Lebensmittel-Ampel: Streit zwischen Konsumentenschutz und Detailhändler spitzt sich zu

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Auf einigen Verpackungen gibt es bereits einen sogenannten Nutri-Score, eine Lebensmittel-Ampel, die auf einer Skala von A bis E und grün bis rot angibt, wie gesund das Produkt ist. (Symbolbild) © BRUNO KISSLING

Seit einigen Wochen schon kann man ihn auf den Verpackungen einzelner Lebensmittel sehen, die in den Regalen der Schweizer Supermärkte stehen: den sogenannten Nutri-Score, eine Lebensmittel-Ampel, die auf einer Skala von A bis E und grün bis rot angibt, wie gesund das Produkt ist. Anfang März hat der französische Konzern Danone als erstes Unternehmen diese umstrittene Kennzeichnung in der Schweiz eingeführt. Bis Ende dieses Jahres will die Firma einen Grossteil seiner Milchfrischeprodukte mit dem Label ausstatten, bis Ende des nächsten alle.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das nur der Anfang ist. Denn hinter den Kulissen laufen Gespräche zu diesem Thema. Heute treffen sich Beamte des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen mit Vertretern der Lebensmittelbranche und Gesundheitsorganisationen sowie Konsumentenschützern zu einem runden Tisch. Gemäss dem Bundesamt geht es dabei darum, die Akteure über die verschiedenen Kennzeichnungssysteme – und dabei vor allem über Nutri-Score – zu informieren, offene Fragen zu beantworten und das weitere Vorgehen zu besprechen.

«Irreführend und vereinfacht»

Bisher wehrte sich die hiesige Branche nämlich gegen eine solche Lebensmittel-Kennzeichnung. Die IG Detailhandel, zu der sich Migros, Denner, Coop und Manor zusammengeschlossen haben, bezeichnet das Ampelmodell in einem Positionspapier als «irreführend und zu vereinfacht». Die Begründung: Referenzwerte und Empfehlungen seien für die gesamte Ernährung konzipiert und könnten nicht auf einzelne Lebensmittel heruntergebrochen werden. Die Qualität der Ernährung werde nicht durch ein einzelnes, sondern durch die Summe aller aufgenommenen Lebensmittel bestimmt, so die IG Detailhandel.

 

Unter anderem deswegen steht auch die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien der Einführung einer Ampelkennzeichnung kritisch gegenüber. Trotzdem signalisiert sie zumindest Gesprächsbereitschaft: In ihrem neusten Newsletter heisst es, dass man den Druck der Konsumentenorganisationen und «neu auch des Bundes» zur Kenntnis nehme und sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzen wolle. Auf Anfrage schreibt Co-Geschäftsführer Urs Furrer, dass noch viele Fragen offen seien. Zum Beispiel, wie man am besten europaweit ein einheitliches Verständnis sicherstellen und neue Handelshemmnisse verhindern könne. Oder wie hoch die Kosten der Umsetzung seien und wer die «nötige begleitende Informationskampagne» organisiere.

Zudem verweist Furrer auf ein Urteil aus Deutschland von vergangener Woche. Das Landgericht Hamburg hat entschieden, dass Nutri-Score gegen europäische Vorschriften zur Lebensmittelkennzeichnung verstosse. Laut Furrer besteht deswegen «eine bestimmte Rechtsunsicherheit». «In einer solchen Situation ist es das Klügste, vorerst einmal zuzuwarten, statt in Aktionismus zu verfallen und sich verfrüht für oder gegen ein bestimmtes Modell auszusprechen», sagt er.

Für die Stiftung für Konsumentenschutz hingegen ist klar, dass es eine solche Kennzeichnung auf allen Produkten braucht – und sie ist mittlerweile auch sehr optimistisch, dass sie kommen wird. «Wir gehen davon aus, dass in der Lebensmittelbranche ein Umdenken stattfinden wird», sagt Alex von Hettlingen. Durch das Vorpreschen einzelner Hersteller wie Danone werde sich eine Dynamik entwickeln, vermutet er. «Wenn die Produkte in den Regalen stehen und die Konsumenten positiv auf die Lebensmittel-Ampeln reagieren, geben die Detailhändler ihren Widerstand wahrscheinlich schnell auf», sagt von Hettlingen.

Unterstützung erhalten die Konsumentenschützer vom Bund: Man begrüsse, wenn die Konsumenten eine Unterstützung bei der gesunden Wahl von Lebensmitteln erhalten, schreibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Wichtig sei jedoch, dass es eine einheitliche Lösung gebe.

Forderung nach Gesetz

Das betont auch die Stiftung für Konsumentenschutz. Sie fordert deshalb eine Regelung auf Gesetzesstufe. «Ansonsten ist die Gefahr der Aufweichung oder Abschwächung der Kennzeichnung zu gross», sagt Alex von Hettlingen. SP-Parlamentarier haben kürzlich entsprechende Vorstösse eingereicht. Der Bundesrat will davon aber nichts wissen. Er sehe «aktuell keine Notwendigkeit», die Verwendung eines Kennzeichnungssystems rechtlich zwingend vorzuschreiben, schrieb der Bundesrat im März auf eine entsprechende Frage aus dem Parlament. Die Ernährungsstrategie des Bundes beruhe auf einer «freiwilligen Zusammenarbeit mit der Lebensmittelwirtschaft».

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