Autorin Milena Moser: «Ich bin kein Opfer – ich will einfach glücklich sein»

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«Beim Schreiben folge ich den Bildern, die auftauchen. Das hat etwas Magisches»: Milena Moser (55) auf der Dachterrasse ihres Verlages in Zürich. (Bild: Claudio Thoma)

Am Vorabend ist Milena Moser aus Santa Fe angekommen. Sie ist ein bisschen zu spät beim vereinbarten Termin in ihrem Verlag, das Tram hat eine neue Wegführung — Dinge, die sie heute gelassen nimmt. Beim Fototermin auf der Dachterrasse im Englischen Viertel von Zürich stört sie sich nicht am Wind, der ihr die Locken ins Gesicht weht, und lacht herzhaft.

Milena Moser ist offen, lebhaft und herzlich, oft lässt sie ihre Mimik oder die Hände einen Gedanken zu Ende führen. Über Amerika will sie jedoch nicht sprechen, auch nicht über ihre eigene Jugend, lieber über ihr neues Buch: ein Familienroman über drei Generationen, der vor allem die Lebensbiografien von zwei Männerfiguren nachzeichnet.

Milena Moser, vor fünf Jahren haben Sie gesagt, mit 50 fängt das Leben noch einmal neu an...

Milena Moser: Das hat meine Mutter immer gesagt, es hat sich sehr bestätigt.

Sie haben jetzt ein neues Leben?

Absolut. Es sind nicht so sehr die äusseren Umstände. Es fühlt sich anders an, wie ich mit dem Leben umgehe. Vor Kurzem habe ich mein autobiografisches Buch über meine Amerikareise wiedergelesen. Da dachte ich: die arme Frau! Das war schon so weit weg. Heute schlägt das Leben nicht mehr so über mir zusammen.

Eine neue Grundgelassenheit?

Mein Leben ist ja nicht einfach mit einem Mann, der schwer krank ist, und mit all den Notfällen, die wir schon hatten. Es ist so verlockend und so falsch, zu denken, dass alles gut wird, wenn man im richtigen Land lebt und den richtigen Mann kennt! Man fühlt sich nicht besser, wenn man die äusseren Umstände verändert. Es ist umgekehrt: Das Äussere ist die Folge davon, dass man mehr mit sich in Kontakt ist — ach, jetzt klinge ich wie ein Guru… (lacht) Die nächste Frage bitte!

Hat das mit dem Alter zu tun?

Für mich sicher. Ich hoffe sehr, dass die meisten Frauen schneller sind als ich. 50 ist ein bisschen spät. Ich habe das jahrelang durchgespielt: Eigentlich würde ich gerne das tun, aber mein Mann will das, meine Mutter will das. Gut, dann mache ich das, was sie wollen, dann lieben sie mich mehr. Aber niemand will mit jemandem zusammen sein, der sich aufopfert. Man muss jemanden finden, mit dem es passt.

Ihre Söhne sind jetzt auch gross.

Ich höre immer noch: Wo sind denn Ihre Kinder, ich könnte das nie! — Sie müssen ja auch gar nicht. Es war einfach meine Entscheidung. Und klar, die Kinder sind weit weg! Aber mein älterer Sohn hat mir schon gesagt: Wenn du in der Schweiz leben würdest, würdest du nicht drei Wochen bei uns wohnen. Meine Mutter meinte immer: Alle wichtigen Entscheide trifft man 49 zu 51 Prozent, nicht 99 zu 1. Das hat mir immer sehr geholfen.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?

Im persönlichen Bereich gibt es ganz viele Dinge, die mir fehlen. Und: Die Schweiz ist besser organisiert. Wenn ich mit Viktor auf dem Notfall bin, wünsche ich mir, wir wären im Unispital und nicht im Marc Zuckerberg General Hospital.

So heisst das, wirklich?

Ja, der Gründer von Facebook hat ein paar Millionen gespendet. Das hat aber an der Qualität nichts geändert, zumindest auf dem Notfall nicht. Ansonsten fehlen mir vor allem die Menschen.

Sie erneuern gerade Ihr Visum. Wie ist es, mit der Unsicherheit zu leben, ob sie zurückkehren dürfen?

Wenn es nicht erneuert wird, dann fällt mein ganzes wunderbares schönes neues Leben in sich zusammen! Aber es ist typisch, ich habe mir das nie überlegt. Ich bin jetzt schon zweimal bei der Einreise festgehalten worden, das ist sehr unangenehm.

