Mit sehendem Auge blind

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Ist er nicht faszinierend, der menschliche Organismus? Dieser Gedanke ging mir wieder einmal durch den Kopf, als ich vor einigen Wochen im Restaurant «Blinde Kuh» in Zürich sass. Das Beeindruckende an diesem Ort ist zum einen, dass man sein Essen in einem komplett dunkeln Raum einnimmt. Durch das Wegfallen des Sehsinnes werden die verbleibenden Sinne geschärft. Das ohnehin sehr delikate Essen wird zur Geschmacksexplosion und weil auch der Gehörsinn Kompensationsarbeit übernimmt, vernimmt man von überall her Gesprächsfetzen. Mit der Begleitung über den Chef oder die Ex-Freundin herzuziehen, ist in diesem Raum keine besonders gute Idee. Denn man weiss nie, wer sonst noch im Raum sitzt. Die zweite Faszination der «Blinden Kuh» besteht darin, dass die Mitarbeiter in der Küche und im Service blind sind. Während blinde Personen im Alltag oft auf Hilfe angewiesen sind, sind es für einmal wir Sehenden, welche ohne sie aufgeschmissen wären. Ohne ihre Führung würden wir den Ausgang nämlich nicht finden. Das von einer Stiftung getragene Restaurant gibt blinden Personen eine ausgezeichnete Beschäftigungsmöglichkeit. Doch auch in völlig alltäglichen Berufen sowie an Hochschulen und Universitäten trifft man immer wieder Blinde an. Mit speziellen Computern können sie einen Grossteil des Alltags perfekt bewältigen. In Erinnerung bleibt mir eine Frau, welche an derselben Hochschule wie ich studierte und als künftige Dolmetscherin den Studiengang «Übersetzen» besuchte. Mit ihrem Stock flitzte sie schneller als alle anderen durch die Gänge. Was mich besonders beeindruckte: Sie sah super aus! Die Kleider passten sehr gut zusammen, die Frisur sass perfekt. Sie musste also jeden Morgen lange Zeit vor dem Spiegel verbracht haben, ohne sich selbst je darin gesehen zu haben. Wer die «Blinde Kuh» zum ersten Mal besucht, geht mit der Erwartung dorthin, sie nach dem Essen mit total befleckten Kleidern wieder zu verlassen. Diese Befürchtungen bewahrheiten sich im Normalfall jedoch nicht. Während ich die Vorspeise noch recht zögerlich einnahm, ass ich beim Hauptgang und dem Dessert mit steigender Selbstsicherheit beinahe in meiner gewohnten Geschwindigkeit. Es ist erstaunlich, wie schnell sich unser Körper an neue Situationen gewöhnt. Zu erblinden ist etwas vom Schlimmsten, was ich mir vorstellen kann. Und nicht einmal dann würde die Welt untergehen. Das zu wissen, ist irgendwie beruhigend.

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