Präsident Urs Schwaller: «Die Post hat trotz aller Wirren stets funktioniert»

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«Die Post ist nicht einfach ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist wie jedes andere»: Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller am Hauptsitz der Post in Bern. © Sandra Ardizzone

Urs Schwaller, Verwaltungsratpräsident der Post, empfängt die Gäste gut gelaunt in seinem Büro. Eine Stunde hat er eingeräumt für das Interview, doch er schaut nicht auf die Uhr. Nach dem Gespräch lädt er die Besucher noch zu einem Kaffee in der Post-Cafeteria ein.

Herr Schwaller, kaum waren Sie als Post-Präsident eingearbeitet, brach die grösste Krise der jüngeren Unternehmensgeschichte los: die Postauto-Affäre. Wie oft haben Sie sich verflucht, weil Sie nach Ihrer Zeit als Ständerat nicht einfach ein Leben als AHV-Rentner gefristet haben?

Urs Schwaller: Eigentlich nie. Ich bin seit gut 30 Jahren gewohnt, auf unerwartete und schwierige Situationen zu reagieren.

Aber diese Krise hat doch alles übertroffen, was Sie davor erlebt haben.

Natürlich erzeugte dieser Fall einen gewaltigen Druck. Nach den Abgängen in der Konzernleitung verlagerten sich viele Entscheide in den Verwaltungsrat. Es war sehr intensiv, auch kommunikativ, ich war während eines ganzen Jahres praktisch sieben Tage die Woche in irgendeiner Form engagiert. Letztes Jahr erschienen rund 19 000 Beiträge zum Thema Post in den Medien.

Ist der Rücktritt von Konzernchefin Susanne Ruoff auf den medialen Druck zurückzuführen?

Nein. Es war eine Frage des Vertrauens zwischen Verwaltungsrat und Konzernleiterin, und dieses Vertrauen war nicht mehr zu 100 Prozent vorhanden.

Wann realisierten Sie, dass es nicht ohne Köpferollen gehen würde?

Sehr schnell wurde klar, dass so etwas nie mehr geschehen darf. Im Vordergrund stand von Anfang an der Anspruch, die Sache sauber aufzuarbeiten und die Lehren zu ziehen. Wir taten dies rasch und transparent: Wir publizierten die Untersuchungsberichte im Internet. Auch die personellen Konsequenzen wurden schnell gezogen. Alle Schlüsselstellen sind wieder besetzt. Der neue CEO wird im April beginnen.

Haben Sie je gedacht: Vielleicht muss auch ich zurücktreten?

Nein.

Was machte Sie so sicher?

Wir untersuchen die Periode von 2007 bis 2015. Ich trat mein Amt 2016 an. Seither haben wir ein anderes System und es gab keine solchen falschen Buchungen mehr.

Finanziell ist die Affäre bereinigt: Postauto hat den Kantonen 200 Millionen Franken zurückbezahlt. Wie ist es rechtlich: Wird der Verwaltungsrat fehlbare Ex-Konzernleitungsmitglieder verklagen?

Die strafrechtlichen Abklärungen laufen noch. Was allfällige Verantwortlichkeitsklagen betrifft, ist noch alles offen.

Eigentlich können Sie gar nicht anders, als gegen die früheren Verantwortlichen vorzugehen. Alles andere würde niemand verstehen.

Der Verwaltungsrat wird darüber bis Ende April befinden. Die juristische Abwägung und den Entscheid können sich nicht nach dem öffentlichen Druck richten. Die notwendigen Abklärungen laufen, auch in Zusammenarbeit mit externen Spezialisten und Versicherungsgesellschaften. Einzubeziehen ist auch das Resultat der strafrechtlichen Untersuchung.

Wie schwer wiegt der Imageschaden ein Jahr nach den ersten Postauto-Schlagzeilen?

Sicher hat das Vertrauen in die Post Schaden genommen – in der Öffentlichkeit, aber auch im Parlament. Mit der konsequenten Aufarbeitung hoffen wir, das Vertrauen zurückzugewinnen. Und eines ist klar: Im Alltag hat die Post trotz all der Wirren immer hervorragend funktioniert. Auch Postauto selbst.

