Deponie Dagmersellen: Statt eines Kompromisses findet man Öl

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Die Laufzeit der Deponie soll bis ungefähr ins Jahr 2040 verlängert werden. In dieser Zeit würde die Deponie in mehreren Etappen mit 790 000 Kubikmetern Material aufgefüllt. rzu/archiv
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«Ich kann ja nicht hingehen und fragen: Wollt ihr eine Deponie? Da sagt jeder Nein.» Markus Gasser Deponiebetreiber
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«Die Wahl der Deponiestandorte darf nicht durch die finanziellen Interessen von Privaten bestimmt werden.» Andy Liniger Mitglied der IG «Stop Deponie Buchs»

Am Öl scheidet sich nicht nur Wasser. Am Öl scheiden sich auch Geister. Vor allem an der weissen, öligen Substanz, die Anwohner vor drei Wochen im Weiher unter der Deponie Hächlerenfeld entdeckten. Der Deponiebetreiber liess die Substanz absaugen und erstattete Anzeige gegen unbekannt. Er vermutet Sabotage durch einen «Hitzkopf». Die Gegner sind sich sicher: Die Substanz kommt aus der Deponie. Das zuständige Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement des Kantons Luzern schweigt zum laufenden Verfahren. Die Wahrheit muss warten.

Die Abstimmung nicht. In neun Tagen stimmt die Dagmerseller Gemeindeversammlung über die Erweiterung der Deponie im Ortsteil Buchs ab. Die rund 13-jährige Deponie soll nicht nur erweitert, sondern auch zwanzig Jahre weiterbetrieben werden. Bereits vor zweieinhalb Jahren wollte der Betreiber die 11,8 Hektaren grosse Deponie erweitern. Die Vertragsunterzeichnung stellte die Unterhaltsgenossenschaft Buchs aber vorerst zurück, «weil sich Bewohner der Liegenschaft in der Umgebung unsicher zeigen», sagte der Deponiebetreiber damals gegenüber dieser Zeitung. Dieses Jahr nahm er einen weiteren Anlauf. Ende Mai informierte der Gemeinderat anlässlich des Mitwirkungsverfahrens zur Deponie. Die Gegner hatten sich zwischenzeitlich formiert. Einige Mitglieder der IG Stop Deponie Buchs kündigten damals schon ihren Widerstand an. Gleichzeitig legte der Gemeinderat das Vorhaben öffentlich auf. 14 Einsprachen gingen ein.

Die Fronten schienen damals schon verhärtet. Mit dem Vorfall im Weiher spitzte sich dieser Konflikt zu – wobei niemand der gegnerischen Partei direkt die Schuld gab.

«Wäre das ökologisch?»

Der Weiher unter der Deponie riecht zehn Tage nach der Anzeige gegen unbekannt immer noch nach Öl. «Was soll ich tun?», fragt Markus Gasser, Deponiebetreiber, gelbe Wollmütze, blaue Faserpelzjacke. «Soll ich den ganzen Weiher absaugen oder umpflügen? Wäre das ökologisch?» Es sind nicht die einzigen Fragen, die Gasser auf einem Rundgang durch die Deponie stellt. Er sucht offensichtlich Bestätigung dafür, alles richtig gemacht zu haben. Der 49-Jährige dekliniert im Büro-Container der Deponie die Abklärungen durch, die er zwecks Erweiterung getätigt hat: Umweltverträglichkeitsprüfung, Projektbewilligungs- und Rodungsverfahren sowie Gespräche mit der Unterhaltsgenossenschaft. Auf die Frage, ob kein besserer Kompromiss gefunden werden konnte, lehnt sich Gasser gegen den Tisch und verschränkt die Arme. Er sei durchaus kompromissbereit gewesen, sagt er. Der Sichtschutz und die Etappenänderung beim Auffüllen – die Deponiearbeiten in der Nähe des Dorfes sollen nun gleich als Erstes beendet werden – seien Kompromisse. Sie, die Gegner, hätten das Gespräch nicht gesucht.