Sie leben seit drei Jahren in Santa Fe. Wie geht es mit dem Deutsch?

Ich schreibe auf Deutsch, ich denke auf Deutsch, ich träume auf Deutsch. Der ultimative Test ist, wie man reagiert, wenn man ein Baby sieht. Oder wie man Geld zählt.

Beim Schreiben kommt Ihnen das Englisch nicht in die Quere?

Ich glaube, ich brauche weniger englischsprachige Ausdrücke als jemand, der in der Schweiz lebt, wo die Sprache mit englischen Wörtern durchsetzt ist. Ich trenne die beiden Sprachen stärker.

Ist Schreiben auf Englisch eine Option für Sie?

Ich weiss nicht wie lange es dauert, bis jemand damit anfängt. Ich kenne in Santa Fe viele Schweizer, ich rede oft Schweizerdeutsch, lese Zeitungen und Bücher aus der Schweiz, und wenn ich etwas nicht verstehe, sage ich: I am so sorry, but I am from Switzerland! Mein jüngerer Sohn meint: Wenn Du in die Schweiz eingewandert wärst, würde man dir vorwerfen, du seiest schlecht assimiliert.

Das hat etwas.

Schon, ja (lacht).

In Ihren früheren Romanen haben Sie jeweils stark aus ihrem eigenen Leben geschöpft…

Alles schöpft man aus dem eigenen Leben. Was ich lebe, erinnere, träume, denke, daraus wachsen meine Geschichten.

Bisher waren alles Frauenfiguren.

Ich habe nicht so viel Kontrolle über meine Figuren. Sie drängen sich in mein Bewusstsein. Oft ist es ein Bild, oder etwas, was ich höre. Dann schreibe ich das auf und folge dem. Das hat etwas Magisches, es ist das, was ich am Liebsten mache. Aber mich hat es immer geärgert, wenn es hiess, das hat eine Frau geschrieben, die Hauptfigur ist eine Frau, das ist ein Frauenbuch. Man sagt nie, das ist ein Männerbuch, weil es ein Mann geschrieben hat und ein Mann die Hauptfigur ist. Ich bin Buchhändlerin und ich bin lesesüchtig. Entweder packt mich es oder nicht.

In ihrem neuen Roman geht es jedoch fast nur um Männer.

Das ist, glaube ich, der grösste Unterschied. Es fing mit dem Bub in den Vierzigerjahren an, mit Luigi und seiner Mutter im Zug. Erst als ich schon fast fertig war, wurde mir bewusst, dass es fast nur um Männer und Buben geht. Es hat sich einfach so entwickelt. Der Schreibprozess war nicht anders. Das Buch brauchte nur mehr Platz.

War das der eigentliche Grund, warum Sie ausgewandert sind?

Ich wollte schauen, ob da wirklich etwas ist, was den Platz braucht und ihn dann füllt. Das Mutigste dabei war, all die Sachen aufzugeben, die ich eigentlich wahnsinnig gerne mache: meine Kurse, das Theater, das Radio, die wöchentliche Kolumne — und die damit verbundene finanzielle Sicherheit natürlich. Es dauerte mehr als drei Jahre, bis ich wusste, dass da eine ganze Welt ist, die mich hineinzieht. Aber erst jetzt, seit das Buch da ist und mit ihm erste Reaktionen, weiss ich, dass es das ist, was ich gemeint hatte und dass man das offensichtlich auch merkt.

Wie viel von Ihnen steckt in den Männerfiguren?

In einem Roman gebe ich viel mehr von mir preis als in meinen autobiografischen Büchern, weil ich keine Kontrolle darüber habe, was ich erzähle und worauf ich den Fokus lege. Es kommt so viel in Bildern herauf. Ich realisiere das erst, wenn ich die Lesungen vorbereite. In diesem Buch steckt sehr viel von meinem Erlebten, oder eher die Essenz vom Gefühl einer Erfahrung. Auch wenn es Männer sind: «Madame Bovary, c’est moi.»

Wie haben Sie sich in die Psychologie von Männern hineingefunden?

