sein Vertrag nicht verlängert wird.

Was sind Ihre persönlichen Ziele als Sportchef?

Ich denke nur an Aarau und will den Verein dorthin bringen, wo er hingehört. Dazu gehören die Professionalisierung der Strukturen, die Verbesserung des Images und sportlicher Erfolg.

Wo gehört der FC Aarau hin?

Langfristig in die Super League.

Die Gegenwart lautet «Abstiegskampf in der Challenge League». Die Statistik sagt, dass der FCA zu 50 Prozent abgestiegen ist.

Solche Spielereien überlasse ich Ihnen. Ich fordere von der Mannschaft gegen Chiasso eine engagierte Leistung und hoffe auf die ersten Punkte.

 

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