«Es ehrt einen als Leiter, wenn ein Spitzenkunstturner nicht vergisst, wo er herkommt»

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Mit Geduld und Ruhe arbeitet Charly Zimmerli mit dem Kunstturnnachwuchs und hat dank seiner Erfahrung ein gutes Auge, wer über Talent verfügt. (Bild: gam)

Charly Zimmerli, heute geht in Doha die Kunstturn-Weltmeisterschaft zu Ende. Wie sind Sie mit der Ausbeute der Schweizer zufrieden?

Mit dem guten Abschneiden an den Europameisterschaften im Hinterkopf schien für die WM einiges möglich. Prognosen blieben aber schwierig. Einen Toptenplatz in der Mannschaftswertung hatte ich für möglich gehalten. Mit Platz 6 darf die Schweiz zufrieden sein, sie gehört also zum Mittelfeld der Weltbesten. Das Niveau war extrem hoch. Schade, dass die Schweizer wegen Patzern in der Qualifikation keinen Einzel-Gerätefinal erreichten.

Mit Noe Seifert war ein Küngoldinger als Ersatzturner vor Ort. Er ist in Ihrem Verein Satus ORO gross geworden. Macht Sie das stolz?

Noes WM-Selektion hat mich natürlich gefreut. Auch wenn seine Freude eines anderen Leid war, Noe rückte ja für den verletzten Taha Serhani ins Kader. Er ist der erste Turner aus unserer Riege, der an einer Weltmeisterschaft teilnehmen darf.

Welche Erinnerungen haben Sie an den «kleinen Noe» und seine ersten Turnversuche?

Als ich die Kunstturnriege vor 11 Jahren übernahm, war er in den letzten Zügen im Satus ORO, ehe er ins Aargauer Turnzentrum nach Niederlenz wechselte. Etwa eineinhalb Jahre arbeitete ich noch mit ihm. Er war eine harte Nuss (lacht), das eine oder andere Mal hatte ich mit ihm zu kämpfen. Noe war einer, der mit dem Kopf durch die Wand ging, der sich durchzusetzen versuchte. Wir reden da aber von Kleinigkeiten. Etwa, dass man für das Rangverlesen lange Hosen anzieht, er dann aber sagte: «Und ich ziehe die kurzen an.»

Kommt Noe Seifert diese «Sturheit» heute im Spitzensport zugute?

Ja, weil er gelernt hat, seinen Kopf und die Hartnäckigkeit in Ehrgeiz umzuwandeln. Noe war schon immer ein sehr fleissiger Turner mit einem starken Willen. Will er ein Element lernen und turnen, übt er, bis er es kann.

Wann oder woran erkennen Sie als Trainer, ob Sie es mit einem Ausnahmetalent zu tun haben?

Bei Noe Seifert zum Beispiel zeichnete sich rasch ab, dass er gute Anlagen mitbringt. Er ist in meiner bisherigen Leitertätigkeit der Einzige, der frisch ins Training kam und beides mitbrachte: Kraft und Beweglichkeit. Zudem lernt Noe schnell und so waren er und wir Trainer mit ihm von Anfang an sehr ambitioniert. Ja, er war ein Talent. Aber hätten Sie mich damals gefragt, ob er einst an einer WM turnen wird – ich weiss nicht, ob ich ja oder nein gesagt hätte.

Worauf kommt es nebst Kraft und Beweglichkeit noch an, damit es ein Talent weit schafft?

Verletzungsfrei zu bleiben, ist das Wichtigste. Jede Blessur wirft dich zurück. Und die anderen machen in der Zeit, in der du gesund werden musst, Fortschritte. Mental musst du auch parat sein, um Rückschläge zu verdauen oder etwa an einer WM dem Druck von aussen und von dir selber standzuhalten. Zentral ist der Wille. Schon in den ersten paar Trainings zeichnet sich ab, ob einer wirklich will. Es gibt die, die eine Aufgabe immer nur einmal machen und sagen, sie seien fertig. Andere führen nach zwei, drei Mal selbständig weitere Wiederholungen aus.

