Der älteste Leerber Primarschüler? Senioren helfen im Klassenzimmer aus

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Rolf Bolliger begleitet an einem Vormittag pro Woche den Unterricht der Leerber Sechstklässler. Flurina Dünki

Geometriestunde für die Sechstklässler in Kirchleerau. Grosse Begeisterung ist in den Gesichtern der 12 Mädchen und 2 Knaben nicht zu erkennen. Aus Papier gebastelte Quader sollen sie gemäss Anweisungen des Mathebuches auf einem Raster platzieren und verschieben. Die Aufgabe fordert das Vorstellungsvermögen, löst bei einigen Stirnrunzeln aus. Und als Lehrerin Regula Gaberthüel das Arbeiten in Gruppen anordnet, tritt die Geometrie für die Kinder beinahe in den Hintergrund: «Warum sind die beiden Knaben zusammen in der Gruppe?» – «dürfen wir uns in die Bibliothek setzen?» – «können wir nicht das Arbeitsblatt vom letzten Jahr benutzen?»

Da hebt sich am hintersten Pult noch eine Hand. An ihrem Ring- und kleinen Finger stecken schwere Ringe und den Arm dazu schmücken eintätowierte Gitarrensaiten. «Bitte, Herr Bolliger», sagt die Lehrerin und der Mann mit dem tätowierten Arm erhebt sich.

Geometrie mal anders

Rolf Bolliger, 65, ist nicht etwa der älteste Leerber Primarschüler, sondern seit Beginn des Schuljahres die dritte Generation im Klassenzimmer. Jeden Donnerstagvormittag sitzt er am

hintersten Pult und unterstützt Lehrerin Gaberthüel im Unterricht. «Wisst ihr, in welcher Situation euch die Quader-Aufgabe einmal hilfreich sein wird? Ihr werdet sie brauchen, sobald ihr später lernt, mit einem Auto einzuparken, dann müsst ihr euch vorstellen können, wie viel Platz euer Auto benötigt.»

Die Sechstklässler hängen an den Worten des grossen Mannes, der mit den Armen gestikuliert, in der Luft die Kurve des Autos nachzeichnet, die es beim Einparken macht. Nun, da aus ihren Papierquadern plötzlich Autos geworden sind, sieht die Geometrieaufgabe schon etwas anders aus.

Die Kreisschule Leerau hat das Projekt «Generationen im Klassenzimmer» gestartet, nachdem andere Schulen im Suhrental gute Erfahrungen mit den freiwilligen Klassenbegleitern machten. Vier Senioren sind nun jede Woche für ein paar Stunden präsent. «Das Projekt fördert das Verständnis zwischen Jung und Alt», sagt die Leerber Kreisschulleiterin Claudia Kündig. Die Bereicherung auf der Beziehungsebene stehe im Vordergrund. So macht es auch Sinn, dass Bolliger immer dieselbe Klasse begleitet. Nach den wenigen Wochen kennen ihn die Kinder, lassen sich von ihm helfen, hören auf seinen Rat. Er ist eine Respektsperson, aber muss nicht streng sein mit ihnen und darf seine Ecken und Kanten unbekümmerter durchschimmern lassen als ihre Lehrerin. Bereits wissen sie zu erzählen, dass er als junger Bursche auch schon Sachen gemacht hatte, die nicht ganz gesetzestreu waren.

Grossvater und Bassist

«Das ist genau das, was ich brauche», hatte sich der Pflegefachmann Bolliger gesagt, als er den Aufruf der Kreisschule las. Sein Arbeitspensum als selbstständiger psychiatrischer Berater hat er wegen seines Alters runtergefahren und als fünffacher Grossvater habe er einen guten Draht zu jungen Menschen. Im Ruhestandalter die Ruhe suchen, das ist nicht die Art des Zofingers, der – sein Tattoo verrät’s – Bassist einer Rockgruppe ist. Auch in seiner beruflichen Vergangenheit im Notfall- und Rettungsdienst und später in der Psychiatrie hat er keine ruhige Kugel geschoben.

Einzig das Alter vermag seinen Tatendrang zu dämpfen: «Für alle Klassen hätte ich mich nicht zur Verfügung gestellt. Um mit den Kindergärtlern mitzuhalten, ist mein Körper zu alt, so sehr ich dieses Alter auch mag.»

Die Zweiergruppen brüten über den Quader-Aufgaben. Bolliger sitzt neben Michelle und Joséphine und auch die Mädchen vom vorderen Pult drehen nach hinten, um ihn um Rat zu fragen. Derweil schaut Regula Gaberthüel, dass sich auch das männliche Team auf die Aufgabe konzentriert.

«Vor allem in Situationen, in denen die Schüler selbstständig arbeiten, ist Rolf Bolliger eine grosse Hilfe», sagt die Lehrerin. Er könne nicht nur helfen im Unterricht, gesteht dieser, sondern davon auch profitieren: «Meine Schulzeit ist 55 Jahre her, ich lerne hier vieles erneut.»

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