Kinder unter Leistungsdruck: «Selbst im Freizeitbereich ist ein Optimierungswahn zu beobachten»

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Spontan draussen ein bisschen kicken – das wäre für die Psyche der Kinder oft gesünder als fix eingeplantes Fussballtraining oder andere Förderung in der Freizeit. (Bild: Shutterstock)

Heutige Schüler haben es nicht leicht. Die Schule fordert in hohem Masse und die Freizeit ist reglementierter als früher. Selbst beim Fussball oder in der Musikschule sind Leistung und Disziplin gefragt. Wo bleibt da der Spass, die Entspannung? Der Schulpsychologe Basil Eckert wünscht sich mehr Gelassenheit für Kinder und im Umgang mit ihnen.

Herr Eckert, die Hiobsbotschaft macht die Runde, dass bereits jeder dritte Schweizer Schüler an Burnout-Symptomen leide. Können Sie das bestätigen?

Basil Eckert: Ich bin immer vorsichtig mit solchen Zahlen – die Menschen sind heute stärker sensibilisiert, was psychische Probleme betrifft. Aber mein subjektives Empfinden ist schon auch, dass der Leistungsdruck zugenommen hat. Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft – man muss funktionieren.

Werden die Dienste der Schulpsychologen vermehrt in Anspruch genommen?

Unsere Fallzahlen sind bei leicht abnehmenden Schülerzahlen tendenziell leicht steigend. Unsere Dienste werden schon gut genutzt. Leistungsdruck und Überforderung sind die Hauptthemen in der schulpsychologischen Beratung. Wir haben aber auch Anmeldungen von Kindern, deren Noten mit einer 4 oder 4,5 ausreichend gut wären. Hier beobachte ich einen gewissen Optimierungswahn.

Zu hohe Erwartungen, die zu viel Druck erzeugen?

Ein gewisser Druck ist nötig. Die Schüler lernen so, mit Stress umzugehen. Widerstände zu erfahren und Forderungen ausgesetzt zu sein, ist auch gut. Die Balance ist hier wichtig: Es braucht Erfolgserlebnisse, und es braucht ein Wohlfühlklima, ohne das Kinder und Jugendliche gar nicht aufnahmefähig sind.

Fehlen Erfolg und Wohlfühlklima . . .

 . . . dann sind wir schnell bei einer konstanten Überforderung und einem Burnout. Eine Challenge hie und da ist wichtig, aber konstanter Druck tut nicht gut. Die Schule hat auch die Aufgabe, Stärken zu erkennen – das müssen nicht immer Mathe oder Rechtschreibung sein. Man muss Kinder in ihren Fähigkeiten bestärken.

Das klingt gut. Aber wenn anscheinend so viele Kinder überfordert sind, was läuft dann schief an den Schulen?

Ich denke, dass viele Lehrer einen hervorragenden Job machen, das selektive Schulsystem aber viele Türen zuschlägt. Hinzu kommt der Druck von den Eltern.

Haben Eltern heute generell zu hohe Erwartungen an ihre Kinder?

Man darf das nicht generalisieren, aber die Tendenz ist da. Während man früher Kinder einfach bekommen hat, sind sie heute zum Projekt geworden. Man hebt Kinder aufs Podest und hat entsprechend viele Erwartungen an sie.

Sind es nicht auch die vollen Stundenpläne, die Kindern und Jugendlichen zu schaffen machen?

Das ist eine gute Frage. Als es noch den Unterricht am Samstagvormittag gab, hat das sicher zu einer gewissen Entspannung unter der Woche beigetragen – es gab weniger Nachmittagsunterricht. Nicht vergessen sollte man, dass Kinder und Jugendliche heutzutage auch in ihrer Freizeit oft ein immenses Programm zu bewältigen haben.

Wie meinen Sie das?

Man sieht heute an einem Mittwochnachmittag, wenn schulfrei ist, kaum mehr Kinder einfach nur draussen spielen. Weil die Freizeit mit Hobbys oder Nachhilfe verplant ist. Dabei brauchen Kinder Pausen, um aufzutanken, geistig und körperlich. Ich wünsche mir da seitens der Eltern mehr Gelassenheit. Es ist für Kinder nicht das Beste, rund um die Uhr gefördert zu werden.