Das wären dann die, die Sie ermutigen, einen Schritt weiterzugehen und von Ihrer Riege ins Aargauer Turnzentrum zu wechseln?

So in etwa, ja. Einmal im Jahr gibt es ein Kids-Camp im Turnzentrum. Dort melden wir jene Turner aus dem Satus ORO an, die wir für ambitioniert und talentiert genug halten, die Anforderungen des Turnzentrums zu erfüllen. Sie müssen eine Basis haben, Kraftübungen und technische Elemente beherrschen. Rund 20 bis 30 Talente aus dem Aargau nehmen teil, acht bis zehn werden ins Kantonale Turnzentrum aufgenommen. Sechs Athleten vom Satus ORO sind derzeit dort.

Das sind für Ihre eher kleine Riege viele, die den Sprung geschafft haben.

Stimmt. Aber es können nie genug sein.

Das ist eine Philosophiefrage, oder? In anderen Sportarten behalten die Vereine Ihre Talente lieber bei sich, als sie weiterzureichen.

Im Kunstturnen ist das nicht der Fall. Klubwechsel gibt es fast nie. Wenn ich merke, dass einer Potenzial hat, gebe ich den gerne ans Aargauer Turnzentrum und später in die Schweizerischen Kader. Du musst nicht für die Riege schauen, sondern für den Turner. Klar, du gibst die Talente quasi aus deinen Händen, nachdem du mit ihnen begonnen hast, mit ihnen etwas geschaffen hast. Aber wenn du dann an Wettkämpfen siehst, dass einer deiner ehemaligen Schützlinge vorne mitmischt, spricht das ja auch wieder für die Riege, die gute Basisarbeit geleistet hat. Für mich ist es deshalb motivierend statt frustrierend, Turner weiterzugeben.

Wie ist der Kontakt zwischen Ihnen und «Ihren» Turnern, die am Aargauer Turnzentrum gefördert werden?

Einmal pro Woche trainiere ich in Niederlenz, betätige mich selber an den Geräten. So bleibe ich am Ball, sehe die Satus-ORO-Turner und kann mit deren Trainer vor Ort sprechen. Wir Riegenleiter und die Leitung der Abteilung Spitzensport des Aargauer Turnverbandes tauschen uns zudem regelmässig an Sitzungen aus.

Reden Sie noch mit in der Karriereplanung «Ihrer» Talente?

Wenn bei einem «meiner» Athleten etwas Aussergewöhnliches passiert, ein Leistungsabfall festgestellt wird oder der Druck in der Schule zu gross wird, etwas nicht passt, dann rufen die Trainer des Aargauer Turnzentrums mich an, fragen, wie ich einen Turner erlebe, wie man am besten vorgehen soll, ob man das Training zurückfahren muss. Anfänglich trainieren die Talente noch parallel in der Riege und im Turnzentrum, später erfolgt die komplette Ablöse. Mit 12 Jahren ist quasi der Wechsel vom Amateur- zum Spitzensportlevel da.

Von welchem Trainingspensum sprechen wir da?

Schon die Jüngsten trainieren täglich. Ich habe es mal ausgerechnet bei einem 12-Jährigen. Bei seiner Mischung aus öffentlicher Schule, Sportschule und Training kommt er auf eine 40-Stunden-Woche.

Vom sechsköpfigen Schweizer WM-Nationalkader stammen mit Oliver Hegi, Christian Baumann und Noe Seifert drei Athleten aus dem Aargau. Ist das Zufall, oder was macht der Aargau so viel besser als der Rest der Schweiz?

