Philipp Müller lässt niemanden kalt – jetzt zieht sich der FDP-Vollgaspolitiker zurück

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Philipp Müller im Ständerat. Keystone

Zum Ende seiner langen Polit-Karriere, die vor 21 Jahren im Aargauer Kantonsparlament begonnen hat, wirkt Philipp Müller fast staatsmännisch. Seine Anzüge sitzen besser, die Krawatten sind dezenter, seine Worte moderater und seine Auftritte rarer geworden.

Seit drei Jahren sitzt Müller im Ständerat, und wer gedacht hat, der Gipser aus Reinach, wie er oft genannt wurde – manchmal als Kompliment, manchmal als Spöttelei –, passe nicht in die ehrwürdige Parlamentskammer, der sieht sich eines Besseren belehrt. Philipp Müller ist wandelbar, und scheinbar mühelos mutierte er vom polternden Parteipräsidenten zum würdevollen Ständeherren. Allerdings wurde man den Eindruck nicht los, dass seine angestammte Rolle, die des Provokateurs, besser zu ihm passte. Vielleicht glaubt das auch Müller selber, denn nach einer Amtsperiode hat er gestern seinen Abgang angekündigt.

Müller, der Aufsteiger

Müller kam von unten, und das hat ihn geprägt. Nach der Lehre als Gipser/Stuckateur übernahm er das elterliche Gipsergeschäft, das mit Schulden belastet war, sanierte es und baute es zur Generalbauunternehmung aus. Müller wurde zum Selfmade-Millionär. In der Politik startete er ebenfalls als Aussenseiter, auch innerhalb der FDP. Anfänglich mit Positionen, die man eher in der SVP ansiedeln würde.

Landesweit bekannt wurde er, als er Ende der 90er-Jahre die Initiative «Für eine Regelung der Zuwanderung» lancierte. Sie wollte den Ausländeranteil auf 18 Prozent begrenzen, erlitt 2000 aber an der Urne Schiffbruch. Das Etikett des «18-Prozent-Müller» wurde der Freisinnige nie mehr los, was ihn bisweilen nervte, aber dazu beitrug, dass er auf die nationale Bühne katapultiert wurde. 2003 wählten ihn die Aargauer in den Nationalrat.

In Bern entfernte er sich von seinen radikalen Positionen und grenzte sich von der SVP ab. Das machte ihn zum Lieblingsfeind der Volkspartei, der nun auf ihrem Kern- gebiet der Migrationspolitik ein dossierfester Gegner erwuchs, den man schwerlich in die linke Gutmenschen-Ecke stellen konnte.

Müller, der Zahlenmensch

Müller versteht es, in der «Arena» jeden Gegner mit Zahlen- und Faktenhuberei zu erschlagen. Zu Hause hat er ganze Wandschränke voller Statistiken, die er säuberlich in Hängemappen sammelt. Aus dem Gedächtnis kann er abrufen, in welchem Jahr wie viele Ausländer aus der EU und Drittstaaten einwanderten und wie hoch die Anerkennungsquoten im Asylwesen für jede Nationalität sind. Selbst noch als Ständerat vermag er die SVP zur Weissglut zu treiben. Die Umsetzung beziehungsweise Nicht-Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative trägt seine Handschrift: Beim Arbeitslosenvorrang arbeitete er mit seinem natürlichen Gegner, Gewerkschafts-Präsident und SP-Ständerat Paul Rechsteiner, zusammen. Die «Weltwoche» schäumte: «Philipp Müller schadet dem Freisinn, er schadet der Schweiz», schrieb Verleger Roger Köppel. Der fasste niemanden härter an als Müller.

Müller, der Unabhängige

Den Aargauer stachelte das erst recht an. Er liess sich nie vereinnahmen, nicht von rechts und schon gar nicht von links. Für einen Freisinnigen ungewöhnlich, ist er mit den Wirtschaftsverbänden nicht verfilzt. Diesen fuhr er selbst als FDP-Präsident vergnügt an den Karren. Dass er als Nicht- Akademiker und ohne Bezug zum Finanzplatz überhaupt Parteipräsidentwerden konnte, war geschichtsträchtig. Müller streifte der FDP das Bahnhofstrassen-Image ab, vertrieb den Parfum-Duft allzu geschniegelter Wirtschaftsfreisinniger und sorgte dafür, dass die FDP wieder näher beim Volk politisierte. Einen CEO brandmarkte er öffentlich als «Abzocker» und nannte ihn «Arschloch». Ein Tabubruch, der für Empörung sorgte; Müller fürchtete eine Zeit lang gar, der Ausrutscher könne ihn den Job kosten. Doch der Sturm zog vorbei, und bei kantonalen Wahlen und dann auch den Nationalratswahlen 2015 gewann der Freisinn erstmals seit langem wieder.

