Philipp Fankhauser sagt: «Viagogo ist eine schreckliche Betrugsbude»

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Philipp Fankhauser hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt und ist Bluesmusiker geworden. Ueli Frey

Philipp Fankhauser hat das, was sich viele Musiker wünschen: Erfolg und eine Agenda voll mit Konzertauftritten. Zurzeit ist der Bluesmusiker mit seinem 15. Album «I’ll Be Around» unterwegs. Als Septett und unplugged ist Fankhauser mit seiner Band am Samstag, 12. Januar im Stadtsaal Zofingen zu hören. Mit dabei sind dann sein Hund Trevor sowie eine Thermosflasche mit ungezuckertem Schwarztee. Diesen liebt der in Thun aufgewachsene Songwriter ebenso heiss wie den vor sieben Jahren verstorbenen italienischen Musiker und Cantautore Lucio Dalla.

Philipp Fankhauser, auf dem Weg zum Interview mit Ihnen lief im Radio Lucio Dallas «L’anno che verrà», was so viel bedeutet wie «Das Jahr, das kommen wird». Weshalb ist es Ihr Lieblingslied?

Philipp Fankhauser: Als ich elf Jahre alt war, bin ich mit meiner Mutter ins Tessin gezogen. Während dieser Zeit war Lucio Dalla allgegenwärtig. Er war mein grosses Jugendidol und ich bin ein Riesenfan von ihm. Vor sieben Jahren hätte ich die Gelegenheit gehabt, ihn Backstage kennen zu lernen, leider verstarb er unerwartet einen Tag davor am 1. März 2012. Geblieben sind jedoch seine Lieder wie «L’anno che verrà». Es ist für mich einer seiner tiefgründigsten, wenn auch traurigsten Songs, der mit dieser grossen Hoffnung auf Menschlichkeit, Verständnis und Veränderung auch nach fast 40 Jahren immer noch brandaktuell ist. Er handelt davon, dass Dalla einen Brief an seinen Freund schreibt und darin sagt, dass im nächsten Jahr alles besser wird, um am Schluss zu bemerken, dass sich doch nicht viel verändert und verbessert hat. Aber es gibt ja immer wieder ein neues Jahr, auf das wir uns erneut vorbereiten können.

Ein neues Jahr hat bereits begonnen. Was für Vorsätze haben Sie gefasst?

Der mit den Vorsätzen ist ja fein und gut. Ich versuche es aber zu vermeiden, denn ich kenne viele, die sie nicht einhalten und das ist frustrierend. Ich gehöre übrigens auch dazu und deshalb versuche ich, unter dem Jahr kleinere Korrekturen vorzunehmen.

In welchen Bereichen?

Uff (überlegt) – da gibt es einige. Weniger zu rauchen, zudem versuche ich etwas lieber und ein wenig freundlicher zu sein, denn ich habe die Tendenz, leicht zynisch zu sein. Das merke ich und so versuche ich, dies zu beeinflussen und freundlicher zu sein – obwohl es mir zwar nicht immer gelingt, aber immer mehr.

Wie diszipliniert sind Sie?

Das mit der Disziplin ist nicht so gut bei mir. Ich lasse mich lieber vom Moment treiben. Es gibt ja schliesslich auch einen Grund, weshalb ich Bluesmusiker bin. Der Blues ist nicht eine Musik, die aus der Disziplin geschaffen wurde und diese auch fordert. Damit meine ich, dass ich nicht täglich stundenlang wie ein Orchestermusiker üben muss. Das würde mir auch nicht liegen, denn ich bin kein «Über» und kein «Büffler». Blues ist eine relativ einfach zu spielende Musik, wenn man es richtig macht. Doch lassen wir die Diskussion über Richtig oder Falsch. Disziplin ist jedenfalls nicht die Nummer-1-Anforderung für die Bluesmusik.

Sondern Herz und Gefühl?