Das verraten wir nicht (lacht). Ich glaube, es wird in den Riegen, im Turnzentrum, im Verband gute Arbeit geleistet. Wertvoll ist, dass vom Turnzentrum in die Vereine getragen wird, wie man mit dem Nachwuchs zu trainieren hat. So sind die Talente vorbereitet auf einen Wechsel. Die Förderung ist so flächendeckend und massgeschneidert. Vielleicht ist es auch Glück, dass wir derzeit so starke Aargauer Eliteturner haben. Talente brauchen aber auch ein intaktes Umfeld und optimale Strukturen. Da gehören die Eltern, Physiotherapeuten und die Schule dazu.

ZUR PERSON

Der 37-jährige Charly Zimmerli wohnt in Oftringen. Er ist als Projektleiter Sanitär in der Haustechnik tätig und übt im Turnbereich diverse Ämter aus. Er bildet mit Peter Fischer die Hauptleitung der Kunstturnriege des Satus Oberentfelden-Rothrist-Oftringen (ORO). Regelmässig schaffen es Turner des Satus ORO in Kantonale und Nationale Kader. Zimmerli ist zudem Leiter des Trainingslagers der Kunstturner und Geräteturnerinnen von Satus Schweiz (nach 10 Jahren heuer zum letzten Mal), Marketingverantwortlicher des Sportvereins Oftringen STV und hilft im Aargauer Turnzentrum in Niederlenz im technischen Unterhalt. Im OK des Eidgenössischen Turnfests 2019 in Aarau ist er Ressortleiter Spitzensport und im Schweizerischen Turnverband Kunstturn-Experte. Charly Zimmerli lebt in einer festen Beziehung.

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Charly Zimmerli legt als Trainer Wert auf Disziplin, Haltung und Spannung. (Bild: gam)

 

Worauf legen Sie als Trainer wert, wenn Sie mit den Jüngsten arbeiten?

Auf Ausführung, Haltung, Spannung. An der WM machte übrigens genau dies den Unterschied im Kampf um den Titel aus. Bei jenen Turnern, die frisch bei uns sind, poche ich auf Disziplin. Da sage ich gewisse Dinge immer wieder. Bei mir im Training wird zudem nicht gesessen. Ich selber darf auch nicht sitzen, muss Liegestützen machen, wenn mich die Jungs sitzend erwischen. Wichtig ist mir, dass alles, was die 8 bis 10 Jungs in der Halle tun, in geordneten Bahnen verläuft. Und der Lärmpegel muss «doucement» sein. Es gibt Buben, denen sagst du was, dann schaust du zwei Sekunden woanders hin, schon sind sie weg. Bei einem Luftibus sind die Zügel besonders kurz zu halten.

2013 gewann Lucas Fischer vom Satus ORO an der EM Silber am Barren. Noe Seifert turnte heuer an der WM und an der EM. Inwiefern profitiert Ihr Verein von solchen Aushängeschildern?

Es ist nicht so, dass wir deswegen zehn Turner mehr in der Halle hätten. Aber vielleicht wird unser Sport durch die Medienpräsenz bekannter. Und der Gedanke, dass einer an der WM turnt, der aus demselben Verein stammt, kann unsere Jungen pushen. An Turnerabenden schauen die Kleinen respektvoll zu Noe auf, wenn er neben ihnen auf der Bühne steht. Das ehrt einen als Leiter übrigens auch, dass ein Spitzenturner nicht vergisst, wo er herkommt und sich in seinem strengen Programm Zeit nimmt, an einem Turnerabend mitzuwirken. Noe turnte natürlich nur einfache Sachen, um sich nicht zu verletzten.

Da wären wir bei einem leidigen Thema: Verletzungen. Die derzeit beste Kunstturnerin des Landes, Giulia Steingruber, kuriert eine üble Knieverletzung aus. Noe Seifert rückte für die WM und zuvor auch für die EM ins Kader, weil sich ein anderer verletzte. Wie gesund ist Kunstturnen?

