Viel Krach um die Stille

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Das Schönste am Schnee wird in der Ausstellung «Sounds of Silence» in Bern erlebbar: Dass er die Welt still macht. MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION

Die Adventszeit soll einstimmen auf die eine stille, Heilige Nacht. Doch gehört diese Zeit vor Weihnachten für viele Menschen nicht gerade zu den ruhigeren Wochen im Jahreslauf. Im Gegenteil. Einkaufshektik bricht aus, Chlausund Firmenabende wollen gefeiert werden, die To-do-Liste ist noch abzuarbeiten, das Weihnachtsfest und die Silvestereinladung müssen vorbereitet werden. Das Casinotheater Winterthur bringt es mit dem Titel eines vorweihnachtlichen Theaterspektakels auf den Punkt: «Stille kracht».

Viele «Orte der Stille» halten gegen den Adventsstress und seine Störgeräusche an. Angeboten werden Adventsmeditation oder auch Kontemplation zwischen den Jahren, sowohl von kirchlichen wie auch von ganz weltlichen Organisationen. «Stille Morgen» ermöglicht auch das Berner Museum für Kommunikation, wo die Ausstellung «Sounds of Silence» zurzeit Stille und Lärm thematisiert. «Mit einem ruhigen Einstieg in den Tag entschleunigen wir die hektische Vorweihnachtszeit», wird das Angebot beworben.

Es wird zugesichert, dass eine erfahrene Meditationslehrerin auch Interessierte ohne einschlägige Erfahrung sicher durch die Meditationsstunde führen werde. Angedeutet wird damit, was viele selbst schon erlebt haben: Wir sehnen uns nach Stille, fürchten sie aber auch. Diese Ambivalenz verschärft sich in der Weihnachtszeit. Das hat die Stille mit dem Lärm gemeinsam: Beide sind oft nur schwer auszuhalten.

Lärm und Stille sind Folter
Das leuchtet sofort ein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass beides in extremer Form krank machen kann. Oder noch schlimmer, dass beides zur Folter eingesetzt wird. Häftlinge werden in dunkle Räume gesperrt und tagelang lauter Musik ausgesetzt, oder aber sie werden isoliert in schalltoten Zellen. Halluzinationen, Nervenzusammenbruch, akute Psychose können die Folgen sein. Absolute Stille ist uns unerträglich, ist unnatürlich.

Was den Lärm angeht, hat uns die Evolution verletzlich gemacht: Das Ohr ist immer auf Empfang. «Im Gegensatz zu den Augen können wir die Ohren nicht schliessen, und das ist auch gut so, sonst würde das Ohr als Alarmorgan nichts taugen. Unser Ohr lebt immer noch in der Wildnis; es ist, als sässe ein schreckhaftes Tier in unserem Kopf.» Dies schreibt die Publizistin Sieglinde Geisel in einem facettenreichen Buch zum Thema. Sie weist darauf hin, dass das Wort Lärm etymologisch von Alarm kommt, dem alten italienischen Schlachtruf «all’arme», «zu den Waffen». Ein Alarmzeichen ist auch das Aufheulen eines Verbrennungsmotors: «Achtung, jetzt kommt ein Auto.» Für Blinde und Kinder überlebenswichtig.

Bei Elektrofahrzeugen fällt das heute weg – weshalb sie schon bald gesetzlich vorgeschrieben wieder Krach machen müssen, wie kürzlich gemeldet wurde: Ein Klanggenerator erzeugt motorenähnliche Geräusche und überträgt diese per Lautsprecher nach aussen. Seit Beginn der Motorisierung war der wachsende Verkehrslärm Gegenstand von Streit, Rechtsklagen und politischen Debatten. Mit dem Elektromotor schien Besserung in Sicht, doch die Sache ist komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Und es ist beim Verkehrslärm wie bei allem andern Lärm: Es ist immer der Krach der andern, der stört.

In unserem Kopf wurde es laut
Motorisierung und Industrialisierung haben die Welt laut gemacht. Die Dienstleistungsgesellschaft und die Informationstechnologie müssten sie eigentlich beruhigen. Doch nun ist der Lärm in unserem Kopf hinzugekommen, verursacht von Internet und sozialen Medien. «Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft», schreibt der Autor und Verleger Frank Schirrmacher im Buch «Payback». Er fragt, wie es heute jemandem überhaupt noch möglich sei, «in seinem eigenen Kopf zu Hause zu sein».

Gut möglich, dass in der Vorweihnachtszeit manche weniger vom Krach auf der Strasse und vom Lärm im Kopf genervt sind als vielmehr von der permanenten musikalischen Berieselung beispielsweise in Warenhäusern und auf Weihnachtsmärkten. Der Kulturphilosoph Günter Anders schrieb schon in den 1950er-Jahren von der «akustischen Freiheitsberaubung» durch Hintergrundmusik. Stille hemmt den Konsum, Hintergrundmusik animiert dazu, indem sie eine vertraute Atmosphäre schafft. Bleibt bloss zu hoffen, dass sich am Ende wenigstens in der Heiligen Nacht Stille und Seelenruhe einstellen.

AUSSTELLUNG

Sounds of Silence 

Die Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern ist als eine dreidimensionale Hörlandschaft konzipiert. Man durchstreift sie, ausgerüstet mit einem Kopfhörer. Mal ist man in einer Schneelandschaft, mal auf einer Insel der Stille, in einem Schützengraben, hört Strassenlärm, steht in einer echofreien Testkammer. Unerwartetes über Lärm und Stille ist zu erfahren: Ein faszinierendes, aber auch herausforderndes Erlebnis. Bis 7. 7. 2019, mfk.ch. (UB) 

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