«Der Anspruch an die Feuerwehr ist gestiegen»

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Thomas Aldrian ist sowohl Maschinist als auch Atemschützer. Somit kann er auch Feuerwehrautos fahren.

Warum sind Sie Feuerwehrmann geworden?

Thomas Aldrian: Wahrscheinlich weil mein Vater schon bei der Feuerwehr war. Als junger Mann ging man einfach zur Feuerwehr. Auch in der Verwandtschaft waren viele in der Feuerwehr. Ich glaube, das hat mich geprägt.

War es Ihr Fernziel, Feuerwehrkommandant zu werden?

Nein. Gar nicht. Ich hatte, als ich mit 20 Jahren in die Feuerwehr eintrat, keine Ambitionen in diese Richtung. Dann wurde ich angefragt, Gruppenführer zu werden. Nach der Ausbildung zum Offizier habe ich mich anschliessend zum Feuerwehrinstruktor weitergebildet. Da lag das Amt als Kommandant schon näher, es war aber nie Bedingung. Letztlich muss es auch passen: Die Funktion muss zur richtigen Zeit frei werden und mit den anderen Interessen übereinstimmen.

28 Jahre Feuerwehr, 10 davon als Kommandant. Wie hat sich die Feuerwehr in dieser Zeit verändert?

Es wurde schon früher gute Arbeit geleistet, aber der Anspruch ist gestiegen. Die Vorbereitungen der Übungen haben an Bedeutung zugenommen. Das Programm muss attraktiver und fordernder sein als vor 30 Jahren. Nur so gelingt es, dass die Feuerwehrleute motiviert an der Übung dabei sind. In diesem Sinne ist die Feuerwehr professioneller geworden. Mit mehr Material, mehr Fahrzeugen, mehr Mitteln sind die Erwartungen an die Feuerwehr gestiegen und gleichzeitig ist das Interesse bei der Bevölkerung, aktiven Feuerwehrdienst zu leisten, gesunken. Glücklicherweise haben wir hier in Reitnau und Attelwil noch keine grösseren Probleme in dieser Hinsicht. Bei uns ist eher die Fluktuation ein Thema: Es kommen viele Junge in die Feuerwehr, das ist schön. Aber man weiss nie, wann sie wegziehen.

Der Infoabend Ende Monat ist also kein Rekrutierungsabend?

Es werden alle Pflichtigen zum Anlass eingeladen. Wenn aber jemand nicht kommt, reagieren wir nicht mit Bussen. Es ist auf «freiwilliger» Basis. Wir setzen viel daran, dass die Frauen und Männer aus Freude und nicht aus Pflicht in die Feuerwehr kommen.

Eine Jugendfeuerwehr steht nicht zur Diskussion?

Meine Haltung ist: Wir müssen primär das Kerngeschäft bewältigen und nicht die Jugend unterhalten. Aber: Eine Jugendfeuerwehr ist eine gute Sache, unter anderem kann sie auch mithelfen, Bestandesprobleme zu verbessern. Ich sehe da aber auch Herausforderungen. Eine Jugendfeuerwehr braucht Ressourcen. Nur eine gut geführte Jugendfeuerwehr wird erfolgreich sein. Diese Aufgabe benötigt wiederum viel Zeit und Herzblut, was vielmals dann auch wieder am Kader hängen bleibt.

Tagsüber sind nicht viele Mannschaftsmitglieder vor Ort. Wie gehen Sie das Problem an?

35 bis 40 Prozent der Mannschaft sind innerhalb einer nützlichen Frist bei einem Ereignis vor Ort. Das nimmt tendenziell eher ab. Darum ist die Zusammenarbeit mit den Nachbarn, den Feuerwehren Leerau oder Uerkental, wichtig. Es ist gut, dass auch die kleineren Dörfer in der Nachbarschaft noch Feuerwehren haben.

Sie befürworten keine Feuerwehrfusionen?