In gewissem Mass sicher gesund, weil man im Alltag vom Gelernten profitieren kann, etwa was die Haltung angeht. Kunstturnen ist eine gute sportliche Grundschulung. Aber klar, die Belastung ist ab einem gewissen Pensum gross. Oft ist eine Überbelastung der Herd von Entzündungen oder einer Verletzung. Ganz grosse Verletzungen oder Unfälle gibt es heute aber fast nicht mehr, weil man alles in Teilschritten lernt. Früher wendete man die Ganzheitsmethode an, sagte dem Turner: zweifacher Salto – mach mal. Heute zersetzt man ein Element in methodische Schritte.

Wie schützen Sie Ihre eigenen Turner vor Verletzungen?

Dass man mal irgendwo anschlägt, dass es einem beim Sturz von den Ringen den Atem verschlägt, kann vorkommen. Meist traut sich ein Turner ein komplettes Element aber ohnehin erst zu, wenn er alle Teile beherrscht. Vorher ist die Angst zu gross. Dann stehe ich da, um abzusichern. Irgendwann muss aber auch diese Unterstützung weg.

Woran erkennen Sie, wann Sie eingreifen müssen und wann nicht?

Ich entscheide nach Bauchgefühl. Schätze ich, dass es mich braucht, stehe ich da, bin gefasst. Beachten muss man immer auch das Wachstum. Nach einem Schub funktionieren einzelne Elemente nicht mehr. Es ist in diesen Momenten für ein Kind unverständlich, warum plötzlich gewisse Rotationen nicht mehr reichen. Da müssen die Jungs durchbeissen, bis sie gelernt haben, mit ihren neuen Massen und mit anderen Kräfteverhältnissen ihre Übungen zu schaffen.

Sie waren selbst aktiver Kunstturner. Hatten Sie Ambitionen, mal an einer WM teilzunehmen?

Nein. Ich war immer der Riegenturner auf Amateurlevel. Ich nahm an Schweizer Meisterschaften teil, durfte dreimal ins Ausland an Länderkämpfe und war im Aargauer Kader und an Zusammenzügen. Mehr Erfolg im Sport suchte ich nie, ich konzentrierte mich auf die berufliche Laufbahn.

Wann entschieden Sie sich, vom Turner zum Trainer zu werden?

Als ich die Rangliste nur noch von hinten auffüllte (lacht). Mit 25 sagte ich, jetzt ist Schluss mit Wettkämpfen und hängte nahtlos die Trainerausbildung an. Zwei Jahre später übernahm ich die Riegenleitung des Satus ORO.

Wie viele Stunden verbringen Sie in Hallen und im Dienst des Sports nebst Ihrem 100-Prozent-Pensum als Projektleiter Sanitär in der Haustechnik? Es tönt, als stünden Sie jeden Abend in der Halle.

Am Donnerstag nicht (lacht). Aber irgendwie wird es immer mehr. Rund 16 bis 18 Stunden pro Woche investiere ich ins Turnen, erledige Administratives für diverse Ämter oder bin eben in der Halle. An drei Abenden leite ich das Kunstturnen des Satus ORO, springe ab und zu im Turnzentrum als Hilfsleiter ein und leite im Sportverein Oftringen STV die Aktiven. Trotzdem bleibt mein Engagement fürs Turnen ein Hobby, das mir sehr viel Spass macht. Es gibt Leute, die mir raten, dieses Hobby zum Beruf zu machen. Aber ich frage mich, ob ich dann alles mit gleicher Leidenschaft ausführen würde.

Was macht für Sie die Faszination Kunstturnen aus?

Gute Frage. Ich kenne einfach nichts anderes. Als Fünfjähriger schickte mich meine Mutter ins Kunstturnen und meinen Bruder in die Jugi, um zu verhindern, dass wir in derselben Halle sind (lacht). Seither liebe ich diesen Sport, warum genau kann ich nicht sagen. Heute freue ich mich in jedem Training über die Fortschritte, die die Jungs machen.

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