Ihre wichtigste Lehre des letzten Jahres?

In solchen Fällen darf man Probleme nicht verwedeln oder verharmlosen, sondern man muss sie schnell angehen und lösen. Und man muss klar und offen kommunizieren.

Die Post war lange Zeit stolz auf ihre Ausland-Expansion mit Postauto. Wie geht es mit Postauto France weiter?

Wir prüfen mehrere Optionen. Die Prüfung zum geordneten Ausstieg aus dem Frankreichgeschäft schreitet voran.

Der Fall ist klar: Sie werden Postauto France verkaufen.

Erste Gespräche mit potenziellen Kaufinteressenten sind im Gange. In den ersten sechs Monaten dieses Jahr werden wir den Entscheid kommunizieren. Bis dahin ist alles Spekulation. Aber mir ist klar, dass in den Medien die Post, wenn sonst nicht viel läuft, immer ein beliebtes Thema ist. Manchmal wird sie auch schlechtgeredet.

Beim Postauto-Skandal war doch logisch, dass das Interesse riesig war.

Eindeutig. Ich meine nicht diesen ausserordentlichen Fall.

Sondern die Schlagzeile im «Blick» um die Vietnam-Reise von 100 Post-Kadern?

Ich lasse mir alle Fakten zur Reise zusammentragen. Grundsätzlich ist nichts daran zu bemängeln, dass die internationale Post-Tochter Swiss Post Solutions (SPS) mit Sitzen in Europa, Amerika und Asien ihre Kader für einmal an ihrem wichtigen Sitz in Vietnam zur Konferenz zusammenzieht. Für mich geht es aber nicht nur um Reglemente, sondern auch um die Frage der Sensibilität. Ich erwarte, dass sich alle Kader bewusst sind, dass die Post nicht einfach ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist wie jedes andere.

Unsensibel ist es auf jeden Fall, es erinnert an die Spesen-Exzesse in der Armee.

Von Exzessen würde ich nicht reden.

Ist es grundsätzlich sinnvoll, dass ein Bundesbetrieb solche Kader-Meetings im Ausland durchführt, mit teuren Flügen und Hotels?

Noch einmal, grundsätzlich ist nichts daran zu bemängeln, dass unsere internationale SPS einmal ihre Kader an ihrem wichtigen Sitz in Vietnam zur Konferenz zusammenzieht.

Aber passt das in eine Unternehmenskultur, die von der Post selbst als gut schweizerisch und bescheiden definiert wird?

Hier kommen wir zum Kern. Was ist die raison d’être der Post? Was sind wir? Wir sind schweizerisch, absolut. Aber wir müssen den digitalen Wandel meistern, die schrumpfenden Erträge in der Briefpost auffangen – und da gibt es auch neue Geschäftsfelder und internationale Geschäfte. Eine Post nur zwischen Basel und Chiasso funktioniert nicht!

Das klingt fast wie bei einem Ihrer Vorgänger, Claude Béglé, der einst sagte: «Die Post muss werden wie Nestlé».

(Winkt ab) Nein, nein. Auf keinen Fall. Aber die Post hatte aufgrund ihrer ursprünglichsten Aufgabe schon immer mit allen Kontinenten zu tun. Wir müssen uns weiterentwickeln, denn sonst können wir die Grundversorgung eines Tages nicht mehr selber finanzieren, sondern brauchen Subventionen.

Ist das Ihr Ziel? Steuergelder für die flächendeckende Versorgung zu bekommen?

Eben gerade nicht! Ich bin überzeugt, dass die Post auch in der künftigen Strategie den Auftrag erhalten wird, die Grundversorgung aus eigener Kraft zu stemmen.

Braucht es bei der Post eine klarere Trennung zwischen Grundversorgung und Markt?