Die Gegner behaupten das Gegenteil. «Wir wären schon kompromissbereit», sagt Andy Liniger von der IG Stop Deponie Buchs. Im Mitwirkungsverfahren hätten sie Punkte wie Laufzeitverkürzung, Verzicht auf Waldrodung und Verkleinerung der Deponie angesprochen. «Aber man ist uns keinen Millimeter entgegengekommen, in keinem einzigen Punkt», sagt Liniger, Musketierbart, lange graue Haare, die zu einem Rossschwanz zusammengebunden sind. Die IG ist zwar in der Unterhaltsgenossenschaft vertreten. «Wir fühlen uns von ihr aber nicht repräsentiert.» Der Sichtschutz wird ihrer Meinung nach nicht viel nützen. Bei einem Deponiebesuch fährt Liniger mit seinem Geländewagen neben einem Baugespann entlang, hält an und sagt: «Das ist schon hoch, nicht?» und zeigt auf das rund neun Meter hohe Baugespann. So hoch soll die Deponie aufgeschüttet werden. Die Gegner sorgen sich um die Umwelt und die Ruhe in der Nachbarschaft. Sie stören sich aber vor allem an einem: «Man hat uns versprochen, dass nach der ersten Laufzeit Schluss ist.» Das Versprechen der damaligen, noch nicht fusionierten Gemeinde Buchs sei in einem Protokoll festgehalten, sagt Liniger.

Kanton bestimmt keine Standorte

In einem Punkt sind sich beide Parteien indes einig: Nach heutigem Gesetz wird der Kanton nicht selber eine Deponie bestimmen. Er ist zwar verantwortlich für die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, die Realisierung und der Betrieb sind aber Sache der Privatwirtschaft. Liniger versteht, dass der Abfall irgendwo deponiert werden muss. «Und ich kann Gasser verstehen – er hat viel Zeit und Geld investiert in Abklärungen, Vermessungen. Aber die Wahl der Deponiestandorte darf nicht durch die finanziellen Interessen von Privaten bestimmt werden.» Der Kanton sei einfach froh, wenn es Deponien gebe. Ihm sei aber leider egal, wie es den Leuten vor Ort gehe.

Gasser wiederum sagt: «Deponien sind unser Geschäftsfeld. Wir sind ein Handels- und Dienstleistungsunternehmen.» Er hat die Gasser AG von seinem Vater übernommen. «Wir betreiben seit vierzig Jahren eigene Deponien; in Dagmersellen, Langnau und Pfaffnau haben wir bereits Deponien aufgefüllt. Er verurteile den Widerstand nicht – könne ihn sogar ein Stück weit nachvollziehen. Für ihn sind die Argumente der Gegner aber oft gesucht. Die Gegner hätten sich jahrelang nicht geäussert und jetzt sei plötzlich alles falsch an der Deponie. «Ich kann ja nicht hingehen und fragen: Wollt ihr eine Deponie? Da sagt jeder Nein.» Der öffentliche Bedarf sei aber erwiesenermassen da, so Gasser.

Gemeinde stellt sich hinter Gasser

Ähnlich argumentierte auch der Gemeindepräsident Philipp Bucher vor einem halben Jahr: Er könne verstehen, dass die Aussicht auf die Deponie nicht toll sei, sagte er an der Informations-Veranstaltung. Er appelliere aber an die Verantwortung für Abfall, den die Gesellschaft produziere. Zudem sei es sinnvoll, vor der Suche nach neuen Standorten die Erweiterung einer bestehenden Deponie zu prüfen. Die Firma biete in der Gemeinde Arbeitsplätze an und zahle Steuern, heisst es in der Botschaft zur Gemeindeversammlung. Zudem leistet Gasser eine Abgabe von drei Franken pro Kubikmeter an die Gemeinde. Dies ergebe aufgrund der realisierbaren Auffüllmenge in zwanzig Jahren eine Summe von 2,34 Millionen Franken. Liniger sagt: «So kauft man sich die Leute.» Gasser entgegnet zum Vorwurf: «Der Buchser Kulturfonds entstand im Zusammenhang mit der bestehenden Deponie. Die Gemeinde hat nun die Abgabe sogar erhöht. Das darf und muss man doch kommunizieren.»

