Literaturtage: Der Aufbruch Georgiens ist in Zofingen angekommen

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Beschreiben Frauen als Gefangene ihrer Zeit: Zurab Karumidze (l.) und Lukas Hartmann (r.) in der Diskussion mit Moderator Stefan Weidle. MIF

Im Zug der Frankfurter Buchmesse ist aktuell eine Hundertschaft von Büchern aus dem Georgischen übersetzt worden. Auch dank Schweizer Engagement, wie der georgische Germanist Alexander Kartosia zum Start der Literaturtage am Samstag im Kunsthaus Zofingen herausstreicht. Das deutsch-georgische Wörterbuch, das Kita Tschenkeli und seine Schweizer Mitarbeiterinnen Lea Flury, Yolanda Marchev und Ruth Neukomm 1958 in Zürich herausgegeben haben, ist nach wie vor die Übersetzerfibel schlechthin.

Schreiben als Therapie

Kartosia verdeutlicht in seinem Überblick über die georgische Literatur des 20. Jahrhunderts, wie stark sich diese stets risikoreich entlang der Politik entwickelte. Offenbar konnten sich Literaturschaffende Georgiens zur Sowjetzeit auf teils sehr clevere Weise vor den zensorischen Zugriffen Moskaus schützen. Dass ihre eigenständige Sprache und ihr eigenständiges Alphabet im Sowjet-Machtzentrum nicht verstanden wurde, gab ihnen die Möglichkeit dazu. Die Grenzen des Erlaubten durften sie deshalb mehr ausloten als Literaten anderer Sowjetstaaten.

Die Unabhängigkeit Georgiens 1991 habe, so Kartosia, Freiheit aber keine Sicherheit gebracht. Nach ersten demokratischen Gehversuchen in den wilden 90er Jahren etablierten sich demokratische Strukturen. Sie bahnten den Weg zu einer egalitären, pluralistischen Gesellschaft. In der Folge ist heute das sich hartnäckig haltende Patriarchat unter Beschuss geraten. Zum Beispiel durch die junge Autorin und Frauenrechtlerin Salome Benidze, die in ihrem Buch «Die Stadt auf dem Wasser» sieben Frauen ins Zentrum stellt, welche in mystisch aufgeladenen Geschichten aus einem Zentrum der männlichen Herrschaft heraus nach ihrer Identität suchen. «Das Schreiben war für mich eine Therapie», erläutert sie. «Erst nach Erscheinen des Buches habe ich realisiert, dass ich meine Geschichte mit ganz vielen anderen Georgierinnen teile.»

Lasha Bugadze arbeitet in seinem aktuellen Buch «Der erste Russe», das mehr Autobiografie als Roman ist, auf, wie er zur Jahrtausendwende mit einer satirischen Erzählung über die legendäre Königin Tamar und deren Ehegatten die Gefühle der orthodoxen Kirche – und damit der ganzen Nation – verletzt hat und deshalb heftig angefeindet wurde. Auf die Gegenwart bezogen unterstreicht der engagierte Autor, dass Literaturschaffende in Georgien heute frei arbeiten und schreiben können. Die Situation sei aber trotzdem ungemütlich, weil es in Georgien eine Tendenz gebe, Sachverhalte einseitig darzustellen und die öffentliche Meinung zu manipulieren. «Die Funktion der heutigen georgischen Literatur sehe ich vor allem darin, ein objektives Bild der Wirklichkeit in Georgien zu zeichnen», sagt er und hebt hervor, wie wichtig es sei, dass die Welt im Zug der Frankfurter Buchmesse nun stärker den Blick auf Georgien richtet.

Männliche Projektionen

Einen Höhepunkt des Literaturtage-Samstags ist das Aufeinandertreffen von Zurab Karumidze und Lukas Hartmann. Der Saal im Obergeschoss ist proppenvoll, die Spannung gross. Beide Autoren widmen ihre Romane historischen Frauenfiguren, die an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in ihrem Versuch ein selbstbestimmtes Leben als Frau zu führen, scheitern. Beide, sowohl Lydia Escher-Welti, die in eine amour fou mit dem Maler Karl Stauffer hineingerät, wie auch Dagny Juel, die grosse Männer gleichermassen betört wie auch von ihnen benutzt wird, nehmen sich das Leben, weil es ihnen nicht gestattet ist, mehr zu sein als Projektionsflächen einer fragwürdigen Männlichkeit. Dass Lydia Escher-Welti für geisteskrank erklärt wird, als sie sich scheiden lassen will, ist diesbezüglich besonders illustrativ.

Das Übersetzerinnengespräch mit Rachel Gratzfeld und Sibylla Heinze sowie der Autorin und Übersetzerin Iunona Guruli schafft Verständnis für die georgische Literatur. Wie Rachel Gratzfeld erläutert, gibt es im Georgischen keine Unterscheidung zwischen männlich und weiblich, was Auswirkungen auf den soeben von ihr übersetzten Roman von Davit Gabunia «Farben der Nacht» hat. So ist im Original nicht klar, ob das Anfangskapitel aus Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Das Georgische käme mit Ungewissheiten viel besser zurande, pflichtet ihr Sibylla Heinze bei. Im Deutschen müssten die Dinge konkreter benannt werden. Sie selber beobachte, dass sie die hohe Emotionalität der Worte im Deutschen abdämpfen müsse, um einen natürlichen Ausdruck zu erzielen. «Es hängt allerdings ganz von der Perspektive ab», gibt sie zu bedenken, «ob das Georgische zu gefühlsselig oder das Deutsche zu gefühlskalt ist.» Nicht missen möchte die Übersetzerin zumindest den Reichtum der Kosewörter im Georgischen. «Da wirkt das Deutsche im Vergleich geradezu arm.»

Der Tag bietet eine Fülle von Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit Georgien. Er beantwortet Fragen, wirft aber ebenso viele neue auf. Wiederholt verdeutlichen die engagierten Diskussionen, dass es den Blick für viele Unterschiede zwischen der Schweiz und Georgien erst noch zu schärfen gilt. Die Tatsache, dass Georgien in manchen gesellschaftspolitischen Fragen noch Nachholbedarf hat, darf nicht dazu führen, Georgien mit all seinen Besonderheiten gering zu schätzen.

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