Das kann man so nicht sagen. Das Problem sind die Bestände. Wir haben aktuell 68 Feuerwehrleute, müssten 64 haben, haben also einen kleinen Überbestand. Die Feuerwehr Leerau hat etwa gleich viele Personen. Bei einer Fusion der beiden Feuerwehren hätten wir noch einen Pflichtbestand von 90 Personen. Heute stehen den Feuerwehren Attelwil-Reitnau und Leerau ungefähr 140 Personen zur Verfügung. Und 35 bis 40 Prozent von 140 ist etwas anderes als von 90 Personen. Macht es Sinn, die Bestände hochzuhalten bei der kleinen Wahrscheinlichkeit, dass sie benötigt werden? Man muss abwägen, wie viel einem die Sicherheit wert ist. Ich bin überzeugt, dass die Feuerwehrlandschaft im oberen Suhrental sehr gut aufgestellt und den aktuellen Risiken angepasst ist. Trotzdem möchte ich eine Fusion nicht einfach verneinen. Wenn die Feuerwehren Synergiepotenzial erkennen, sollen Fusionen überprüft werden. Ich hoffe aber, dass der Anstoss zu Fusionsüberlegungen von Seite Feuerwehr kommt und nicht von Seite Politik. Ich bin aber überzeugt, dass mit einer Fusion Rekrutierungsprobleme nicht behoben werden.

Es ist 17 Jahre her, seit die Feuerwehren Attelwil und Reitnau fusioniert haben. Gab es Widerstände?

Wenn ich mich richtig erinnere, war die Fusion schon früher Thema. Dies war somit der zweite Anlauf. Generell erinnere ich mich, dass die Fusion gut verlief. Das lag wohl daran, dass die beiden Dörfer schon vorher viel zusammengearbeitet haben. Wir haben verschiedentlich zusammen geübt und Ereignisse zusammen bewältigt. Einfach gesagt: Man hat sich gekannt und das war gut für die Fusion.

Ganz anderes Thema: Wie viele Katzen haben Sie schon von Bäumen geholt?

Nicht so viele zum Glück. Ich glaube, es waren etwa zehn, eher weniger in den fast 30 Jahren.

Was war der spektakulärste Einsatz?

Das war der Brand auf dem Bauernhof von Reinhards. Ich war noch nicht Kommandant, es muss also vor mehr als zehn Jahren gewesen sein. Ich kam als Erster auf den Brandplatz und war Einsatzleiter. Aber schon bei meinem Eintreffen stand das ganze Gebäude in Vollbrand. Leider kamen bei diesem Brand sehr viele Tiere ums Leben. Für mich persönlich war die Verarbeitung nachher sehr schwer: Ich habe mich immer gefragt, ob wir wirklich nichts mehr machen konnten, um die Tiere zu retten, oder ob ich einen falschen Entscheid getroffen habe. Darum war mir dieser Brand länger präsent, und ist es teilweise auch jetzt noch. Das ist sicher das Ereignis, das mich am meisten geprägt hat.

Was macht man, wenn man hadert, ob man richtig gehandelt hat?

Miteinander reden, diskutieren. Für mich ist das die beste Verarbeitung. Im Gespräch taucht plötzlich ein Detail auf. Das war auch in diesem Fall so: Von einer Einwohnerin haben wir einige Zeit später Fotos erhalten, die zeigen, dass das Gebäude tatsächlich bei meinem Eintreffen bereits in Vollbrand stand. Das hat mich bestätigt: Die Situation war wirklich so, wie ich sie im Kopf gehabt habe.

Haben sich während Ihrer Zeit als Kommandant Leute aus der Mannschaft verletzt?

Bei einem Einsatz zum Glück nicht. Bei Übungen hatten wir es zwei Mal. Es war aber nie etwas Dramatisches. Ich bin dankbar, dass es nie grössere Verletzungen oder Unfälle gab. Ich hoffe für alle, dass dies auch in Zukunft nie passiert.

Wären Sie für so einen Fall vorbereitet gewesen?

