Fake News, historisch

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Chefredaktor Philippe Pfister.

Der Fall beschäftigt nicht nur Journalisten: Claas Relotius, Star-Reporter beim deutschen Nachrichtenmagazin der «Spiegel», wird als Betrüger entlarvt. Seine Stücke waren grossartige Würfe, reine Lesevergnügen – nur eben: über weite Strecken erfunden.

In seiner Reportage über eine US-Kleinstadt etwa beschreibt Relotius ein Schild, «aus dickem Holz in den gefrorenen Boden getrieben». «‹Mexicans Keep Out› – Mexikaner, bleibt weg», stehe darauf. So ein Schild gab es nie; es sollte das angeblich rassistische Klima atmosphärisch verdichten. Dokumentiert der Fall Relotius, was manche gebetsmühlenhaft wiederholen: Dass weite Teile der Medienbranche von Fake News nur so durchseucht sind?

Relotius war nicht nur ein begnadeter Schreiber, sondern ein ebenso begabter Schauspieler, der Kollegen und Vorgesetzten raffiniert an der Nase herumführte. Gedeihen konnte sein Talent zum Lügen und Betrügen aber nur in einem Umfeld, in dem der Druck zur absolut aussergewöhnlichen Story immens ist. Der Spiegel ist wie unzählige Printtitel unter Druck – und damit vielleicht auch die «Spiegel»-Maxime, «zu schreiben, was ist». Relotius war so etwas wie ein Textmagier, dessen Künste dem «Spiegel» neuem Glanz verleihen sollten.

Die Behauptung, die causa Relotius dokumentiere eine systemische toxische Ansteckung des ganzen Systems, ist aber übertrieben. Man darf den historischen Perspektive in dieser Debatte nicht aus den Augen verlieren: Medien produzieren Fake News, solange es Medien gibt. Medien sind mal auf dem linken, mal auf dem rechten Auge blind. Lange Zeit, sehr lange Zeit waren dies Phänomene, die nicht auf die Traktandenliste kamen – weil Medien kaum darüber berichteten. Medienkritik fand jahrzehntelang in den Grenzen des traditionellen Mediensystems statt. Man fasste sich gegenseitig mit Handschuhen an, auch in der Schweiz. Erst das Internet hat einen Reflexionsraum eröffnet, in dem Dinge wie Fake News plötzlich als neue Phänomene erscheinen – vor allem soziale Medien erhellen hässliche Aspekte, die zuvor im Dunklen blieben. Und das Fazit? Von den traditionellen Medien unabhängige Medienkritik ist gut und bitter nötig. So schlecht, wie das ganze System oft geredet wird, ist es indes auch wieder nicht.

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