Gib dem Trash Spin – und es werde Comedy

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Comedian Stefan Büsser sorgte beim Publikum im Stadtsaal für viele Lacher. mif

«Nichts ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.» Sagte einst René Descartes. Es gibt klügere Menschen als man selbst. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind es erdrückend viele. Und wer weiss: Vielleicht sind die weniger intelligenten Menschen eher in der Minderheit als in der Mehrheit. Stefan Büsser, hauptberuflich Radiomoderator bei SRF, konzentriert sich auf eben diese. Die Trash-Sendung «Der Bachelor» auf 3+ ist sein Hauptforschungsgebiet. Mit «getunten» Körpern und Biografien ausgestattete junge Frauen streiten um die Rosen und die Liebe eines jungen Mannes, der sehr viel mehr zu sein vorgibt, als er ist. Mit seinen böse kommentierten «Best-of»-Videoclips hat Büsser über mehrere Staffeln für Furore gesorgt. Sein Fazit: «Ich sage immer, wer etwas im Kopf hat, macht den Bachelor an der Uni. Wer nichts im Kopf hat, macht ihn bei 3+.» Masterarbeit nennt Stefan Büsser sein Programm, das zeigt, was es bedeutet, wenn einer sich zum Experten in Sachen 3+-Bachelor aufschwingt. Schonungslos entlarvt er vor seinem mehrheitlich jüngeren Publikum die Scheinwelt dieser Sendung, die dem Publikum vorübergehend das Gefühl gibt, klüger zu sein, während es einen in Wahrheit durch alternative Beschäftigungen davon abhält, klüger zu werden. Die Firmenadresse des jüngsten Bachelors, der sich rühmt, mit 30 Mitarbeitenden einen Umsatz von 1 Million Franken – man rechne - zu machen? Ein Feldweg in Würenlos. Die Vujo-Gavric-Karikatur Büssers ist zum Schiessen. «Wie haben Sie es mit der Rechtschreibung?», meint die Berufsberaterin zu ihm. «Weiss nicht, ich bin Linkshänder.»

Vorgefundenes und Eigenes

Aber auch der schmalbrüstige Antisportler Büssi hatte es in der Primarschule zu Steinmaur ZH nicht einfach. «Dieser Pythagoras zum Beispiel: a2 + b2 = c2. Das ist ja gar kein Satz, sondern eine Rechnung. Von einem Griechen gemacht, der die vielleicht noch nicht einmal bezahlt hat.» Nicht schlecht. Er beschränkt sich nicht allein darauf, Lacher abzuholen, indem er Gedankenlosigkeiten und Dummheiten anderer mit zusätzlichem Spin versieht. So dekliniert er die Schweizer Seenlandschaft auf Naiv-Englisch durch: Four Forest City Lake, Train Lake, Election Lake (Walensee), Floor Lake oder, der Brüller für Trump-Anhänger aus den USA auf Touri-Besuch: «Grab Them By The Pussy Lake (Greifensee).

Gast Ivanic mit feinerer Klinge

Insgesamt aber besteht das Programm doch mehrheitlich aus Vorgefundenem aus dem wirklichen Leben, meist aber aus Fernsehen und Insta-gram. Bemerkenswert Rassistisches entdeckt der Comedian in Kantonswappen der Schweiz mit sehr fragwürdigen Darstellungen von Menschen schwarzer Ethnie. Das meint er durchaus nicht nur lustig, sondern auch kritisch. Moderator Reto Scherrer aus dem Samschtig-Jass kann er selber so typisch überdreht rüberbringen, dass sich das Publikum vor Lachen nicht mehr halten kann. «Kokain braucht Scherrer nicht um in Fahrt, sondern um wieder runterzukommen.» Immerhin habe ihm dieser Spruch eine Blick-Schlagzeile beschert.Für den hintersinnigen Humor sorgt an diesem Abend Sven Ivanic, ein Zürcher Jurist mit Migrationshintergrund. Es gelingt ihm seine eigene Geschichte so zu erzählen, dass er damit gleichzeitig der ganzen Gesellschaft den Spiegel vorhält. In diesen wenigen Minuten steckt mehr Relevanz drin als im ganzen übrigen Programm.

Zu guter Letzt liest Büsser einige Fragen aus dem Publikum vor. Selbst erfunden ist wohl: «Mutig ist, wer furzt, obwohl er Durchfall hat.» Ist das am Ende die Quintessenz des Abends? Fairerweise nein. Zwar dämmert einem rasch, dass man sich hier mit einem Verlierer über noch grössere Verlierer belustigt. Stefan Büsser macht auch keinen Hehl, ist grundehrlich. Illustrativ: «Ich gebe es zu. Ich gehe nicht ins Fitness, damit meine Beine dünn bleiben und mein Penis grösser aussieht.» Okay … «Wie lange glaubst du, brauche ich, um eine Best-of-Sendung zum Bachelor zusammenzuschneiden?», fragt er eine junge Frau. Sie: «1000 Stunden?» 10 Stunden Gratisarbeit lautet die richtige Antwort. Tüchtig.

Dem Autor dieses Artikels wird es definitiv ungemütlich. Er nimmt sich fest vor, das Gehörte tags darauf kräftig zu kompensieren. Zum Beispiel, indem er Descartes’ Meditationen wieder mal hervornimmt.

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