Liniger versteht nicht, wieso sich der Gemeinderat für die Erweiterung einsetzt. «Wir sind doch auch Steuerzahler. Wir sind diejenigen, die hier wohnen müssen.» Mit der bestehenden Deponie hätten sie ihre Pflicht für die Abfallbeseitigung geleistet. Der 59-Jährige fährt mit seinem Auto in den Hächlerenweg und hält an. Gleich nebenan im Tömmelimoos hat er vor zwanzig Jahren, gut acht Jahre vor der Deponieeröffnung, ein Haus gekauft. «Die Deponie kommt fast bis hier vorne», sagt Liniger und zeigt auf den Siedlungsrand. Die Deponie wird gemäss Plänen rund 200 Meter nah an die Liegenschaften im Tömmelimoos kommen. In einer ersten Etappe wird in der Nähe des Siedlungsgebietes aber nur sauberes Aushubmaterial deponiert, heisst es. Der Bieler kam nach Buchs, weil er die Nähe zu Natur und Autobahn schätzte. Für ihn sei das wichtig gewesen. Er sei auch kein Grüner, es gehe ihm einfach um den gesunden Menschenverstand. Er habe sich auch schon überlegt, wegzuziehen. «Flucht ist aber keine Option mehr. Eigentlich wollte ich einfach meinen Frieden. Jetzt will ich mich aber wehren – auch für meine Familie.» Linigers Sohn mit Frau und Enkelkindern wohnt ebenfalls im Tömmelimoos.

Frühere Deponiefläche rekultiviert

Markus Gasser gibt auf dem ganzen Rundgang einen Einblick in die Deponie. Er zeigt eine ehemalige Deponiefläche, die mittlerweile kultiviert worden ist. Auch die restlichen Deponieflächen sollen nach der Auffüllung peu à peu rekultiviert werden. 1,8 Hektaren, 15 Prozent der Deponiefläche, würden sogar in Ökoflächen umgewandelt. Er kann die ganze Aufregung in Umweltbelangen deshalb gar nicht verstehen. «So schlimm kann die Deponie nicht sein, sonst dürften wir das Sickerwasser, das regelmässig vom Kanton geprüft wird, nicht in den Hürnbach einlassen», sagt Gasser.

Die Parteien werden sich nicht mehr einig werden bis zur Abstimmung – und wahrscheinlich auch darüber hinaus. Die Wahrheit hinsichtlich der Gewässerverschmutzung – sie muss wohl auch warten bis nach der Abstimmung.

Laufzeit soll bis 2040 verlängert werden

Die Deponie Hächlerenfeld besteht seit 2005. Es handelt sich um eine Inertstoffdeponie beziehungsweise eine Deponie des Typs B gemäss Abfallverordnung (VVEA). Dort werden nicht verwertbare mineralische Bauabfälle, industrielle Abfälle mit Inertstoffqualität sowie unverschmutztes Aushubmaterial gelagert. Auch bei einer Erweiterung dürften nur diese Stoffe gelagert werden. Der Kanton überprüft gemäss eigenen Aussagen regelmässig, ob die Richtlinien eingehalten werden. Die aktuelle Laufzeit (2023) soll bis ungefähr ins Jahr 2040 verlängert werden. In dieser Zeit würde die Deponie in mehreren Etappen mit 790 000 Kubikmetern Material aufgefüllt. Dazu soll auch im bestehenden Perimeter höher geschüttet werden. Bei einer ersten von vier Etappen – die vier Zonen werden nacheinander wieder gefüllt – kommt die Deponie der nächsten Liegenschaft an der Rüchligstrasse 65 Meter nah. Für die Erweiterung wäre auch eine Rodung einer Fläche von 76 Aren Wald vorgesehen, die anschliessend wieder aufgeforstet würde. Östlich in Richtung Knutwil wird eine kleine Fläche der Landwirtschaftszone zugeteilt. Die Zufahrt verläuft nach wie vor über das Gemeindegebiet Knutwils. (rzu)

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