Kinder haben Angst vor dem Vergessen

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Im Gegensatz zu den Erwachsenen dauert die kindliche Trauer Jahre und tritt schubweise auf. (Symbolbild: Shutterstock)

Bei einem Todesfall in der Familie stellt es für betroffene Eltern einen enormen Kraftakt dar, neben ihrer eigenen Trauer auch jene ihrer Kinder aufzufangen. Aus dieser Erfahrung heraus haben vor zwei Jahren Trauerbegleiterinnen, die sich auf Kinder, Jugendliche und Familien spezialisiert hatten, den Verein Familientrauerbegleitung gegründet.

«Trauer ist eine natürliche Reaktion auf einen Verlust, egal, ob das einen Gegenstand, eine Person, ein Tier oder den Job betrifft», sagt Vereinspräsidentin Eliane Bieri. «Trauer entsteht auch beim Wohnortswechsel oder wenn ein Wunsch unerfüllt bleibt.» Sie macht die Erfahrung, dass Trauer immer mehr zur Privatsache verkommt, versteckt wird, vor allem vor den Kindern. Man habe Angst, ihnen zu viel zuzumuten, und möchte sie schützen. «Kinder sind neugierig und sehr sensitiv. Sie merken, wenn sich ihr Umfeld durch einen Todesfall verändert, das verunsichert.» Daher soll man ehrlich und kindgerecht mit ihnen sprechen, damit sie den Verlust für sich einordnen können.

«Muss man einem Kind eine Todesbotschaft überbringen, soll dies in einer vertrauten Umgebung geschehen», sagt die Familientrauerbegleiterin Christine Leicht, die als Pädagogin seit 15 Jahren in diesem Bereich tätig ist und den Verein mitgegründet hat. Man soll ungestört sein, dem Kind die Wahrheit sagen, die Situation weder dramatisieren noch vertuschen oder beschönigen.

Je nach kognitiver Entwicklung verändert sich das Todeskonzept. Sich darüber im Vorfeld zu informieren, könne Sicherheit und Orientierung geben. Fragt ein Kind, was der Tod sei, soll man eine einfache, möglichst körpernahe Erklärung abgeben: «Ich lasse das Kind jeweils den eigenen Herzschlag spüren und erkläre, dass dieser Mensch und Tier am Leben hält. Schlägt das Herz nicht mehr, ist man tot», sagt Leicht. Kinder brauchen Bilder zur Erklärung, denn sie müssen den Tod begreifen können, sagt sie.

Kindliche Trauer dauert Jahre

Im Gegensatz zu den Erwachsenen dauert die kindliche Trauer über Jahre hinweg und tritt schubweise auf. Je nach Entwicklungsphase trauert das Kind anders und setzt wieder in seinem Trauerprozess ein, sagen die Fachfrauen. Deshalb sei es wichtig, den Tod ins Leben zu integrieren, ihm einen Platz zu geben. Dazu gehöre, Rituale zu finden, aber auch Abschied nehmen zu können. «Wir unterstützen das Beisein von Kindern an Trauerfeiern», sagt Christine Leicht. Man soll sie nicht ausschliessen. «Sie haben das Recht, dabei zu sein, auch wenn sie lebhaft sind, lachen und das andere Anwesenden irritieren kann.»

Die Trauerbegleiterinnen werden in ihrer Arbeit mit den verschiedensten Situationen konfrontiert und wissen nie, was sie bei den Begegnungen in der Familie antreffen. «Es gibt sehr unterschiedliche Anfragen. Etwa ein Vater, der anruft, weil seine Frau im Sterben liegt und er nicht weiss, wie mit den Kindern umgehen, oder Anfragen, die uns erst Monate oder Jahre später erreichen, weil das Kind Schlafstörungen entwickelt oder plötzlich einnässt», sagt Eliane Bieri. Manchmal reiche ein Telefongespräch, um die Betroffenen in ihrem Handeln zu bestätigen und sie auf ihrem Trauerweg zu bestärken. Wenn nicht, kann der Verein auf einen Fachpool von momentan 16 Trauerbegleiterinnen zurückgreifen. Manchmal arbeiten sie mit Psychologen oder Seelsorgern zusammen. Konfessionsneutralität wird grossgeschrieben.

Komme es zu Fragen wie «Wohin kommt man nach dem Tod?» wird rückgefragt. «Kinder sind sehr philosophisch und haben oft klare Vorstellungen und Hoffnungen», wissen die Fachfrauen. Diese bringt die Trauerbegleiterin ans Tageslicht, auch durch kreativen Ausdruck. Aber: «Man muss ehrlich sein und dem Kind sagen, dass es Dinge gibt, auf die man keine Antwort weiss», sagt Bieri. Die meisten Menschen hätten Hoffnungsbilder in sich, auch wenn sie an nichts glauben.

Bilder und Bastelarbeiten würden helfen, das Vermissen einer geliebten Person zu lindern. Kinder haben oft Angst, sie könnten vergessen. So könne man beispielsweise den «Erdengeburtstag» (Tag der Geburt) sowie den «Himmelsgeburtstag» (Tag des Todes) feiern. Oder etwas aufs Grab legen, was der Tote im Leben schätzte, oder Grabkerzen mit Permanentfilzstiften bemalen. Wer Friedhöfe meidet, kann zuhause einen Erinnerungstisch mit Fotos und sich je nach Jahrzeiten verändernden Dekorationen einrichten oder im Garten einen Rosenstock zum Gedenken pflanzen. Auch ein Fotobuch mit Bildern von gemeinsamen Erlebnissen kann Kindern durch die Trauer helfen.

Trauer und Gefühle brauchen Ausdruck, auf welche Art auch immer, sagen die Fachfrauen. «Die Gemeinschaft, die sich um Trauernde kümmert, soll wieder aktiviert werden. Erwachsene können vorleben, wie sie der Trauer Raum geben. Denn: Der Tod gehört zum Leben.»

Vermittlung von Fachpersonen durch den Verein familientrauerbegleitung.ch

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