Wie viel Wahrheit und Fake stecken in der Bibel?

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Referentin Sibylle Forrer. pec

«Was ist Wahrheit?», so Sibylle Forrer rhetorische Frage und diejenige, um die sich auch ihr Referat im Rahmen der ökumenische Septemberveranstaltung drehte. An den Themenabenden steht das Thema «Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach» im Mittelpunkt. Sibylle Forrer, die als Pfarrerin in Kilchberg tätig ist und Sprecherin des TV-Formats «Wort zum Sonntag» war, beleuchtet wie viel Wahrheit und Fake in Bibel und Kirche steckt. Anhand der Szene von Jesus vor Pilatus (Joh. 18,33ff; «Was ist Wahrheit?») erläuterte sie das aristotelische Wahrheitsverständnis, wie es auch heute insbesondere in den Naturwissenschaften bekannt ist: was den Fakten entspricht, beweisbar und logisch richtig ist. Im Begriff «postfaktisch» werde dieses heute vermehrt angezweifelt und einer «gefühlten Wahrheit» gegenübergestellt. Dies, so Forrer, gegen alle Beweise und aus einem Anti-Establishment-Reflex heraus politisch die Wahrheitsfrage oft eigentlich umschiffend. Aber bedeutet die Macht haben auch die Wahrheit zu besitzen? Dagegen zitiert Sibylle Forrer den Theologen Eberhard Jüngel, der sinngemäss sagt: Wahrheit kann man nie besitzen, man kann sich nur von ihr erfassen lassen. Forrer erklärte, dass von der hebräischen Wurzel der Begriff «Wahrheit» Zuverlässigkeit, Treue, Glaubwürdigkeit, Verbindlichkeit, Vertrauen – also ein existenzielles Beziehungsgeschehen bedeute. «Wahrheit versteht sich dann als Erfahrungsgeschehen, wenn das getan und gelebt wird, was dem Leben und der Befreiung der Menschen und der Schöpfung dient», sagte Forrer und meinte so sei das bekannte Johannes-Wort «ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» zu verstehen. «Dieses Wahrheitsverständnis ist immer an Subjekte und menschliche Gemeinschaften sowie einen geschichtlichen Kontext gebunden, weil sie sich darin als existenziell «wahr» erwiesen haben.» Die erzählerische Form möge erfundene Figuren und «Fakten» enthalten, denn Historizität sei eben nicht deren Kern, sondern die existenzielle Erfahrung darin. «Die Bibel muss gerade deshalb immer neu in die Gegenwart übersetzt werden», sagte Forrer und meinte weiter, dass dies zwar historisch-kritisches Wissen mit einbeziehe, aber eben nicht «gemacht» oder «gelehrt» werden könne. «Menschen können den Wahrheitsgehalt nur in ihre eigene Geschichte hinein erfahren, indem sie sich darauf einlassen.»

Dass gerade die Kirchengeschichte voll von Missverständnissen und Machtansprüchen eines Wahrheitsbesitzes ist, entbehre nicht der Ironie. «Jesus hat nicht die Wahrheit, sondern er ist gekommen, um sie mit seinem Leben zu bezeugen», sagte Forrer. Christliche Wahrheit sei der konsequente Einsatz («Praxis») für das, was Jesus vorgelebt habe. In diesem Sinne sei auch ein «rein» humanistisch motivierter Einsatz für die Menschenrechte der Wahrheit verpflichtet und damit über die Subjekte hinaus ein gesellschaftlich und politisch relevantes Engagement. Der christliche Wahrheitsanspruch sei auch als Zuspruch zu verstehen. «Das Akzeptieren der eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler ist nicht nur eine unangenehme Wahrheit, sie befreit auch zu neuen Wegen im Sinne der erkannten Wahrheit», so Forrer. Es gäbe bei Gott wohl Sünde und Verbrechen, aber auch die Möglichkeit des Neubeginns in seiner grenzenlosen Gnade. «Die Bibel kennt also verbindliche Wahrheiten und anerkennt das grundsätzliche Bedürfnis nach Wahrheit», betonte Sibylle Forrer und meinte «Diese kann aber nie erzwungen werden; sie bedeutet, sich auf einen Weg einzulassen, der uns frei macht.»

Aus den Ausführungen der Referentin ergaben sich spannende Gespräche über die Widersprüchlichkeit biblischer Texte und wie sie zu verstehen respektive einzuordnen sind. So beispielsweise zum Thema Gewalt im ersten Testament in dem sich zeigte, dass «Gottes Wort eben immer auch menschliches Wort» ist. Oder zur Bedeutung des Kreuzes. Dieses zeige einerseits wozu Menschen (leider) fähig seien und sei anderseits ein Symbol der Hoffnung, dass Macht und Gewalt nicht das letzte Wort haben werden. Letztlich führt der Weg zur Wahrheit nur über den Dialog und über eine «Praxis» dieser Wahrheit, war der einheitliche Tenor. (pec)

Dienstag, 18. September, «Richterliche Wahrheitssuche im Strafverfahren» mit Kathrin Jacober, Gerichtspräsidentin am Bezirksgericht Zofingen. Im Chi-Rho, Mühlethalstrasse 13 in Zofingen, ab 19.30 Apéro, Vortrag um 20 Uhr. Freier Eintritt.

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