Flugverbot für Boeings Verkaufsschlager – Swiss-Piloten begrüssen Verbot

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Bleibt in vielen Ländern am Boden: Der US-Konzern Boeing hat den neuesten 737-Typ schon 350-mal ausgeliefert – und 5000 weitere Maschinen wurden weltweit bestellt. (Bild: Keystone)

Nur sechs Minuten nach dem Start fiel die fast fabrikneue Boeing 737 Max 8 vom Himmel und krachte senkrecht in den Boden. Das Unglück in Äthiopien mit 157 Todesopfern bleibt auch zwei Tage danach rätselhaft.

Doch um 19 Uhr, zeitgleich mit der Europäischen Luftfahrtbehörde EASA, verhängte auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt ein Flugverbot. Thomas Steffen, Sprecher des Swiss-Pilotenverbandes Aeropers, sagt: «Wir begrüssen die restriktive Handhabung der Behörden, auch wenn noch nicht bewiesen ist, dass die Ursache des zweiten Absturzes bei der Technik der Boeing-Maschine liegt. Mit dem Flugverbot für den 737 Max 8 in ganz Europa stellt sie die Sicherheit von Passagieren und der Besatzung in den Vordergrund.»

Für die Schweiz hat die Massnahme eher symbolische Wirkung. Hierzulande ist kein Flugzeug dieses Typs immatrikuliert. Und es kommt nur zwei- oder dreimal pro Monat vor, dass die B 737 Max 8 den hiesigen Luftraum durchfliegt.

Anders ist das beispielsweise in Deutschland. Dort wandte sich der Verkehrsminister persönlich an die Öffentlichkeit. Andreas Scheuer (CSU) betonte, es gelte «Sicherheit über alles». Der weltgrösste Reisekonzern TUI hatte allerdings schon vorher reagiert und alle Flüge mit dem Flugzeugtyp gestoppt.

Börse straft Boeing ab

Vor den Behörden mehrerer Länder hatte eine ganze Reihe von Airlines den Unglücks-Typ aus dem Verkehr gezogen. Jene, die es nicht taten, etwa die US-amerikanischen Fluglinien Southwest und American, verloren gestern an der Börse an Wert. Heftig abgestraft wurde am Aktienmarkt aber vor allem der Flugzeughersteller selbst: Boeing verlor seit dem Absturz vom Sonntag etwa einen Viertel seines Börsenwerts.

Der Konzern reagierte wortkarg per Medienmitteilung. Die Boeing 737 Max 8 sei ein sicheres Flugzeug, beschwichtigte das Unternehmen: «Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit.»

Solche Verlautbarungen beruhigen niemanden wirklich. Der Schaffhauser SVP-Nationalrat und Pilot Thomas Hurter sagt: «Boeing sollte so schnell wie möglich kommunizieren, wie man weiter vorgehen möchte. Diese Problematik könnte die Zukunft dieses Unternehmens sehr stark beeinflussen.»

Der Flugschreiber der Unglücksmaschine wurde inzwischen geborgen und wird nun ausgewertet. Es ist bereits das zweite Mal innerhalb eines halben Jahres, dass eine Maschine dieses Typs kurz nach dem Start abgestürzt ist. Vor dem «Ethiopian Airlines»-Flieger war eine Maschine der indonesischen «Lion Air» bei einem Inlandflug verunglückt – 189 Menschen starben. Damals könnte nach bisherigem Erkenntnisstand ein Steuerungssystem in der neuesten Entwicklung der Boeing 737 zum Absturz geführt haben.

Die Boeing 737 ist das weltweit meistverkaufte Passagierflugzeug, die Max-8-Variante die jüngste Reihe des Verkaufsschlagers. Die Zahlen sind gewaltig: 350 Maschinen des aktuellen Typs wurden schon ausgeliefert, seit er vor knapp zwei Jahren auf den Markt kam. Und 5000 Maschinen wurden bestellt und warten darauf, produziert und ausgeliefert zu werden.

Was tun die USA?

Das Max-8-Modell besticht durch sparsamere und grössere Triebwerke. Laut dem Hamburger Luftfahrtexperten Andreas Spaeth hängen die neuen Triebwerke weiter vor den Tragflächen als bei bisherigen 737-Modellen. «Dies verändert die Aerodynamik des Flugzeugs», schreibt Spaeth in einem am Montag erschienenen Fachartikel. «Durch die neue Triebwerksanordnung hat das Flugzeug die Tendenz, die Nase zu heben. Das kann im schlimmsten Fall zum Strömungsabriss führen, also dem Ausbleiben von Auftrieb, und dann zum Absturz.» Um dieses Problem automatisch auszugleichen, hat Boeing ein System eingebaut, das kritische Fluglagen automatisch erkennt und die Flugzeugnase dann computergesteuert senkt, um einem Strömungsabriss zu entkommen. Aufzeichnungen der Flugdaten legen den Verdacht nahe, dass das neue System den Absturz in Indonesien verursacht hat. Boeing stellte inzwischen Nachbesserungen an der Software in Aussicht.

US-Präsident Donald Trump sprach die «zu komplexe» Technik in modernen Flugzeugen in einem eher wirren Tweet an. Ohne Boeing zu erwähnen, schrieb er, er wolle «nicht Albert Einstein» als seinen Piloten, sondern Profis, die das Flugzeug unter Kontrolle hätten.

In den USA, wo Boeing die Maschinen baut, dürfen sie weiterhin fliegen. Die dortige Behörde beschliesst ohne konkrete Untersuchungsergebnisse üblicherweise keine Groundings. Es sei «zu früh» für einen Entscheid, teilte sie mit. Allerdings forderten mehrere US-Spitzenpolitiker beider grosser Parteien ein sofortiges Flugverbot – darunter auch die demokratische Präsidentschaftsanwärterin Elisabeth Warren.

Wo die Unglücksmaschine nicht mehr fliegen darf

Luftsperre in ganz Europa, in weiten Teilen Asiens und Afrikas sowie in Australien: In immer mehr Ländern darf die Boeing 737 Max 8 nicht mehr starten und landen. Schon zuvor haben mehrere Airlines erklärt, sie würden freiwillig auf den Einsatz dieses Flugzeugtyps verzichten, bis die Unglücksursache geklärt und Massnahmen ergriffen worden seien.

Eine Auswahl dieser Airlines:

Aeromexico (Mexiko)

Aerolíneas Argentinas (Argentinien)

Cayman Airways (Cayman Islands)

Ethiopian Airlines (Äthiopien)

Gol (Brasilien)

Jet Airways (Indien)

Norwegian (Norwegen)

Royal Air Maroc (Marokko)

Tuifly und Tui Airlines (Belgien, Deutschland, Skandinavien, Vereinigtes Königreich)

Turkish Airlines (Türkei)

Anmerkung: Die Swiss hat keine 737-Maschinen im Einsatz.

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