Ganz sicher braucht es Herz, Gefühl und vor allem auch Spontanität und einen Instinkt. Blues ist instinktive Musik, für die es Echtheit braucht, also wirklich so zu sein, wie man ist und vor allem damit klarzukommen.

Sind Sie ein sensibler Mensch?

Ehrlich gestanden ja, auch oft mehr als mir lieb ist. Aber ich bin überzeugt, dass es dies braucht, um glaubwürdig diese Musik und das Gefühl zu vertreten. Aber das ist schon gut so – es gibt genug unsensible Menschen.

Sie stehen dazu, dass Sie homosexuell sind, haben sich für die Eintragung gleichgeschlechtlicher Partnerschaft stark gemacht und waren mit Ihrem langjährigen Partner verheiratet. Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Privatleben an die Öffentlichkeit gezogen wird?

Das war vor allem in der Zeit, als ich als Coach bei «The Voice of Switzerland» dabei war der Fall. Ansonst lassen mich die Medien in Ruhe. Nach Geschichten zu graben oder dass Paparazzi Bilder von mir machen, fällt niemandem ein. Bringt ja auch nichts, denn ich habe weder Riesenprobleme, noch ist mein Leben als Bluesmusiker so spannend.

Haben Sie sich Ihren Wunsch, mit Ihrem Hund Trevor in einem Eigenheim am See zu wohnen, erfüllt?

Eigentlich nicht, aber unterdessen habe ich eine Loft unter einem Fabrikdach in einem Industriegebiet gefunden und möchte nicht mehr weg. In einer Viertelstunde bin ich am See oder ich kann ein Wochenende lang in einem Hotel am See verbringen.

Sie übernachten viel in Hotels. Haben Sie schon was mitlaufen lassen?

Hm – was lässt man mitlaufen? Eine Seife, ein Duschgel – aber ansonsten nichts, was man nicht mitnimmt wie Morgenmäntel oder Badetücher. Das mache ich nicht.

Was Sie dagegen tun, ist Unmengen an Schwarztee zu trinken ...

Ich bin wirklich ein Tee-Junkie. Tatsächlich habe ich zum Frühstück fast einen Liter Tee getrunken. Andere lieben Kaffee, ich dagegen mag ihn nicht und trinke seit je ungesüssten Schwarztee, je nach Jahreszeit heiss oder kalt.

Seit dem Sommer 2017 sind Sie Iced-Tea-Unternehmer. Wie kam es dazu?

In den Vereinigten Staaten kann man sich an jedem Kiosk ungezuckerten, geeisten Tee ab einer Maschine brauen lassen. Hierzulande wird in der Gastronomie fast nur gesüsster Eistee ausgeschenkt, auch in den Läden gibt es keine Alternativen. Mein «Unsweetened Big Easy Iced Tea» hat ein Team von Tee-Experten nach meinem Geschmack gemischt. Wichtig ist mir, dass die Teeblätter aus biologischem Anbau sind und das Fairtrade-Label tragen. Im Tee sind weder Süss-, Farb- oder sonstige Stoffe enthalten.

Nach vier Jahren Tüftelei haben Sie Ihren «Big Easy Iced Tea» auf den Markt gebracht, indem Sie spezielle Tea-Maker-Maschinen in der Gastronomie positionieren. Sind Sie zufrieden mit der Nachfrage?

Im Moment passt halt die Saison nicht für Iced Tea und demnach denkt und verlangt niemand nach kaltem Tee. Aus diesem Grund bin ich im Moment dran, die Tea-Maker-Maschine weiterzuentwickeln, damit sie auch heissen Tee machen kann. Anstelle des ewigen Glühweins will ich einen Glühtee mit Schuss auf den Markt bringen.

Verdienen Sie als Musiker zu wenig, dass Sie in den Getränkehandel eingestiegen sind?

