Menschliche Natur und Negativzinsen

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Die Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sind im fünften Jahr angelangt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Erst waren «nur» Geschäftsbanken und Pensionskassen betroffen, inzwischen auch vermögendere Sparer. Aus der Abwehrmassnahme gegen Geldzuflüsse aus dem Ausland – und einer damit verbundenen Stärkung des Schweizer Frankens – ist eine nicht demokratisch beschlossene Reichtumssteuer geworden. Strafzinsen, welche 2018 der SNB exakt 2,05 Milliarden Franken in die Kasse gespült haben.

Wer mehr als 500 000 auf einem Konto bei der Postfinance hat, bekommt sein Vermögen im Sog der SNB um jährlich ein Prozent reduziert. Interessiert mich nicht – weil nicht betroffen? Wir sind obligatorisch BVG-versichert. Die SNB schmälert mit ihrer Politik auch unsere künftigen Renten. Die Finanzverantwortlichen der BVG-Stiftungen versuchen vor dem Hintergrund der Negativzinsen mit ihren Anlagestrategien das Beste, um unsere Altersrenten nicht wie Schnee an der Sonne wegschmelzen zu lassen.

Aber sie stehen mit dem Rücken zur Wand und flüchten in Immobilien-Anlagen. Weshalb sagt nie ein Politiker links der Mitte, dass die SNB-Negativzinsen die Immobilienpreise – die Gefahr einer «Blase» ausgeklammert – in die Höhe treiben und dass damit Immobilienbesitz nur noch für vermögende Bevölkerungskreise erschwinglich ist?

Die Ökonomen Matthias Weik und Marc Friedrich sind in Deutschland vor allem durch Bücher bekannt wie «Der grösste Raubzug der Geschichte» oder «Kapitalfehler». Die beiden verstehen sich als Querdenker und ihre Publikationen haben einen «alarmistischen» Unterton. Eine ihrer jüngsten Aussagen: «Wenn die Notenbankpolitik der SNB schiefgeht, dann wird die Schweiz de facto von heute auf morgen pleite sein.»

Auch wenn man sich den beiden Schwarzmalern nicht anschliessen will – nachdenklich machen deren Aussagen dennoch. Sie fussen auf dem Umstand, dass sich die Schweizer Geldpolitik derzeit auf zwei Pfeilern abstützt: den Negativzinsen und dem Kauf von Devisen durch frisch geschaffene Franken. «Die Schweiz ist im Schwitzkasten der Europäischen Zentralbank, des Euro und der Aktienmärkte», resümieren Weik und Friedrich. Alleine mit ihrer Kritik sind sie nicht.

So macht der hoch angesehene einstige Chefökonom der SNB, Kurt Schiltknecht, keinen Hehl aus seiner Ablehnung der aktuellen Massnahmen – insbesondere des Negativzinsmodells. Den Kosten der Negativzinsen – die Probleme für die Pensionskassen und extrem tiefe Zinsen für Sparer – würde kein vergleichbarer Nutzen gegenüberstehen. «Die anhaltenden Notmassnahmen der Nationalbank werden umso weniger verstanden, als die Schweizer Wirtschaft sich noch immer in sehr guter Verfassung zeigt.»

Unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung: Fakt ist und bleibt, dass Negativzinsen etwas «widernatürliches» sind. Wenn Menschen sich ihre Konsumwünsche nicht sogleich erfüllen, sondern warten, verlangen sie eine Entschädigung dafür. Zinsen sind – wie Preise – für die meisten Leute Signale, die sie leiten. Beispielsweise wenn es etwa um die Fragen geht, wie sie den Konsum zwischen heute und morgen aufteilen sollen, wie viel sie sparen oder Schulden machen sollen, welche Aktien sie kaufen wollen, wann sich eine Ausbildung oder ein Hausbau lohnt oder wann ein Investitionsprojekt abzubrechen ist. Bei all diesen Überlegungen haben die Menschen mehr oder weniger bewusst jeweils einen positiven Zins im Kopf. Die SNB zwingt die Leute dazu, in einer Negativzinswelt orientierungslos umherzuirren und immer wieder Zufalls- und Fehlentscheide zu treffen.

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