Feuerwehrkommandant: 19 Rettungen, das ist eine «sagenhafte Leistung» und doch...

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Boris Anderegg, Kommandant der Feuerwehr Solothurn (Bild: Hanspeter Bärtschi)

Als die Stützpunktfeuerwehr Solothurn mit allen verfügbaren 60 Leuten am Brandplatz an der Wengistrasse eintraf gab es nur eines: Retten! «Es kam ja zu fast keinen Selbstrettungen. Also mussten wir die Bewohnerinnen und Bewohner rausholen.» Die Verzweifelten, die gesprungen waren, hatten dies schon vor dem Eintreffen der Feuerwehr getan. Auch das hinunter geworfene Kind war bereits geborgen. Dieses lebte entgegen bisherigen Spekulationen noch und wurde ins Spital gebracht.

Drinnen aber ging es um Leben und Tod. «Insgesamt zählten wir 19 Rettungen. Das ist eine sagenhafte Leistung», windet der Kommandant im Nachgang seinen Einsatzkräften hohes Lob. Über Leitern wurden die einen geborgen, die meisten jedoch auch unter Einsatz des Atemschutzes aus dem Korridor. «Dabei kam ein Fluchtgerät zum Einsatz, eine Art Sack, der über den Kopf der zu rettenden Person gestülpt wird und diese mit Frischluft versorgt.» Nicht eingesetzt wurde dagegen ein vorhanden gewesenes Sprungkissen - wegen des Parterre-Brands war die Hitze unmittelbar im Vorbereich zu gross. Boris Anderegg; «Das Gerät wäre sofort kaputt gegangen. Und mit den Leitern waren wir schneller.»

«Das kann man nicht ausbilden»

Einmal draussen begann für manche der Geborgenen erst der Überlebenskampf. «Auch unsere Leute beteiligten sich an den Reanimationen und unterstützten die Rettungsmannschaften», blickt Anderegg zurück. Die dafür ausgebildeten Feuerwehrleute erlebten dabei ein Wechselbad der Gefühle: Da war alles vergeblich, «dort konnte man jemanden zurückholen.» Trauer über verlorenes Leben wechselte ab mit den Glücksmomenten über wiedergewonnenes.Glücksmomenten über wiedergewonnenes.

Dies zu verarbeiten, war dann erstes Gebot. «Wir haben das De-Briefing des Einsatzes mit dem Care-Team gemacht.» Miteinander reden, die Befindlichkeit abfangen, die Leute «ja nicht hängen lassen», das die Reaktion des Kommandanten. Und nachmittags hätten sich die meisten getroffen, um das Erlebte gemeinsam aufzuarbeiten. Denn diese extrem belastenden Momente, «sowas kann man nicht ausbilden», erkennt der Kommandant, der selbst in der Ausbildung engagiert ist, die Grenzen in der Einsatzvorbereitung.

Riesige Anteilnahme 

Allein gelassen fühlen sich Boris Anderegg und seine Leute ohnehin nicht. «Es gibt viele positive Emotionen. Die Anteilnahme der Bevölkerung ist immens, man hat uns von der Feuerwehr nicht vergessen», zeigt er sich dankbar für diese Unterstützung. Denn nach solchen Ereignissen hinterfragt man sich auch: Haben wir alles richtig gemacht? Für Boris Anderegg gibt es keine Zweifel: «Ja, alles hat geklappt.» Die Alarmierung, der Einsatzplan, die aufgebotenen Kräfte, das Vorgehen. Und doch...

Keine Erklärung für Rauch

Eigentlich war es für den Kommandanten ein gewöhnlicher Zimmerbrand gewesen. Doch der Brandherd im Parterre hatte heimtückische, fatale Folgen. «Wer bei starker Rauchentwicklung drei, vier Atemzüge macht, verliert bereits das Bewusstsein.» Deshalb sein Tipp, bei festgestelltem Rauch im Hausgang: «Sofort Zimmertüren schliessen, ans offenen Fenster gehen und sich bemerkbar machen.» Das Hausinnere an der Wengistrasse 40 habe die Brand- und Rauchentwicklung nicht speziell begünstigt, das Gebäude sei nach den damals gängigen Brandschutzvorschriften erstellt worden. Doch eines empfiehlt der Feuerwehrkommandant dennoch: «Setzt einen Brandmelder. Der ist schon ab 30 Franken zu haben.»

Das empfiehlt auch Thomas Fluri, Brandschutzexperte beim Solothurner Gebäudeversicherungsverband (SGV). Die Installation wäre eine «lebensrettende Massnahme» – aber sie ist nicht Pflicht in der Schweiz. Laut Fluri, weil es in der Schweiz wenig Geschädigte gibt – so seien es 20 Todesfälle durchschnittlich pro Jahr. Ein weiterer Tipp des Experten: Keine Schuhgestelle ins Treppenhaus stellen, denn: «Ein Treppenhaus ist der wichtigste Flucht- und Rettungsweg.» In den meisten Fällen geschähen Rettungen denn auch durch das Treppenhaus, so Fluri. Diese sollten sich – bei geschlossenen Wohnungstüren zumindest – auch gar nicht so mit Rauch füllen.

«Türen sind in der Regel so beschaffen, dass sie einen halbstündigen Normalbrand aushalten, selbst wenn sie aus Holz sind.» Was beim konkreten Fall in Solothurn nun schief ging, kann Fluri nicht sagen. «Der Brandfall ist tragisch. Irgendetwas muss aber nicht funktioniert haben, sonst wären nicht so viele Menschen zu Schaden gekommen.» Das Beängstigende: Wer schläft, wird von einem Brand kaum geweckt. «Wenn Rauch bis zum Schlafzimmer gelangt, ist die Gefahr gross», erklärt Fluri. «Im Schlaf kann der Mensch nicht riechen und atmet er Rauchgase ein, wird er nach wenigen Atemzügen bewusstlos.»

Aufgrund der laufenden Ermittlungen könne die Gebäudeversicherung keine weiteren Angaben machen, erklärt auf Nachfrage SGV-Direktor Markus Schüpbach. So bleiben etwa Fragen zur Liegenschaft und wie es zu einer solchen Rauchentwicklung kommen konnte, unbeantwortet. Man müsse den Bericht der Ermittlungen abwarten, erklärt Schüpbach, der ebenfalls von einem tragischen Ereignis spricht. Man könne aber schon davon ausgehen, dass die Liegenschaft – wie Tausende andere im Kanton auch – durch die SGV abgenommen worden seien. Auch der Kanton, welcher im betroffenen Gebäude vier Wohnungen für Personen aus dem Asylbereich gemietet hat, erklärt auf Anfrage, man miete nur Infrastruktur, bei welcher die zwingenden Brandschutzvorgaben eingehalten würden.

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