Heftige Gegenwehr: Warum Aargauer Männer vor 60 Jahren keine Frauen in der Politik wollten

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Demonstrantinnen beim Entzünden der Fackeln vor Beginn der Demonstration. Ähnliche Veranstaltungen gab es im Aargau nicht. (Keystone)
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Im Jahr 1959 schossen die Russen die erste Raumsonde «Lunik I» in Richtung Mond. Die Aargauer Kantonspolizei beschaffte sich ihr erstes Radar-Messgerät. Und die Aargauer Männer schickten die Vorlage zur Einführung des Frauenstimmrechts so wuchtig bachab, wie es nur wenige andere Kantone taten.

Nur 22 Prozent der Aargauer wollten den Frauen damals das Stimmrecht geben. Alle elf Bezirke und sämtliche 230 Gemeinden sagten überaus deutlich Nein. In einzelnen Gemeinden wie etwa in Baldingen gab es keine einzige Ja-Stimme; in Rottenschwil war es ein Mann, der für das Frauenstimmrecht war, in Hilfikon waren es immerhin schon zwei.

Der Abstimmung vom 1. Februar war eine intensive Diskussion vorausgegangen. Auch das damalige, freisinnig ausgerichtete «Aargauer Tagblatt» hatte eine klare Position. Bereits in der ersten Ausgabe des neuen Jahres 1959 erklärte das «Tagblatt» den Aargauern, was Sache war: «Wir neigen dazu, den Ansichten der Gegner beizupflichten. (…) Wir haben in anderen Staaten beobachten können, wie sich das Frauenstimmrecht nachteilig ausgewirkt hat. (…) Alles in allem ladet sich die Frauenwelt eine Bürde auf, deren Last sie unterschätzt, übernimmt eine Verantwortung, die zu tragen ihr nicht leicht fallen dürfte.»

Auch viele Frauen wollten nicht

In allen grösseren Gemeinden fanden kontradiktorische Veranstaltungen statt, die meist sehr gut besucht waren und lange dauerten. So strömten über 400 Personen zu den Freisinnigen nach Wohlen ins Casino. Debattiert wurde bis gegen Mitternacht.

Auch einzelne Frauen meldeten sich zu Wort. Sie sprachen sich aber meist gegen das Stimmrecht aus. «Nur die Intellektuellen sind dafür. Aber Intelligenz ist nicht immer Weisheit», sagte etwa eine Frau Seiler und erntete für diese Worte grossen Applaus. Der Rheinfelder Stadtammann Bruno Beetschen argumentierte, das Nein bedeute auch Hochachtung vor dem Fraulichen, das es in seiner Eigenart zu erhalten gelte.

 

Aber es wurden auch praktische Gründe ins Feld geführt. So überzeugte ein Redner an einer Veranstaltung in der «Kettenbrücke» in Aarau mit einem lokalen Ansatz: Die Einführung des Frauenstimmrechts werde die Demokratie im Dorf sabotieren. Denn wenn nun plötzlich auch noch die Frauen an die Gemeindeversammlung kämen, wären die Turnhallen und Gemeindesäle viel zu klein – und es könnten gar nicht mehr alle ihre demokratischen Rechte wahrnehmen.

Mit grosser Mehrheit beschlossen die Aargauer Freisinnigen denn auch die Nein-Parole. Damit wichen sie von der nationalen Partei ab, die Stimmfreigabe beschlossen hatte. Nur die Sozialdemokraten und der Landesring setzten sich für das Frauenstimmrecht ein; neben den Freisinnigen fanden auch die Katholisch-Konservativen und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), das Frauenstimmrecht sei keine gute Idee.

 

Die Landfrauen waren der Ansicht, die Ausübung von politischen Tätigkeiten würde die Aargauer Frauen nur verwirren und von ihrer ursprünglichen Bestimmung ablenken. Gegen das Frauenstimmrecht engagierte sich auch die Aargauer Sektion des national organisierten «Bunds der Gegnerinnen». Als einzige Frauenorganisation kämpfte die Aargauische Frauenzentrale für ein Ja.