Eine zentrale Frage ist für mich: Warum gehen zwei Menschen, die dasselbe erleben, ganz anders damit um. Mich interessiert die Psychologie, die sich statt mit Störungen mit dem Glück und mit der Resilienz befasst: Wie kommt es, dass bei jemandem, der das KZ überlebt hat, die schwarze Wolke nie mehr von ihm weicht, während ein anderer es schafft, ein halbwegs erfülltes Leben zu leben? Diese Frage hat mich umgetrieben. Ich kenne nicht alle Männer und meine Figuren stehen nicht für alle Männer. Es sind einfach meine Figuren. Ihre Psychologie kenne ich.

Liegt die Fähigkeit zum Glück beim einzelnen Menschen?

Ich glaube, ja. Im Buddhismus sagt man: Der erste Pfeil, der dich trifft, ist das, was dir passiert — dein Mann verlässt dich, du hast Krebs, du verlierst deinen Job, was auch immer. Der zweite Pfeil ist, was du daraus machst. Das finde ich ein sehr gutes Bild. Der zweite Pfeil bringt das Gift, nicht der erste.

Was fördert die Resilienz?

Man sagt, auch wenn ein Kind in grauenhaften Umständen aufwächst, wenn es eine Person gibt, oft ein Lehrer oder ein Nachbar, die dem Kind das Gefühl gibt: Ich sehe dich und mich interessiert es, was aus dir wird, ich glaube an dich, mir ist es nicht egal, dann reicht das oft schon.

Hat sich die heutige Gesellschaft verbessert?

Es ist ja nicht so, dass Kindsmissbrauch nicht mehr stattfindet.

Das nicht, aber ist die Gesellschaft nicht offener und bietet Hilfe an?

Man redet mehr über solche Dinge. Aber ähnlich, wie man vor dreissig Jahren über Krebs zu reden begann: Wir hören nur die allertragischsten Geschichten, die ein Leben nachhaltig zerstören, so wie wir früher nur vom tödlichen Ausgang der Krankheit hörten. Deswegen können wir uns nicht vorstellen, dass in einem Restaurant zum Beispiel jeder fünfte, der dort sitzt, als Kind missbraucht wurde. Wir sehen es ihnen nicht an.

Haben Sie selbst in irgendeiner Form Missbrauch erlebt?

Das Buch ist kein Erlebnisbericht, es ist ein Roman.

Ihr Roman spannt sich über drei Generationen von den Vierzigern zu den Siebzigern bis zur heutigen Zeit. Wie haben Sie den Plot angepackt?

Mein erster Entwurf ist ein Riesendurcheinander. Sobald mir die Geschichte klar ist, ich aber noch nicht weiss, wie ich sie erzähle, mache ich farbige Kärtchen und schreibe Stichworte darauf. Die Kärtchen lege ich auf dem Boden aus und schaue, wie mir die Farben gefallen…

Sie schauen, wie Ihnen die Farben gefallen?

Eine grossartige welsche Autorin, Amélie Plume, die Romane in Gedichtform schreibt und ursprünglich Malerin ist, hat mir vor Jahren erzählt, dass sie es so macht. Ich habe also die Kärtchen am Boden (steht auf, wie wenn die Kärtchen dort liegen würden), dann fange ich an, zu schieben und achte nur auf den Rhythmus. Ich weiss, ob es eine Geschichte ist, die schnell läuft, oder eher in sanfteren Wellen. Irgendwann weiss ich: Das ist es. Dann mache ich die feinere Arbeit und passe die Anschlüsse an. Das klingt etwas schräg, (lacht) aber es funktioniert für mich.

Luigi kommt in den Vierzigerjahren auf eine Schule, die den Gründergedanken und die Naturphilosophie umsetzt. Wie präsent sind diese Ideen heute in den USA?

In Nordkalifornien sind die «Preppers» recht verbreitet. Sie bereiten sich auf den Weltuntergang vor und horten Lebensmittel und Wasser im Wald. Aber bei der Schule hat mich interessiert, dass das Gute und das Schlechte so nah beieinanderliegen. Als ich noch am Schreiben war, wurde die Geschichte von Jürg Jegge bekannt. Das hat mir das Herz gebrochen. Als unverstandener, unglücklicher Teenager wollte ich in seine Schule gehen.

Ist Jürg Jegge ins Buch eingegangen?

Nein, ich hatte «meine» Schule schon beschrieben. Aber es ist immer so, wenn man sich mit etwas befasst, sieht man es plötzlich überall.

Ist das Buch indirekt eine Antwort auf Trump.

