Aargauer Primarschüler erhalten 1000 Stunden weniger Unterricht als Genfer – ist das fair?

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Dauert nicht in jedem Kanton gleich viele Stunden: Die obligatorische Schulzeit. (Bild: KEYSTONE)
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Sind Genfer Kinder intelligenter als Luzerner oder Aargauer? Geht es nur nach der Unterrichtszeit, ist die Antwort eindeutig «Ja». Der kürzlich veröffentlichte Bildungsbericht 2018 offenbart bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Kantonen.

So sitzen Genfer Kinder bis zum Ende der Primarschule über 1000 Stunden länger im Unterricht als Luzerner. Auch St. Galler, Tessiner und Glarner verbringen Hunderte Stunden mehr im Klassenzimmer als Zuger, Berner oder Aargauer.

Der Wohnort bestimmt, wie viel Stoff sechs- bis elfjährige Kinder in der Primarschule lernen – und damit auch, wie gut ihre Ausbildung ist. «Natürlich beeinflusst die Unterrichtszeit die Leistung der Schüler», sagt Urs Moser, Bildungsforscher an der Universität Zürich. Das gelte zwar nicht für alle Fächer gleichermassen, doch gerade in Kerngebieten wie Mathematik seien mehr Lektionen nützlich. Die Kinder könnten – anders als beispielsweise beim Lesen – ihre Defizite nur selten ausserhalb der Schule nachholen.

Eltern seien sich der grossen kantonalen Differenzen oft nicht bewusst, sagt Moser. Sonst würden sie bei der Wahl des Wohnorts stärker darauf achten. Zwar gibt es Elternproteste wegen zu wenig Unterricht, allerdings erst, wenn an der bereits bestehenden Lektionenzahl geschraubt wird. So wie zuletzt in Schaffhausen. Nachdem die Regierung 2016 angekündigt hatte, eineinhalb Stunden pro Woche zu kürzen, wehrten sich Eltern gegen das Spardiktat. Mit Erfolg, ihre Initiative «Kein Abbau» wurde mit 78 Prozent deutlich angenommen. Kantone werden Sparmassnahmen künftig eher über grössere Klassen regeln als über weniger Unterricht, glaubt deshalb Moser.

Weniger lange Lektionen
Der Schweizer Durchschnitt liegt in der Primarstufe bei 816 Stunden im Jahr. Die grossen kantonale Differenzen haben vor allem zwei Ursachen: Erstens dauert eine Schullektion nicht überall 45 Minuten, sondern in manchen Kantonen 50. Zweitens ist das Schuljahr nicht überall gleich lang. Die meisten Kinder gehen im Jahr 38 Wochen zur Schule. In St. Gallen, Baselland und Thurgau sind es 39, in Basel-Stadt und Appenzell Ausserrhoden verbringen Primarschüler sogar 40 Wochen im Schulzimmer. In Genf und im Tessin wiederum ist die Anzahl der Lektionen pro Woche schlicht höher.

Verzweifeln sollten Eltern in Luzern, Bern oder im Aargau trotzdem nicht. Die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung hat in einer Studie nachgewiesen, was zusätzlicher Unterricht nützt. Zwar steigert sich die Leistung der Kinder, jedoch nicht proportional, wie man annehmen könnte. Das gilt selbst für Mathematik, wie ein Vergleich zwischen Schulen mit unterschiedlichen Stundenplänen zeigt. Berücksichtigt wurden neben der Mathematik die Naturwissenschaften und das Lesen. Die Studienverfasser sehen den Grund in den gesteckten Erwartungen. Nur wenn die Lernziele nach oben korrigiert werden, würde zusätzlicher Unterricht auch eine deutlich bessere Leistung hervorbringen. Ansonsten stagniere die Lernkurve. «Man lernt, was man lernen muss, in der Zeit, die einem zur Verfügung steht.»

Schweiz nicht an der Spitze
Die zweite Erkenntnis der Studie betrifft das Niveau innerhalb der Klasse: Das Leistungsgefälle wird durch zusätzlichen Unterricht grösser. Das heisst, schwache Schüler holen ihr Defizit nicht auf, sondern verlieren weiter an Bo- den. Dabei heisst es meistens, zusätzlicher Unterricht komme besonders den schwächeren Schülern zugute. Dem ist laut der Studie nicht so.

Der Erfinder der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, weiss, welche Länder ihre Kinder besonders gut fördern. Auch er sagt, die Zahl der geleisteten Stunden würde nur wenig aussagen. «In den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen die Kinder mehr als 60 Stunden pro Woche im Unterricht oder beim Nachhilfelehrer und das Ergebnis ist miserabel.» Finnland würde hingegen mit der Hälfte der Lektionen viel bessere Resultate erzielen. «Es geht neben der Quantität auch um die Qualität.» Man müsse sich fragen: Wie gut sind die Lehrer? Wie oft tauschen sie sich aus? Wird individualisiert gelernt? Werden Kinder mit Migrationshintergrund genügend gefördert? Die Ganztagsschule sei ebenfalls ein interessanter Ansatz.

Der Unterricht in der Schweiz sei qualitativ gut, sagt der Deutsche. Was die Anzahl Stunden betrifft, liegt das Land allerdings im Durchschnitt. Für Schleicher ein Fehler: «Die Schweiz sollte sich in allen Belangen an der internationalen Spitze orientieren, nicht am Mittelwert.» Da sei sicherlich noch viel Luft nach oben.

Reform: Gleiche Ziele wegen des Lehrplans 21

Der Schweizer Durchschnitt liegt in der Primarstufe bei 817 Unterrichtsstunden im Jahr. Daran orientiert sich auch der Lehrplan 21 , der spätestens im Schuljahr 20/21 in allen Deutschschweizer Kantonen eingeführt wird. Darin wird klar definiert, was Schüler auf welcher Stufe können müssen. Dabei variiert die Unterrichtszeit zwischen den Kantonen stark. Das kann zu Problemen führen. Allerdings hat der Lehrplan einen Vorteil: Er funktioniere nach dem Prinzip 80:20. 80 Prozent sind fix für bestimmte Inhalte und Kompetenzen reserviert. Die restlichen 20 Prozent stehen zur freien Verfügung, beispielsweise für Vertiefungen und Themenschwerpunkte. Deshalb benötigen die Kantone nicht zwingend die gleichen Stundenzahlen. Zuletzt wurde sogar über einen Abbau der Lektionen diskutiert – aus Spargründen. Dagegen wehren sich allerdings nicht nur Eltern, sondern auch die Lehrer. Wenn in kürzerer Zeit gleich viel gelernt werden müsse, steige der Stress für alle. Es gäbe Kinder, die den höheren Lerndruck nicht aushalten und den Schulverleider bekommen würden, warnte der Lehrerverband. (yno)

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