Präsidentin Anny Gerster-Simonett wandte sich in einem flammenden Aufruf an die Aargauer Männer: «Die Schweizer Frau ist weder Treibhauspflanze noch Phantast. (…) Ist anzunehmen, dass der Gang an die Wahlurne und der Entscheid über bestimmte Sachfragen ihr innerstes, frauliches Wesen verändert? (…) Stimmbürger, habt Vertrauen in die ehrliche Bereitschaft der Frauen, zusammen mit euch die gemeinsame Heimat zu gestalten!»

Kein «wohltuender Einfluss»
Leidenschaftlicher Gegner des Frauenstimmrechts war der damalige Staatsschreiber Werner Baumann. Im Vorfeld der Abstimmung trat er praktisch Abend für Abend an Versammlungen im ganzen Kanton auf und erklärte mit markigen Worten, warum das Frauenstimmrecht der Schweiz, dem Kanton und den Gemeinden schade.

Das Frauenstimmrecht, so Baumann, führe zu einer Aufblähung des Verwaltungsapparates, zum Rückgang der Stimmbeteiligung, zu einem Auftrieb der frauenrechtlichen Forderungen, zur Benachteiligung der Landbevölkerung und schliesslich auch zur Überfremdung durch eingeheiratete Ausländerinnen.

Im Januar 1959 publizierte das Aargauer Tagblatt praktisch täglich Leserbriefe zur bevorstehenden Abstimmung. Die allermeisten handelten davon, warum Frauen der Schweizer Politik gar nicht guttäten. Die Briefe waren meist nur mit Initialen gezeichnet, manchmal aber auch ganz anonym.

Dabei war es nicht ungewöhnlich, dass die Redaktion zu den Inhalten der Leserbriefe gleich selber Stellung bezog und erklärte, was von den einzelnen Argumenten zu halten sei. So schrieb nach dem Parteitag der Freisinnigen in Wohlen eine Frau «D.J.»: «Es schmerzt uns, dass eine besonders in Frauenkreisen sehr angesehene Partei uns Frauen das Vertrauen, d. h. das politische Mitspracherecht nicht schenken will.»

 

Auch hier griff die Redaktion ein und erklärte die Welt aus freisinniger Sicht: «Von einer Missachtung der Frauen durch die Freisinnigen darf und kann nicht geredet werden. (…) Setzen wir die Frauen dort ein, wo sie dank ihren besonderen Anlagen ihr Bestes geben können. Das ist zweifellos nicht die eidgenössische Politik. (…) Die Ablehnung des Frauenstimmrechts durch die aargauischen Freisinnigen ist also als rein realistischer politischer Akt zu werten.»

Diskutiert wurde im Aargau auch, ob das Frauenstimmrecht in Deutschland wesentlich zur Entstehung des Dritten Reichs beigetragen habe. Denn hätten die deutschen, emotional anfälligen Frauen nicht Hitler gewählt, wäre dieser wohl niemals an die Macht gekommen.

Wieder sah sich das «Aargauer Tagblatt» genötigt, einzugreifen: «Wir haben nicht behauptet, die Frauen hätten Hitler gewählt», hiess es in einer Antwort auf einen Leserbrief. Aber die ganze Weimarer Epoche sei «für uns» eine schlagende Widerlegung der These, dass die Frau auf die Politik einen «wohltuenden Einfluss» ausübe.

78 Prozent Nein-Stimmen
Dass das Frauenstimmrecht im Aargau 1959 keine Chance haben würde, war klar. Überraschend aber war die Deutlichkeit, mit der die Vorlage abgeschmettert wurde. 18 000 Aargauer Männer waren dafür, 61 000 dagegen, was einer Nein-Quote von 78 Prozent entspricht. Damit gehörte der Aargau schweizweit zu den Spitzenkantonen, was die Höhe der Ablehnung betrifft.

Das aargauische Aktionskomitee gegen das Frauenstimmrecht (Präsident Nationalrat Max Rohr, Baden), die Freisinnigen und das Aargauer Tagblatt hatten alles richtig gemacht.
Im Aargau war man erleichtert und gleichzeitig überzeugt, das leidige Thema sei nun für die nächsten Jahre definitiv vom Tisch.

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