Die Grundfrage ist eine universelle. Aber klar, viele Leute, die ich kenne, haben jetzt Angst. Und viele Leute sagen, ihre Beziehungen hätten sich verändert. Ich kenne einen Psychiater, der mir gesagt hat, er habe bei all seinen Patienten die Dosis erhöhen müssen.

Bücher spielen in Ihrem Buch eine Rolle, ebenso Filme…

Die Filme habe ich alle erfunden, das hat mir sehr Spass gemacht. (lacht) Die Filme handeln von der Geschichte der Indianer und davon, wie falsch sie der klassische Western zeigt.

Was interessiert Sie an den indianischen Sagen?

Ich als Federica-da-Cesco-geprägte Europäerin habe mich auf die Sagen gestürzt und gehofft, dort Weisheit zu finden. Aber das sind ja auch Vorurteile, selbst wenn sie positiv sind. Am Anfang haben mich die Sagen frustriert, weil sie keinen Sinn machen, sie wiederholen sich ständig, haben keine Pointe, keine Moral. Sie brechen das lineare Erzählen auf, das Bestreben, auf einen Punkt hinauszuwollen.

Wie normal ist es in San Francisco, zwei Väter zu haben?

Völlig normal. Bereits als ich vor zwanzig Jahren dort gelebt habe, hatten die Schulen in San Francisco so komplizierte Elternbriefe geschrieben: Liebe Eltern, Miteltern, Stiefeltern, Co-Eltern, Alleinerziehende…, um ja niemanden auszuschliessen. Diese Familien sind oft superbünzlig. Wahrscheinlich weil sie so gekämpft haben. Sie wollen die Familienform nicht infrage stellen.

«Das was uns passiert ist, hat nichts mit uns zu tun», lautet ein Schlüsselsatz im Roman. Was ist gemeint?

Die Freundin, der ich das Buch gewidmet habe, hat mir das mal so erklärt: Wenn im Bus ein Betrunkener auf dich draufkotzt, ist das eklig, aber es hat nichts mit Dir zu tun. Wenn man missbraucht wird, hat man immer das Gefühl, es hat etwas mit einem selbst zu tun. Das ist der zweite Pfeil. Man soll verarbeiten, aber nicht verdrängen.

Woher nehmen Sie selbst die Kraft, immer neu anzufangen?

Seit ich ein Kind bin, habe ich den Zugang zu einer anderen Welt, erst durch das Lesen, dann durchs Schreiben. Ich habe mit acht Jahren angefangen, Geschichten zu erfinden. Das war sicher eine Flucht, aber ich habe auch gesehen, dass es da noch eine Welt gibt, in der ich mich zurechtfinde und wohlfühle. Und ich habe einen unbändigen Willen, ich will einfach glücklich sein.

Was hilft Ihnen dabei?

Der Buddhismus und das Meditieren sind extrem wichtig für mich. Vieles, was ich in meinem Leben verändern konnte, hat damit zu tun. In der Meditation lernt man, dass alles kommt und geht. Auch wenn einem etwas über den Kopf wächst, es ist nicht die Realität. Aber vor allem: Ich bin kein Opfer. Ich will einfach glücklich sein. (lacht)

 

Milena Moser: «Land der Söhne», Nagel & Kimche, 420 Seiten; Buchtaufe: 5.9. Kosmos, Zürich

Persönlich

Um es gleich vorwegzunehmen: «Land der Söhne» ist Milena Mosers bester Roman. Die Autorin ist 1963 in Zürich als Tochter der Psychologin Marlis Pörtner und des Schriftstellers Paul Pörtner geboren. Sie hat zwei Söhne im Alter von 23 und 30 Jahren. 2015 ist sie zum zweiten Mal in die USA ausgewandert und lebt in Santa Fe. Sie ist gelernte Buchhändlerin. Um ihren ersten Roman «Die Putzfraueninsel» zu publizieren, gründete sie den Krösus Verlag. Ihr erfolgreichstes Buch ist der autobiografische Bericht «Das Glück sieht immer anders aus» von 2015. «Land der Söhne» erzählt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, der Hippiebewegung und heutiger gesellschaftlicher Umbrüche von prekärer Selbstfindung in der Pubertät und vom Umgang mit Übergriffen. Amerika ist mehr als Kulisse, souverän spiegeln sich Lebensbiografien und Weltgeschichte.

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