Es ist schon so, dass durch die digitale Entwicklung uns Musikern ein grosser Teil der Einnahmen weggebrochen ist. Teilweise bewusst und unbewusst, wollen die Konsumenten nicht mehr für die aufgenommene Musik bezahlen. Das hinterlässt finanzielle Lücken, die gestopft werden wollen, um ein neues Album aufnehmen zu können. Übrigens war ich einer der ersten Schweizer Musiker, dessen Sound man auf iTunes kaufen konnte. Eine gewisse Zeit hat dies ganz gut geklappt. Mittlerweile sind die Streamingdienste an einem Punkt angelangt, an dem es für uns Musiker ganz einfach unfair ist, weil kein Geld hängen bleibt. Was den Tee anbetrifft, denke ich, dass es ein gutes, analoges Produkt ist. Man kann es nicht streamen und nicht downloaden, sondern muss für eine Tasse Tee zahlen.

Internet und soziale Medien, sind sie ein Segen oder Fluch für Sie?

Das ist schwierig zu sagen, denn dank dieser Entwicklung wird so viel Musik konsumiert wie noch nie. Das bedeutet, dass wir mehr gespielt, gehört und gesehen werden. Dadurch besuchen auch immer mehr Leute die Konzerte. Natürlich ist der Verkauf der CDs und LPs eingebrochen, deshalb mussten wir auch die Preise der Konzerte etwas raufsetzen. Solange aber Livekonzerte besucht werden, sie den Menschen Freude bereiten und ich Lust habe aufzutreten, geht es einigermassen auf.

Horrend teuer sind Tickets, die über Viagogo gekauft werden. Diese Onlineplattform ist Ihnen ein Dorn im Auge.

Ein Riesendorn sogar! Ich erhalte so viele Rückmeldungen und E-Mails von Konzertbesuchern, die der Onlineplattform Viagogo auf den Leim gekrochen sind. Sie beklagen sich dann bei uns, wie überteuert die Tickets waren und sie erst noch die schlechtesten Plätze gehabt hätten. Mich ärgert das wahnsinnig, denn wir können nichts dafür und erhalten keinen Rappen von diesen Einnahmen. Dass diese Profiteure Tickets für das Drei-, Vier- oder Fünffache verkaufen und sich an der Gutgläubigkeit anderer bereichern, ist eine ganz, ganz üble Entwicklung. Viagogo ist eine schreckliche Betrugsbude, der man, warum auch immer, nicht den Riegel schieben kann. Aber ich glaube an schlechtes Karma und daran, dass die Betreiber irgendwann ihre Abrechnung erhalten. Bis dahin warne ich überall und an jedem Konzert vor Viagogo und rate, über den offiziellen Vorverkauf seine Tickets zu besorgen.

Ihr 15. Album «I’ll Be Around», mit dem Sie auf Tour sind, haben Sie in einem Studio in den Staaten eingespielt. Das ist zeitaufwendig und teuer. Wie sehr schmerzt Ihr Musikerherz, dass die wenigsten den vollen Hörgenuss erleben, weil sie es als MP3 anhören?

Schon ziemlich, denn sehr viel von der Qualität geht verloren. Ich kann aber noch lange damit hadern, dass die Musik über Telefonhörer oder mit was auch immer konsumiert wird, ändern tut sich nichts. Wir machen einfach weiter und produzieren so gut wie möglich hochqualitative Alben. Wir haben unsere Fans, die Freude an einem schön gestalteten Booklet haben und daran, eine LP in der Hand zu halten, die sie signieren lassen. Schallplatten klingen einfach wunderschön. Wenn ich Musik höre, dann mit Vorliebe LPs, aber selbstverständlich schiebe ich auch eine CD rein. Es gibt aber auch ganz viele Zeiten am Tag, wo ich gerne einfach die Ruhe geniesse. Was mir zunehmend auffällt, ist die Zunahme der konstanten Musikberieselung. Dem gehe ich bewusst aus dem Weg.

Hören Sie Ihre Musik?

(Lacht) Nein, nur wenn ich einen Songtext wieder lernen muss. Ich höre meine Musik genügend, während wir sie aufnehmen und mischen. Danach höre ich sie nochmals im Auto und dann erst wieder, wenn wir sie wieder spielen.