Man muss sich ja immer überlegen, was passieren könnte. Sei es in einer Übung oder in einem Einsatz. Ein Restrisiko besteht immer, auch wenn man gut vorbereitet ist. Zum Beispiel sind Blaulichtfahrten nicht zu unterschätzen. Mit der Lage des Magazins beim Schulhaus bestehen bereits beim Herausfahren aus dem Magazin bis zur ersten Kreuzung Risiken. Die Risiken im Feuerwehrdienst sind uns bekannt und werden regelmässig thematisiert. Ja, aus dieser Sicht wäre ich, aber auch die ganze Mannschaft, darauf vorbereitet gewesen.

Ihre Familie hat Sie immer mit gutem Gefühl zu den Einsätzen gehen lassen?

Bei länger andauernden Einsätzen habe ich immer schnell nach Hause telefoniert und gesagt, wie es mir geht. Ich glaube, das hilft, dass die Angehörigen ruhiger sind und einen auch bei einem nächsten Einsatz mit einem guten Gefühl gehen lassen.

Was ist die Aufgabe des Kommandanten während eines Einsatzes?

Wenn er vor Ort ist, hat er die Einsatzverantwortung. Das bedeutet nicht, dass er zwingend Einsatzleiter ist. Im Normalfall ist der erste Offizier, der auf den Platz kommt, Einsatzleiter. Dieser führt den Einsatz und der Kommandant unterstützt ihn.

Wann standen Sie das letzte Mal als Atemschützer im Einsatz?

Übungsmässig immer, wenn es möglich war. Das letzte Mal am Feuer war es bei einer Übung im Brandhaus. Ich kann mich an einen Einsatz erinnern, an dem ich Atemschützer war. Ich kam erst viel später auf den Brandplatz, da ich nicht eher vom Job wegkonnte. Als ich eintraf, war das Ereignis unter Kontrolle und die Sanierungsphase hatte begonnen. Das Silo, das gebrannt hatte, musste ausgeschaufelt werden. Dafür wurden sehr viele Atemschutzgeräteträger benötigt. Und so habe ich mitgeschaufelt.

An was denken Sie gerne zurück im Zusammenhang mit der Feuerwehr?

An alles andere als an den Grossbrand bei Reinhards. An die Kameradschaft, an gemeinsame Unternehmungen und das Wissen, dass man im Fall der Fälle bereit ist. Kompetenzen erarbeiten mit unterschiedlichen Menschen, mit ihnen zusammen trainieren, damit wir einsatzfähig sind, wenn es drauf ankommt.

Muss die Feuerwehr Attelwil-Reitnau auch wegen Wasser, Überschwemmungen ausrücken?

In letzter Zeit hatten wir mehr Einsätze wegen Wasser als wegen Feuer.

Obwohl Reitnau auf dem Berg liegt?

Auch in Attelwil und Reitnau gibt es Bäche, die durch die Dörfer fliessen und zu Überschwemmungen führen können. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat sich jedoch einiges verändert. Einsatzpläne für Hochwasser wurden erarbeitet. Auch vorsorgliche Kontrollen von Risikostellen wurden eingeführt – wenn man das denn kann. Meist ist es ja so, dass Gewitter sehr schnell kommen. Die massiven Überschwemmungen im Uerkental und im Raum Zofingen haben das eindrücklich gezeigt.

Feuerwehr ist schon fast ein Job für sich. Neben dem Job. Hatten Sie nie Probleme, alles zu vereinbaren, auch mit der Familie?

Glücklicherweise hat meine Frau mich immer unterstützt. Sie hat in all den Jahren sehr viel Verständnis für mein Engagement in der Feuerwehr gehabt. Auch meine Arbeitgeber waren immer offen, ich habe es auch offen kommuniziert, dass ich Feuerwehrdienst leiste und angewiesen bin, den Arbeitsplatz im Alarmfall sofort verlassen zu können. Aber: Man muss Prioritäten setzen. Es gibt Situationen, da kann ich nicht vom Arbeitgeber weg, auch wenn das Ereignis noch so schlimm ist. Ich glaube, das ist der Punkt: Der Arbeitgeber muss verstehen, dass Feuerwehrleute in den Einsatz müssen. Und die Feuerwehr muss verstehen, dass jemand den Arbeitsplatz auch mal nicht verlassen kann. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Aber das hat bei mir in diesen 30 Jahren zum Glück immer geklappt.

