Sie steht ihre Frau in einer Männerdomäne

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Schwere Säcke zu tragen, gehört für Stefanie Anderegg auf der Baustelle einfach dazu. Foto: Katrin Petkovic

Bei Stefanie Anderegg und dem Gipserberuf ist es nicht wie im Märchen: Nein, sie wollte nicht schon als kleines Mädchen Gipserin werden und auch ihr Einstieg war alles andere als pure Freude. Trotzdem betreibt sie diesen Knochenjob bereits seit zehn Jahren und möchte heute nichts anderes tun.

Als 15-jähriges Mädchen war die grosse berufliche Auswahl auch für sie eine grosse Überforderung: «Ich wusste nicht, was ich machen sollte.» Auch Berufsberatungsgespräche bei Fachstellen hätten ihr bei ihrer Entscheidung nicht helfen können. Anfänglich fasste sie den Entschluss, als Coiffeuse zu schnuppern. Kurz darauf erhielt sie in Altbüron aber auch Einblicke in den Gipserberuf. «Ich brauche Bewegung in meiner Arbeit, sonst bin ich bis zum Abend nicht genügend ausgelastet», erzählt die bodenständige 27-Jährige. Daraufhin entschied sie sich, ihre Berufslehre in Altbüron zu machen. Im Anschluss wechselte sie zur Meiergipser AG in Dagmersellen und arbeitet nun seit sechs Jahren dort.

So kam es, dass Anderegg, die in Luthern aufgewachsen ist, am Treffen in Reiden Material anmischt, den Abrieb aufzieht und andere Feinarbeiten auf der Baustelle erledigt. «Bei uns im Geschäft haben alle ihr Spezialgebiet. Ich bin da eher die Nassgipserin», erzählt sie stolz. 30 Kilogramm schwere Säcke tragen? Für Stefanie Anderegg kein Problem: «Zum grössten Teil erhalte ich genau die gleichen Aufgaben wie meine männlichen Kollegen. Ich habe mich schliesslich für diesen Job entschlossen.» Ganz ohne Hilfe geht es trotzdem nicht. Es gäbe schwere Maschinen, die sie als Frau unmöglich alleine heben könne. Dabei erhält sie Unterstützung von den Männern, ohne dass sie darum bitten muss. Im Gegenzug seien sie auch froh, wenn Anderegg, die mit 1,65 Metern zu den kleineren Gipsern auf der Baustelle gehört, diejenigen Arbeiten erledigt, die weiter unten anfallen – Teamwork eben. «Wenn ich nicht in dieser Bude wäre, wäre ich allenfalls schon lange weg vom Beruf», meint die Ohmstalerin.

Schwere Krisen überstanden

Für die Hundeliebhaberin ist der Gipserberuf alles andere als eintönig. Die verschiedenen Details seien es, die die Arbeit schliesslich so vielseitig machten. Als Gipserin hat sie mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun. Häufig kehrt sie auch an frühere Arbeitsorte zurück und Freundschaften entstehen.

Das Fakt, dass ihre Arbeitskollegen in den meisten Fällen Männer sind, sieht Anderegg als grossen Vorteil: «Wenn so viele Frauen über einen längeren Zeitraum aufeinander sind, wird das Lästern und das Getratsche richtig anstrengend. Ich kann es einen Abend lang mit meinen Freundinnen aushalten, aber jeden Tag müsste ich das nicht haben», erzählt sie lachend. Männer seien weniger nachtragend und direkter.

Wie direkt der Umgangston in der Gipserbranche ist, hat Stefanie Anderegg bereits in der Berufslehre erfahren: «Ich wurde damals sehr unterdrückt. Ich überlegte mir, die Lehre abzubrechen, weil ich nervlich am Ende war.» Wechselnde Chefs, die alle das Gefühl hatten, Frauen gehörten nicht auf die Baustelle, machten ihr ihr Leben schwer: «Ich konnte ihnen nichts recht machen. Ich war nur der Handlanger und wurde von Standort zu Standort hin- und hergeschoben.» Trotzdem entschied sie sich, die Lehre durchzuziehen. Dies auch, weil sie an ihre Zukunft dachte und um jeden Preis eine abgeschlossene Lehre wollte. Mittlerweile hat Stefanie Anderegg auch gelernt, mit solchen Situationen umzugehen und sich zu wehren, wenn es ihr nicht passt.

Ist Anderegg also eine Exotin in der Gipserbranche? «Mir fällt es nicht auf, dass ich die einzige Frau im Team bin», erzählt sie. Wenn sie aber Reaktionen aus ihrem Umfeld mitkriegt, merke sie manchmal, dass ihre Berufswahl alles andere als «normal» war. Von 113 Absolventen war sie im Jahr 2012 eine der sechs Frauen, die die Abschlussprüfungen bestanden haben. Zwei von ihnen haben bereits wieder den Beruf gewechselt, weiss Anderegg. Sie verrät: «Es erfüllt mich schon ein wenig mit Stolz, wenn ich daran denke, eine der wenigen zu sein. Vor allem unter dem Aspekt, was ich alles durchgemacht habe.»

Frau oder Mann - Hauptsache Mensch

Die Serie stellt Frauen und Männer vor, die einer Arbeit oder einer Freizeitbeschäftigung nachgehen, die statistisch gesehen für ihr Geschlecht untypisch ist. Dabei stehen die Gemeinsamkeiten beider Geschlechter und nicht etwa die Unterschiede im Zentrum. Vorgestellt wurden bereits Feuerwehrfrau Janine Ribeiro, Pfleger Marius Lötscher und Gipserin Stefanie Anderegg. Den Abschluss der Serie macht ein Hausmann.

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