Nicht ab der Stange: Am Jazzfestival Willisau wird in neuen Konstellationen experimentiert

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Oliver Lake tritt mit seiner Formation zum Abschluss am Sonntag auf. PD

Zeitgenössischer Jazz und Improvisation stehen auch in diesem Jahr wieder im Zentrum des Jazz Festival Willisau (29. August bis 2. September). Was den Anlass heraushebt: Dass Musiker nicht einfach ihre abgeschliffenen Programme abspulen, sondern in neuen Konstellationen spielen. Das macht Entdeckungen und Überraschungen möglich.

Auch bei kulturellen Anlässe lauert die Gefahr der Routine. Viele Veranstalter, die mit dem Anspruch angetreten sind, Trampelpfade zu meiden, dem Unkonventionellen und Ungewohnten eine Bühne zu geben, haben sich in ihrer Nische ruhig und gemütlich eingerichtet. In Willisau wurde das bis heute vermieden. Das ist ein Verdienst von Arno Troxler, der das Jazz Festival bereits zum neunten Mal organisiert. Da er aus einem andern Blickwinkel und mit anderen Vorlieben programmiert als sein Onkel, Festival-Gründer Niklaus Troxler, hat er es hin zu rockigeren und elektronischeren Tönen geöffnet, ohne die Wurzeln im Free Jazz zu verleugnen.

Von vielen anderen Festivals unterscheidet sich Willisau durch den Verzicht auf Konfektionsware von der Stange. Im Programmheft zum diesjährigen, 44. Festival hat Troxler so etwas wie sein Credo festgehalten: Es sollen Musikerinnen und Musiker vorgestellt werden, die sich beseelt, engagiert, kritisch, auf einem hohen künstlerischen Level agierend, mit Improvisation, Interaktion und Interplay auseinandersetzen und Neues schaffen. Sie sollen das Publikum herausfordern, berühren und begeistern.

Entdeckungen machen
Für Arno Troxler gehört es zu einem Festival, Entdeckungen zu machen, mit Ungewohnten konfrontiert und von Neuem inspiriert zu werden. Das kann bedeuten, dass gestandene Musiker mit neuen Formationen auftreten, noch Unbekannte auf der Hauptbühne neben Legenden, Amerikaner neben Schweizern. So gastiert der 78-jährige Gitarrist James Blood Ulmer in diesem Jahr mit dem norwegisch-schwedischen Trio The Thing. Unmittelbar neben der jungen Formation Erb/Baker/Rosaly; einem Schweizer und zwei Amerikanern aus Chicago. Der Saxofonist Oliver Lake, auch schon 75, kommt mit dem jungen Organ Quartet nach Willisau. Ein Urgestein ist der Schweizer Schlagzeuger Fredy Studer, der auch mit 70 Jahren bei jedem Konzert mit unverbrauchter Frische spielt und soeben ein bemerkenswertes Solo-Projekt vorgelegt hat.

Insgesamt 23 Konzerte auf vier Bühnen sind an den fünf Tagen in Willisau zu hören. Für Arno Troxler stellt sich in jedem Jahr neu die Aufgabe, die Balance zwischen vertrauten und unvertrauten Tönen zu finden, eine jüngere Zuhörerschaft anzusprechen, ohne das Stammpublikum zu vergraulen. Er hat diese Aufgabe bis jetzt mit Bravour gelöst, ohne musikalische Anbiederung. Die täglichen Gratiskonzerte mitten im Herzen des Festivalgeländes bieten ein breites musikalisches Programm. Unter anderem mit 22° Halo, ein Quartett rund um die in Schötz aufgewachsene Sängerin Lea Maria Fries oder das multiinstrumental soulige Duo Irina & Jones. Auftreten wird speziell eine neue Generation von Trompetern und Trompeterinnen wie die Amerikanerin Jaimie Branch (34). Sie ist deutlich vom offenen Geist der Chicago Szene geprägt, wo sie die ersten 30 Jahre als Musikerin, Veranstalterin und Toningenieurin heftig mitgemischt hat. Inzwischen lebt sie in New York, hat eigene Bands und ist gefragte Side-Woman. Neben Jaimie Branch ist der Zürcher Silvan Schmid (31) eine weitere interessante Trompetenstimme der jungen Generation am Festival. Sein lyrischer Sound entfaltet sich mit präziser Kraft, gleichzeitig ist er eine markante Stimme in freien Gefilden. Sein Quintet, in dem auch der vielversprechende Saxofonist Tapiwa Svosve mitwirkt, setzt auf eigenwillige Klangfarben und kompositorische Ecken und Kanten, die mit Improvisation gekittet werden.

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