Ihre Songs können Sie demnach nicht alle auswendig?

Interessant ist, dass ich die Liedtexte aus den Teeniejahren alle kann. Die beinahe 150 Songs, die ich selber geschrieben habe, aber nicht. Teilweise singe ich sie ein halbes bis ein Jahr lang und dann 20 Jahre nicht mehr. Dieses Jahr wollen wir auf unserer 33-Jahr-Tour Lieder bringen, die wir schon lange nicht mehr gespielt haben. Nach Zofingen kommen wir aber mit dem neusten Album «I’ll Be Around» und unplugged. Auf dieses Setting und die weniger verstärkte Musik freue ich mich sehr.

Was sagen Sie zum Einwand, dass ein weisser Musiker den Blues unmöglich authentisch spielen kann?

Wenn man es auf traditionellen Blues reduziert, sage ich eigentlich auch, dass Weisse den Blues nicht singen können. Es ist eine afroamerikanische Kunstform. Als Weisser kann man gar nicht nachvollziehen, was diese Menschen erdulden und erleiden mussten. Doch ich singe weder über die Südstaatenproblematik, noch den Rassenhass oder die soziale Ungerechtigkeit in den USA. Ich singe über mein Leben. Es sind meine ganz eigenen Geschichten. Ich leihe mir den Blues nur aus, er gehört nicht mir und ich versuche, ihn so gut wie möglich zu interpretieren.

Treten Sie deshalb vorwiegend in der Schweiz auf?

Ehrlich gesagt, gibt es in New York alleine schon 300 Sänger meines Formats, in der Schweiz dagegen einen oder zwei. Wenn wir im Ausland spielen, legen wir drauf. Das geht nicht, denn ich habe eine Verantwortung meinen Musikern gegenüber.

Seit zehn Jahren können Sie von der Musik leben. Was ist Ihr Tipp?

«Dranne bliibe» und sich selber kritisch einschätzen und ja nicht auf das Urteil von Verwandten verlassen. Man muss zu sich ehrlich sein und wissen, was man will. Für mich war klar, ich bin single, solo und ich will ein Leben als Bluesmusiker. Berühmt werden ist nicht das Ziel, kann es nicht sein. Musiker wird man nicht, um erfolgreicher zu werden, sondern weil man unbedingt muss und will. Wenn man Erfolg hat, ist es schön, wenn er ausbleibt, ist die Musik aber nicht unbedingt schlecht.

 

Philipp Fankhauser und Band sind mit «I’ll Be Around Tour – Unplugged», am Samstag, 12. Januar, 20 Uhr, im Stadtsaal Zofingen. Vorverkauf: www.starticket.ch; oder im Sekretariat von Musik & Theater, E-Mail: info@kulturzofingen.ch sowie Stadtbüro Zofingen, Tel. 062 745 71 72.

 

Zur Person

Philipp Fankhauser, geboren am 20. Februar 1964, wuchs in Thun und im Tessin auf. Er hat zwei ältere Brüder und liebt seit seiner Kindheit den Blues. Von seiner Mutter erhielt er als Elfjähriger eine Gitarre geschenkt und gründete zwei Jahre später, 1977, in Locarno seine erste Band. Er war so vom Blues fasziniert, dass keine anderen Hobbys mehr Platz hatten und für ihn klar war, dass er Bluesmusiker werden will. Mit 18 kehrte er nach Thun zurück und machte eine kaufmännische Lehre. In den 1980er-Jahren besuchte er verschiedene Jazz- und Blues-Musikfestivals, insbesondere das Montreux Jazz Festival, an dem er mit diversen Musikgrössen in Kontakt kam. 1984 begann Fankhauser mit Soloauftritten und war als Schweizer Korrespondent einer Berliner Blues-Zeitschrift tätig. 1987 gründete er die Checkerboard Blues Band, mit der er in der ganzen Schweiz auftrat. Von da an folgten Bühnenauftritte und Aufnahmen von Alben.

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