Das Wohl der Schwachen soll unser Massstab sein

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Samuel Dietiker, reformierter Pfarrer in Strengelbach (zVg)

Helft einander, die Lasten zu tragen.
So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat. Galaterbrief 6,2
(Übersetzung: BasisBibel, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Zur Zeit meines Studiums wanderte ich einmal von Lenzburg nach Paris. Vier Wochen war ich unterwegs. Vielleicht hätte ich mein Ziel nicht erreicht, wenn nicht ein freundlicher «Döschwo»-Fahrer aus Baden gewesen wäre. In der zweiten Woche meiner Wanderung, auf französischem Boden, hat er mich überholt, angehalten und mich gefragt, ob ich nicht mitfahren wolle. «Nein danke», habe ich geantwortet, ich würde zu Fuss nach Paris gehen, und darum könne ich nicht mitfahren. Aber ich sei auch ein Aargauer wie er, wie das Nummernschild seines Autos mir verraten hatte.

Im nächsten Dorf holte ich den «Döschwo»-Fahrer ein. Er machte Pause – und mir ein anderes Angebot: Wenn er mich schon nicht mitnehmen könne, könne er mir vielleicht etwas abnehmen. Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. Aber es war so: Die letzte Nacht hatte ich im Stall eines Bauernhauses schlafen können. Das würde wohl auch in den kommenden Nächten möglich sein. Ich brauchte mein Zelt eigentlich nicht mehr. Und so gab ich es mit und bekam es frei nach Hause geliefert. Ich wurde von einem Stück Ballast befreit und schaffte es zu Fuss nach Paris.

Der Kompatriot aus Baden ist für mich Sinnbild für die Haltung geworden, die der Apostel Paulus bei Christus gefunden hat. «Helft einander, die Lasten zu tragen.» Nicht nur, weil er mir mein Zelt nach Hause transportiert hat. Sondern weil er überhaupt auf die Idee gekommen ist, mir etwas abzunehmen. Er musste sich bei der Weiterfahrt Gedanken gemacht haben, wie er seinem Landsmann eine Hilfe sein konnte. Sogar einem, der ein erstes Angebot abgeschlagen und sich nicht hat mitnehmen lassen.

«Das Gesetz Christi» – wie Paulus es nennt – richtet sich zunächst an jeden Einzelnen. Es ruft uns dazu auf, offene Augen, Ohren und Herzen für unsere Mitmenschen zu haben. Und da wo es nötig ist, auch Hilfe anzubieten. Unkompliziert und kreativ. Eine offene Haltung gegenüber andern, die Lasten tragen.

In den letzten 2000 Jahren ist diese Haltung zu einem Grundwert in unserer Gesellschaft geworden: Einander unterstützen, besonders die, die Lasten zu tragen haben. Zunächst waren es Orden und Kirchen, die soziale Aufgaben angegangen sind. Nach und nach hat der Staat für vieles die Verantwortung übernommen. Und jetzt steht es in unserer Verfassung. Prägnant, schon in der Präambel:

«Das Schweizervolk und die Kantone … gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich folgende Verfassung.»

Laut diesem Text ist das Wohl der Schwachen unser Massstab. Dafür sind öffentliche Einrichtungen, Strukturen, Institutionen da. Sie sollen zur Umsetzung dieses Zieles beitragen. Es ist gut, dass es öffentliche Dienstleister gibt. Viele Jahre nach meiner Pariswanderung waren meine Frau und ich in der Toskana zu Fuss unterwegs. Wir hatten auch zu viel Gepäck dabei. Und wir waren froh über das Postamt, wo wir einen Teil unseres Ballastes loswerden und ihn auf offiziellem Weg nach Hause schicken konnten.

Am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag sollen wir uns darauf besinnen, was uns als Volk ausmacht. Die gegenseitige Unterstützung scheint mir ein wichtiger Teil zu sein. Einiges davon haben wir institutionalisiert. Trotzdem bleibt es wichtig und nötig, dass wir aufmerksam sind auf unsere Mitmenschen. Keine und keiner soll unter einer zu grossen Last zusammenbrechen. Die Verantwortlichen in Ämtern und in Politik, aber auch jede und jeder einzelne sind aufgefordert, Schwache und Menschen, die Lasten tragen, im Blick zu behalten. Ihr Wohl ist die Stärke unseres Landes.

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