Psychiatrie-Chefarzt Kawohl: «Niemand fixiert einen Patienten gerne»

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Wolfram Kawohl ist seit November 2016 Chefarzt und Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der PDAG. Der 46-Jährige war zuvor 13 Jahre in verschiedenen Funktionen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich tätig. (Bild: Chris Iseli)

Herr Kawohl, die Kommission zur Verhütung gegen Folter hat insgesamt einen positiven Eindruck der Psychiatrischen Dienste (PDAG). Das freut Sie, nehme ich an.

Wolfram Kawohl: Das freut mich sehr, zumal Berichte über Kliniken in anderen Kantonen deutlich weniger positiv ausgefallen sind.

Haben Sie damit gerechnet?

Ja. Wir haben in den letzten Jahren viel unternommen, um freiheitsbeschränkende Massnahmen, wenn immer möglich, zu reduzieren. Das ist die erklärte Strategie der PDAG und wir fühlen uns durch den Bericht in dieser Strategie bestätigt.

Trotzdem betrifft die Kritik vor allem die hohe Anzahl freiheitsbeschränkender Massnahmen. Was sind die Gründe für die vielen Fixierungen?

Wir sind eine grosse Klinik mit vielen Patienten. Da kommt es natürlich zu mehr schwierigen Situationen, die zu einer freiheitsbeschränkenden Massnahme führen können. Zudem erheben wir solche Massnahmen genau. Wenn jemand fixiert ist, kann es sein, dass wir die Massnahme kurz aufheben, zum Beispiel für einen begleiteten Toilettengang. Wenn die Person nachher wieder fixiert wird, erfassen wir das als zwei Fixierungen. Dem Vernehmen nach ist das nicht in allen Kliniken so.

Warum müssen Patienten überhaupt fixiert werden?

Sie können grundsätzlich davon ausgehen, dass wir keine Alternative mehr haben, wenn wir zu so einer Massnahme greifen. Niemand von uns macht das gerne. In Pflegeheimen und alterspsychiatrischen Einrichtungen werden Patienten zum Beispiel fixiert, um zu verhindern, dass sie aus dem Bett fallen. Auch auf Intensivstationen in Spitälern kommen Fixierungen vor. In der Regel sind es aber Situationen, die mit Gewalt zu tun haben. Es geht um Patienten, die das Personal, andere Patienten oder sich selber gefährden und bei denen weniger schwerwiegende Massnahmen nicht ausreichen.

Durchschnittlich dauerte eine Fixierung 2017 fast 14 Stunden, die längste wurde über Tage aufrechterhalten. Das verlangt nach einer Erklärung.

Das ist eine absolute Rarität. Ich darf zum Einzelfall nichts sagen, kann aber versichern, dass so etwas nur vorkommt, wenn massive Gewalt im Spiel ist, der anders nicht zu begegnen ist.

Welche Alternativen zur Fixierung gibt es?

In der Alterspsychiatrie haben wir Bodenbetten angeschafft. Weil ein solches Bett fast bodeneben ist, muss der Patient nicht mehr fixiert werden, um zu verhindern, dass er aus dem Bett fällt. Alternativ kann ein Patient auch festgehalten werden, anstatt ihn festzubinden. Es gibt aber Patienten, die das Festhalten einschränkender empfinden als die mechanische Fixierung, weil beim Festhalten gleichzeitig eine grosse und unerwünschte körperliche Nähe vorhanden ist.

Es ist das Ziel der PDAG, freiheitsbeschränkende Massnahmen zu reduzieren und Fixierungen abzuschaffen. Ist das realistisch?

Ich hoffe, dass wir es schaffen. Eine Reduktion ist sicher erreichbar. Das ist uns in den letzten Jahren bereits gelungen. Aber wir haben viele Fälle von Fixierungen, die im Zusammenhang mit Intoxikationen stehen. In anderen Kantonen werden diese Personen nicht in die Psychiatrie gebracht, sondern in Einrichtungen der Polizei, bis sie wieder nüchtern sind. Es hängt auch davon ab, wo diese Patienten in Zukunft versorgt werden, wenn es darum geht, ob wir irgendwann in der Lage sein werden, ganz auf Fixierungen zu verzichten.

Die Kommission kritisiert auch die vielen Polizeieinsätze. Sie empfiehlt, das Pflegepersonal in Deeskalationstechniken zu schulen. Ist das eine Lösung?

Unser Pflegepersonal ist bereits gut geschult und wird auch immer wieder geschult, um ihm noch mehr Sicherheit zu geben. Wir haben diese Schulungen auch noch einmal angepasst. Ich bezweifle aber, dass wir irgendwann ganz ohne die Hilfe der Polizei auskommen werden.

Warum ist das nicht möglich?

Wir sind generell nicht unbedingt mit einem sinkenden Aggressionsniveau konfrontiert. Das gilt nicht nur für die Psychiatrie, sondern für das ganze Gesundheitswesen. Ich denke zum Beispiel an die Berichte über Gewalt auf Notfallstationen. Manchmal wird es einfach zu gefährlich für unser Personal, für andere Patienten oder den Patienten selber. In solchen Fällen müssen wir darauf zählen können, dass uns die Polizei zur Hilfe eilt, was sie auch tut.

Haben die Einsätze zugenommen?

Die Anzahl der Polizeieinsätze hat sich vom ersten aufs zweite Quartal dieses Jahres mehr als halbiert.

Liegt das am Sicherheitsdienst?

Nein. Der Sicherheitsdienst wird jetzt erst aufgebaut und wird auch nur für die Forensik zuständig sein.

War es nie ein Thema, in der Allgemeinpsychiatrie einen eigenen Sicherheitsdienst aufzubauen?

Das wäre meinem Verständnis nach ausdrücklich nicht im Sinne der Kommission gegen Folter. Die Stossrichtung in der Allgemeinpsychiatrie muss es sein, möglichst ohne uniformiertes Personal auszukommen. Mir wäre es auch am liebsten, wenn wir alle Situationen mit unserem Pflegepersonal bewältigen könnten.

 

Lesen Sie aussedem zu diesem Thema: 

Experten der Anti-Folter-Kommission fordern weniger Polizei in der Psychiatrie

 

 
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