Aufgepasst. Der Paketmarkt zum Beispiel ist im freien Markt. Wir haben das Monopol bei den Briefen nur noch bei 50 Gramm. Der Verlust bei der Grundversorgung betrug letztes Jahr 325 Millionen Franken. Er wird von der Post selbst getragen. Ich habe den Anspruch an das Unternehmen Post, dass es diese Grundversorgung auch in Zukunft selber erwirtschaftet. Das heisst aber: Wir benötigen eine starke Post mit einem gewissen Freiraum, um uns anzupassen.

Fordern Sie mehr unternehmerische Freiheit im Postgesetz, dessen Revision ansteht?

Für mich ist es wichtig, dass wir uns in der Schweiz fragen: Welche Grundversorgung wollen wir? Wie verästelt muss sie sein? Soll die Zustellung an fünf oder sechs Tagen funktionieren? Es gibt Länder, die heute Hunderte Millionen einschiessen müssen, damit die Post noch funktioniert. Von solchen Zuständen sind wir meilenweit entfernt.

Angesichts sinkender Brief-Mengen haben Sie nur zwei Möglichkeiten: Sie müssen entweder die Preise erhöhen. Oder massiv Kosten sparen und Personal abbauen.

Bislang hat es die Post geschafft, das Qualitäts- und Ertragsniveau zu halten: mit Neuorganisationen und neuen Angebotsformen. Wir haben in den letzten Jahren nicht von ungefähr 60 Millionen in unsere Paketzentren investiert. Zudem bauen wir drei neue regionale Paketzentren für 150 Millionen. Wir haben es geschafft, im Paket-Bereich am Markt zu bleiben. Die Post hat 60'000 Angestellte. Wir haben ihnen gegenüber eine Verantwortung. Wir beginnen jetzt mit den Verhandlungen des neuen Gesamtarbeitsvertrages, der ab 2021 in Kraft treten soll. Und es ist mir wichtig, dass wir weiterhin gute Arbeitsbedingungen haben.

Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen sind nicht möglich, das ist Teil des GAV. Bleibt das so?

Wir haben heute in unserem GAV kein Entlassungsverbot aus wirtschaftlichen Gründen. Allerdings sind Mitarbeitende ab 55 Jahren mit 20 Dienstjahren nicht kündbar.

Sie wollen einfacher Personal abbauen können?

Natürliche Fluktuationen hat es immer gegeben. Im Bereich des Poststellennetzes haben wir aber so Entlassungen grösstenteils vermeiden können.

Ist das Versprechen, keine Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen durchzuführen, noch haltbar in einer Zeit des Wandels?

Das wird unter den Sozialpartnern zu verhandeln sein.

Im Klartext: Sie möchten eine Aufweichung des Kündigungsschutzes!

Ich will eine gute Lösung. Und wir haben in den letzten Jahren immer Lösungen gefunden. Wir schossen auch zusätzliche Mittel ein, um den Übergang für Leute zwischen 62 und 65 zu erleichtern, für die es keine Stellen mehr hat. Wer Jahrzehnte bei der Post gearbeitet hat, soll nicht auf Ergänzungsleistungen angewiesen sein. Um Stellen zu erhalten, brauchen wir aber Marktanteile. Das haben inzwischen auch die Gewerkschaften realisiert.

Während die Briefmengen zurückgehen, boomt das Paket-Geschäft, dank Alibaba, Zalando & Co. Können Sie hier die Verluste des Briefgeschäfts nicht ausgleichen?

Nein, denn die Margen im Paketbereich sind niedrig.

Aber Sie legen nicht drauf bei Kleinbestellungen von Alibaba aus China?

Nein. Zudem werden die Abgeltungen aus den internationalen Verpflichtungen, die wir haben, in den nächsten Jahren angehoben.

Weil es im Stammgeschäft schwierig ist, dehnt sich die Post in neue Geschäftsfelder aus, etwa im Datenmanagement des Gesundheitswesens. Ist das wirklich Sache der Post?