Die vielen Unterrichtsstunden am Nachmittag und die Hobbys konkurrenzieren einander. Hat ein 13-Jähriger bis um 17 Uhr Unterricht und das zweistündige Fussballtraining beginnt um 18 Uhr, dann ist das Stress.

Da stimme ich zu – es braucht mehr freie Zeit. Und es ist schade, wenn man den Sport wegen eines zu vollen Stundenplans kippen muss.

Hinzu kommt, dass nicht nur in der Schule Disziplin und Leistungswille gefragt sind, sondern auch in der Fussballmannschaft oder in der Musikschule. Ich glaube, hier würden sich viele Eltern mehr Gelassenheit seitens der Sporttrainer oder Musikschullehrer wünschen.

Klar, auch im Freizeitbereich ist heute ein Optimierungswahn zu beobachten.

Würde sich der Druck auf Schüler und Lehrer nicht einfach nehmen lassen, verlängerte man die Sekundarschule von drei auf vier Jahre?

Für viele Schüler wäre das zweifellos ein Segen. Auch das Gymnasium ging früher ein Jahr länger. Und es ist eine Tatsache, dass viele Sekschüler nur deshalb aufs Gymnasium wechseln, weil sie der Berufsfindung noch nicht gewachsen sind. Es gibt aber auch Jugendliche, die schon in der zweiten Sek schulmüde sind. Für diese Schüler wäre ein Jahr mehr Schule eine Katastrophe – die blühen auf, wenn sie praktisch arbeiten können. Zum Glück ist das Schweizer Bildungssystem durchlässig. Das Gymi ist nicht der einzige Weg zur Karriere.

Was sind die Warnzeichen für ein Burnout bei einem Kind? Wann muss man hellhörig werden?

Wenn das Kind wiederholt Kopfweh, Bauchweh hat und unter Schlafstörungen leidet, ist es gut, sich professionelle Hilfe zu holen. Verweigern Kinder über längere Zeit den Schulbesuch, hilft oft nur noch eine stationäre psychiatrische Behandlung.

Reagieren Buben und Mädchen unterschiedlich auf Überforderung?

Mädchen internalisieren Probleme mehr, das heisst, sie reagieren mit Depression, Ess- oder Angststörungen. Buben externalisieren dagegen häufig, was ihnen zu schaffen macht. Sie werden aggressiv, gamen zu extensiv oder beginnen damit, Drogen zu konsumieren.

Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl beklagte kürzlich in der «Sonntags-Zeitung» auch eine Überforderung der Schüler aufgrund zu vieler Lehrer und häufiger Lehrerwechsel. Was ist davon zu halten?

Wie die Hattie-Studie zeigte: Der wichtigste Faktor für erfolgreiches Lernen ist die Beziehung zur Lehrperson. Versuchen Sie mal, in zwei Wochenstunden eine gute Beziehung zu jedem Schüler aufzubauen – nicht unmöglich, aber eine Herausforderung! Für den Klassenlehrer mit dem 100%-Pensum ist das einfacher – aber von denen gibt es leider nicht mehr viele. Andererseits ist es auch belastend, einen Klassenlehrer zu haben, womöglich jahrelang, mit dem man sich nicht versteht.

Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo betonte Anfang August in einem Interview mit der «Zeit» ebenfalls, wie wichtig ein stabiles Beziehungsnetz für Kinder sei. Schluss also mit Patchwork in der Familie?

Das würde ich so nicht sagen. Auch in traditionellen Familien gibt es viele harmonieraubende Konflikte. Trennungen sind heute gesellschaftlich anerkannt, und das ist gut so. Aber natürlich ist es auch eine Herausforderung, mit der Pluralität umzugehen und Kindern trotzdem Halt und Sicherheit zu geben.

Basil Eckert (43) ist in Basel geboren und absolvierte sein Psychologiestudium in Basel und Bern. Er arbeitete in verschiedenen Kantonen als Schulpsychologe und im Heim- und Sozialbereich. Seit einem Jahr leitet Eckert die Abteilung Schulpsychologie des Kantons Schwyz. Zudem ist er Vorstandsmitglied der interkantonalen Leitungskonferenz der Schulpsychologie Schweiz (Spilk). (Bild: Pius Amrein)

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