Wird es schwieriger, verständnisvolle Arbeitgeber zu finden?

Ja. Was ich nicht verstehe, ist, dass es Arbeitgeber gibt, die nicht wissen, wie die Feuerwehr im Aargau organisiert ist. Wenn es beim Arbeitgeber brennt, dann ist es selbstverständlich, dass die Feuerwehr kommt. Wenn sie aber den Mann oder die Frau freistellen sollten für die Feuerwehr, dann ist es ein Problem. Zum Glück haben wir hier bei uns nur sehr wenige dieser Probleme. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Wie ist es bei Ihnen zu Hause, haben Sie einen Weihnachtsbaum mit richtigen Kerzen?

Ja. Ich bin mir bewusst, dass ich in dieser Sache kein Vorbild bin.

Keine Angst, dass er anfängt zu brennen?

Nein. Man muss vorsichtig sein, sich bewusst sein, was man macht. Die nötigen Löschmittel bereithalten und auf keinen Fall die brennenden Kerzen unbeaufsichtigt lassen. Sicherlich wären Elektrokerzen aber die bessere Lösung.

Heute ist Ihre letzte Hauptübung als Kommandant. Was wissen Sie davon?

Nichts, ausser dass ich um 13.30 Uhr bereitstehen muss und nach der Schlussübung die Verabschiedungen und einen kleinen Rückblick halten darf. Ich weiss genauso viel wie die Bevölkerung. Meine Frau weiss sicher mehr als ich. (lacht)

Sind Sie nicht kribbelig? Möchten Sie wissen, was auf Sie zukommt?

Nein, bis jetzt nicht. Erstaunlicherweise nicht. Im Moment bin ich in einer Phase, in der mir vieles noch nicht so bewusst ist. Nach der Hauptübung gibt es ja noch ein paar Übungen. Sicherlich wird es mir an der Hauptübung selber plötzlich bewusst. Ich freue mich aber, dass wir eine gute Nachfolgeplanung in der Feuerwehr gefunden haben. Dies macht das Aufhören viel einfacher. Es war eine sehr schöne Zeit als Kommandant.

Sie werden ab nächstem Jahr viel freie Zeit haben. Was machen Sie damit?

Ich habe schon das nächste Amt angenommen. Wir haben im 2020 in Reitnau ein Dorffest, das 975-Jahre-Jubiläumsfest. Da bin ich OK-Präsident. Dieses Amt wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen.

Für die Familie bleibt auch noch etwas Zeit übrig?

Sicher! Ich hoffe, dass wir mehr zusammen Ski fahren, wandern oder einfach Zeit geniessen können.

Zur Person

Thomas Aldrian (47) ist in Reitnau geboren und aufgewachsen. Mit 20 Jahren trat er der Feuerwehr bei, seit 2008 ist er Kommandant der Feuerwehr Attelwil-Reitnau. Er hat sich auch kantonal für die Feuerwehr engagiert und ist Instruktor. Von dieser Aufgabe wird er genauso wie von seinem Amt als Kommandant der Feuerwehr Attelwil-Reitnau per Ende Jahr zurücktreten. Beruflich ist Thomas Aldrian für den Kanton Aargau tätig als Fachspezialist für Katastrophenvorsorge bei der Abteilung Bevölkerungsschutz. Thomas Aldrian ist verheiratet. Zu seinen Hobbys gehören Kochen, Wandern und Skifahren sowie seine beiden Golden Retriever.

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Thomas Aldrians Ausrüstung ist wie die von rund einem Drittel der Feuerwehrleute im Magazin der Feuerwehr Attelwil-Reitnau stationiert. Lilly-Anne Brugger
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