Wir, die Milizpolitiker

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Zwei Nachrichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben. Die erste: Die Schweiz ist das am stärksten globalisierte Land der Welt. Dies geht aus dem vorgestern von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich publizierten Globalisierungsindex hervor. Die zweite : Der Schweizerische Gemeindeverband hat 2019 zum «Jahr der Milizarbeit» aufgerufen. Aufgeschreckt hat den Verband das Gemeindemonitoring 2017. Danach haben die Hälfte der Gemeinden Mühe, Leute für die Exekutiven zu finden.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nun, da ist einerseits die exportorientierte, mit allen Erdteilen verflochtene Kleinnation, die im globalen Wettbewerb mithalten kann. Und da ist andererseits das Milizsystem, das diese Nation verwaltet, das Nähe zwischen Bürger und Staat stiftet und letzteren einigermassen schlank hält. «Die Milizpolitiker, die Freizeitpolitiker, machen die Schweiz zur Schweiz», sagt Andreas Müller, Leiter Milizprojekt beim Gemeindeverband.

Tatsächlich kann man nicht genug betonen, wie wertvoll unser Milizsystem ist. Damit steht und fällt das Land. Umso nachdenklicher stimmen manche Entwicklungen, die auch in dieser Zeitung Schlagzeilen machten. Eine Frau Gemeindeammann wirft entnervt das Handtuch, sie spricht von «unhaltbaren Zuständen». In der Nachbargemeinde endet der Krach im Gemeinderat in Verfahren vor der Staatsanwaltschaft.

Sinken werden die Anforderungen an unsere Milizpolitiker künftig nicht, im Gegenteil – die Dossiers werden komplexer, die Herausforderungen grösser. Mir scheint, die meisten Milizler scheinen das zu wissen. Aber haben wir Bürgerinnen und Bürger schon genug begriffen, dass auch die Anforderungen an uns gestiegen sind? Eine Debatte, wie sie der Gemeindeverband in diesem Zusammenhang reicht da nicht. Das Milizsystem stärken könnte heissen: sich erst mal um präzise Fakten bemühen statt vorschnelle Meinungen ventilieren. Ein offenes Gespräch suchen statt einen hämischen Kommentar auf Facebook absetzen. Erst mal einstecken statt gleich austeilen.

Man muss das Diktum, die Milizpolitiker machten die Schweiz zu Schweiz, erweitern: Jede und jeder von uns ist so ein(e) Politiker(in).

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