Müller, der Privatmann

Trotzdem trat Müller als Präsident zurück – auch aus Gründen der Belastung: Innerhalb von zwei Jahren hatte er 300 Abend-Anlässe abgehalten und war ausgepowert. Man spürte: Der Mann mit der harten Rhetorik hat einen weichen Kern. In diese Zeit fiel auch sein vielleicht schwärzester Tag: Der Auto-Fan und ehemalige Spitzen-Rennfahrer verursachte mit seinem Mercedes in Lenzburg einen Unfall, bei dem eine 17-jährige Frau schwere Beinverletzungen erlitt. Müller wurde wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung verurteilt. Der Unfall belastete seinen Ständeratswahlkampf, doch am Ende schaffte er die Wahl ins Stöckli problemlos. Jetzt wandelt sich Müller einmal mehr. Auch privat: Er zog weg von Reinach, seit kurzem wohnt er mit seiner zweiten Ehefrau in Meisterschwanden am Hallwilersee. Zu seinen drei Töchtern pflegt er eine enge Beziehung. Aber wird er die Politik und die Medien, die ihm immer wichtig waren, nicht vermissen? Er selber sagt sofort: «Nein!» Das Wort fällt fast zu schnell.

«Meine Wahl zum FDP-Chef war eine kleine Revolution»

 

Herr Müller, warum gehen Sie nach einer Amtsperiode im Ständerat?

Philipp Müller: Ich möchte die Politik verlassen, solange sie mir noch Freude macht. Und das tut sie – auch für mein letztes Jahr in Bern bin ich topmotiviert.

Sie haben ein zweites Mal geheiratet und sind nach Meisterschwanden gezogen. Hat das Ihren Entscheid beeinflusst?

Nein. Meine Frau unterstützt mich voll, in allem, was ich mache. Sie ist selber voll berufstätig und arbeitet in Zürich. Aber natürlich haben wir lange über meine politische Zukunft diskutiert. Langweilig wird mir nicht!

Was sind Ihre Pläne?

Ich habe in Meisterschwanden ein grösseres Bauprojekt angestossen. Die Bauerei wird nun wieder wichtiger für mich. Ich werde auf Jahre hinaus vieles zu tun haben. Zudem möchte ich das soziale Netz wieder besser pflegen. Das kam in den letzten Jahren zu kurz.

Und politisch? Werden Sie sich nach Ihrer Zeit im Ständerat noch öffentlich vernehmen lassen?

Wir haben Beispiele von Ehemaligen, die den Aktiven besserwisserisch dreinschwatzen. Das will ich nicht! Ich werde mich öffentlich nicht mehr äussern.

Wen wünschen Sie sich als Nachfolger?

Ich habe keinen Favoriten. Die FDP Aargau hat sehr starke Leute. Der Parteitag wird entscheiden.

Sie beenden eine rund 20 jährige Polit-Karriere. Was war Ihr Höhepunkt?

Da gibt es viele. Aber meine Wahl zum Parteipräsidenten 2012 war etwas Sensationelles. Es war eine kleine Revolution, dass ein Nicht-Akademiker, ein Gipser, auf den Thron gehoben wurde. Rückblickend war es wahrscheinlich genau das Profil, das die FDP damals brauchte.

Welche Fehler haben Sie gemacht?

Als Parteipräsident musste ich zuerst lernen, dass ich eine ganz andere Rolle habe, auch medial. Wenn ich etwas sagte, hiess es: «Die FDP hat gesagt ...», nicht: «Philipp Müller hat gesagt.» Ein Jahr lang habe ich da praktisch nur Fehler gemacht und beispielsweise auf Kritik von Journalisten mimosenhaft reagiert.

Einmal nannten Sie einen Bankchef, der Millionen verdiente, ein «Arschloch».

Wer sagt, dass es ein Bankchef war? Aber gut. Mir ging es grundsätzlich darum, bei der FDP zurück zu einer klaren Sprache zu finden. Ich fing zum Beispiel an zu sagen: Warum schreibt ihr immer Fremdwörter in die Medienmitteilungen? Warum schreibt ihr «explizit» und nicht einfach «ausdrücklich»?

Eine Frage an den Aargauer Standesvertreter: Wie hat sich der Kanton in all den Jahren verändert?

Zum Guten! Man nimmt den Aargau heute vermehrt als grossen, starken Kanton wahr und nicht nur als Durchfahrtskanton. Wir haben unsere Identität geschärft, eindeutig. Das Image unseres Kantons hat sich klar verbessert.

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