Leben mit Autismus - Wenn zehn Fernseher gleichzeitig laufen

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Der neunjährige Nicolas erklimmt ein Klettergerüst in Zofingen. Da er eine hohe Körperspannung hat, geht er auf Zehenspitzen. (Bild: Yvonne Margraf)

Von Von Jasmin Sudar und Ursina Margraf*

Gläser klirren, lautes Lachen erschallt, ein Handy klingelt, Gesprächsfetzen schwirren durch den Raum und ein süsser Kuchenduft liegt in der Luft. Die Familienfeier ist Stress pur für den jüngeren Sohn der Familie. Er möchte anonym blieben, daher nennen wir ihn Nicolas. Armkreisend rennt er auf Zehenspitzen durch die fröhliche Menge. Ist das eine normale Reaktion auf eine Anspannung? Für Nicolas schon. Er ist Autist.

Reizüberflutung im Gehirn

Autistische Kinder sind oft sehr schnell gestresst. Das liegt am Mechanismus im Hirn, der unbewusste Reize ausfiltert, der nicht oder nicht richtig funktioniert. Dadurch gibt es eine Sinnüberflutung, die vom Hirn nicht richtig verarbeitet werden kann. Laut der Mutter von Nicolas sei es vergleichbar mit zehn Fernsehern, die gleichzeitig laufen. Nicolas gab schon als Säugling nie Laute von sich. Als Kleinkind konzentrierte er sich lieber auf das drehende Rad seines Spielzeugautos, anstatt mit seinem grossen Bruder zu spielen. Bald vermutete man, dass Nicolas autistisch sein könnte. Doch die Eltern wollten dies nicht wahrhaben. Zu präsent waren der Mutter noch die Erinnerungen an ihren autistischen Cousin, der ihr immer ein wenig Angst eingeflösst hatte. Schliesslich konnten die offensichtlichen Anzeichen nicht mehr länger ignoriert werden. Die Diagnose stand fest: Nicolas ist Autist.

Autismus ist schwierig zu diagnostizieren, da jeder Autist anders ist, und es somit keine eindeutigen Merkmale gibt. Nicolas’ Mutter meinte dazu treffend: «Wenn man einen Autisten kennt, kennt man eben genau einen.» Nach der Diagnose begann die Familie sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Die Mutter besuchte Kurse und tauschte sich mit anderen Müttern autistischer Kinder aus. Auch ein Förderungskurs für Nicolas stand zur Diskussion. Mittlerweile geht Nicolas in eine Sonderschule und besucht dort verschiedene Therapien, unter anderem eine Reittherapie, die ihn gezielt fördert. Das Reiten hilft ihm, ein besseres Körpergefühl zu bekommen. Wie die meisten anderen Autisten hat auch er eine hohe Körperspannung und läuft deshalb auf Zehenspitzen.

Fröhlich und empfindsam

Die Familie erlebt den Umgang mit Nicolas als eine Bereicherung. Die Mutter selbst sagt, dass sie viel von ihm lernen kann. Dabei betont sie vor allem Nicolas’ Fröhlichkeit und seine Empfindsamkeit für andere. Zudem ist Nicolas sehr anhänglich und liebt es, mit den Eltern zu kuscheln oder Zuneigung durch Umarmen zu zeigen. Das ist sehr untypisch, denn normalerweise widerstrebt Autisten enger Körperkontakt. Auch in anderen Dingen entspricht Nicolas nicht dem typischen Bild eines Autisten. Viele Menschen assoziieren Autismus mit Sonderbegabungen. Jeder kennt die Geschichte von Raymond aus Rainman, der einen Haufen Zündhölzchen auf einen Blick zählen konnte. Doch rund 90 Prozent aller Autisten haben keine solchen Sonderbegabungen. Auch Nicolas nicht. Trotzdem hat er eine ausgeprägte Stärke: seinen Orientierungssinn. Bei einem Spaziergang mit seinem Vater begann er sich plötzlich auffällig zu verhalten. Schliesslich merkte der Vater, dass sie die richtige Abzweigung verpasst hatten. Genau an dieser Stelle begann Nicolas’ merkwürdiges Benehmen.

Schwierige Kommunikation

Kommunikation mit Autisten ist schwierig, denn sie benötigen viel Zeit, um Gestik und Mimik zu interpretieren. Nicolas ist neun Jahre alt und spricht immer noch kein Wort. Stattdessen benutzt die Familie Piktogramme – Bildchen für verschiedene Dinge und Tätigkeiten. Mithilfe der Piktogramme will die Familie Nicolas zeigen, dass Kommunikation zum Erfolg führt. Im Familienleben ist Kommunikation sehr wichtig. Das spürt vor allem Nicolas’ gesunder Bruder Lukas. Das Verhältnis zwischen den beiden ist schwierig. Ihre Interessen und Wahrnehmungen sind zu unterschiedlich. Trotzdem ist offensichtlich, dass sie sich mögen. Lukas fühlt sich verantwortlich für seinen kleinen Bruder. Als Nicolas einmal auf die Strasse rannte, war es sein grosser Bruder, der ihn im letzten Moment am Ärmel packen konnte. Ein positiver Effekt der Beziehung zwischen den beiden Brüdern ist die Vorurteilslosigkeit des Älteren: Lukas hat keine Probleme im Umgang mit Kindern mit Beeinträchtigungen, da er nichts anderes kennt. Für die Familie ist Nicolas eine Bereicherung und er ist voll in ihr integriert, auch wenn er in seiner ganz eigenen Welt lebt.

* Die Autorinnen sind Schüler der Kantonsschule Zofingen. Sie besuchen die Klasse 2A und haben im Rahmen ihres selbst organisierten Lernens (SOL) im Fach Deutsch diesen Artikel verfasst.

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