Ja. Wir sind beim elektronischen Patientendossier dabei. Hier braucht es eine gesamtschweizerische Lösung. Der Gesundheitsbereich gehört für mich im weitesten Sinne zur Grundversorgung. Als Logistikerin sind wir für die Spitäler seit Jahren eine gewichtige Dienstleisterin. Das Gleiche gilt für den Transport der vielen Gesundheitsdokumente.

Auch beim E-Voting investieren Sie viel Geld. Man hat den Eindruck, statt wie früher mit Hundefutter und Computern in den Postfilialen wird die Post nun zum digitalen Gemischtwarenladen …

Mit der Initiative für das E-Voting-Moratorium wird es demnächst einen politischen Entscheid zu E-Voting geben. Wir stehen jedenfalls bereit. Heute transportieren wir gegen 20 Millionen Abstimmungscouverts. Gibt es neue Formen von Abstimmungen, scheint mir klar, dass die Post an Bord sein muss. Wir haben E-Voting in 13 oder 14 Kantonen und 200 Abstimmungen bei einem Teil der Wählerschaft durchexerziert ohne jedes Problem. Wir warten jetzt gespannt auf die Intrusionstests mit den Hackern. Klar ist aber: Das System muss sicher sein.

Bis jetzt war im Bundesrat Ihre Parteikollegin Doris Leuthard für die Post zuständig. SP-Bundesrätin Sommaruga wird als Konsumentenschützerin wohl genauer hinsehen.

Da wissen Sie mehr als ich. Sie wird das Postgesetz bestimmt mitgestalten. Mit der Revision von Postgesetz und Verordnung war die Gelegenheit nie günstiger, um zu fragen, was man mit der Post will.

Es geht sehr stark um das Grundverständnis der Post. Wie soll das sein?

Flächendeckende Grundversorgung von hoher Qualität und schweizweit gleichen Preisen. Die Post soll zugänglich sein für jedermann. Wir wollen die Grundversorgung selber decken können und dazu die Möglichkeit erhalten, in anderen Geschäftsbereichen unsere Marktanteile halten zu können.

Dass der Bund einen Teil der Post-Aktien an Private abgibt, ähnlich wie bei der Swisscom, ist für Sie ausgeschlossen?

Diese Frage habe nicht ich, sondern der Eigner und der Gesetzgeber zu beantworten. Zu prüfen sind aber wie immer alle Optionen.

Im April startet Ihr neuer CEO, Roberto Cirillo. Er hat den Ruf, ein Privatisierer zu sein. Können Sie Besorgte beruhigen, dass die Post zu 100 Prozent in Bundesbesitz bleibt?

Das kann ich. Man hat den CEO kritisiert, obwohl ihn fast niemand kennt. Ich bin überzeugt, dass Roberto Cirillo die richtige Wahl ist. Er wuchs ja nicht irgendwo in den USA auf, sondern im Tessin und studierte in der Schweiz. Gerade deshalb hat er ein grosses Verständnis für eine flächendeckende Grundversorgung. Und man wird sehen, dass er auch sehr nahbar ist.

Urs Schwaller

Von 1992 bis 2004 war Urs Schwaller (66) Freiburger Staatsrat. 2003 wählte ihn die Freiburger Bevölkerung in den Ständerat. Dort blieb er bis 2015 und war unter anderem Mitglied in der Finanz- und in der Sozialkommission. Zwischen 2005 und 2013 präsidierte er die CVP-Fraktion in der Bundesversammlung. Schon bei den Bundesratswahlen 2007 wurde Schwaller als möglicher Bundesratskandidat gehandelt. 2009 wurde sein Name erneut ins Spiel gebracht. Am 8. September 2009 nominierte ihn seine Fraktion offiziell für den Bundesrat. Schwaller unterlag dann aber im 4. Wahlgang Didier Burkhalter (FDP), nachdem er in den ersten drei Wahlgängen geführt hatte. Er erhielt 106 von 239 gültigen Stimmen. Seit 2016 ist Schwaller Verwaltungsratspräsident der Post. Daneben hält er weitere Verwaltungsrats-Mandate, unter anderem bei der Groupe E und der Groupe Mutuel. Schwaller ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Tafers.

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