Nackte Männer erregten einst die Gemüter

080719_luz_schwinger2_ben.jpg
Die Skulptur von Hugo Siegwart an ihrem heutigen Standort auf dem Inseli am See. Von 1909 bis 1958 stand sie auf dem Kurplatz beim Nationalquai, musste aber dort wegen der Bäume weichen. Bild: ben
080719_luz_schwinger_historisch.jpg
Die Skulptur am ersten Standort Kurplatz, 1909. Bild: Stadtarchiv Luzern, F2a/Kunstgegenstände/04:01

Heute wird sie bewundert, die Schwingergruppe auf dem Inseli, doch das war nicht immer so. Denn als sie 1909 auf dem Kurplatz am Nationalquai aufgestellt wurde, demonstrierten Tausende und verlangten ihre Entfernung. Kurz zuvor wurde der mondäne Konzertpavillon auf demselben Platz eröffnet. Parkwächter sorgten jeweils dafür, dass zerlumpte Jungen dem festlichen Platz fernblieben und damit die fremden Gäste nicht belästigten. Das Denkmal der beiden Schwinger hatte nämlich die Aufgabe, den Ausländern unseren Nationalsport, den viele nicht kannten, anschaulich zu zeigen. Angeblich stammten die ersten Kämpfer aus dem Entlebuch und dem benachbarten Emmental, später auch aus Schwyz und Unterwalden.

Doch das gut gemeinte Kunstwerk erregte die Gemüter der Einheimischen. Denn die beiden Schwinger waren nackt, wie die Läufer und Ringer im alten Griechenland. Der Bildhauer hatte zwar ihre Männlichkeit gekonnt verdeckt, sodass ausser den angespannten Arschbacken wenig zu sehen war. Dennoch verlangten viele Anwohner, auf die Aufstellung dieser unnötigen Schau sei zu verzichten.

Kirchliche Vertreter und angebliche Hüter der Moral liefen dagegen Sturm. Selbst der bischöfliche Kommissar Franz von Segesser war darob empört und und bat die Behörden, das «gefährliche Werk» nicht aufzustellen. Denn es sei für die heranwachsende Jugend eine sittliche Gefahr. Zu Beginn des Jahres marschierten sogar rund 2000 Frauen zum Kurplatz, um gegen diese öffentliche Schau der Nacktheit zu protestieren. Doch der Luzerner Stadtrat beharrte an der Präsentation. Am 1. Mai 1909 wurde die grosse Skulptur eingeweiht, jedoch ohne Publizität.

1958 erfolgte der Umzug der Schwingergruppe

Nicht die endlosen Streitigkeiten gaben den Anstoss zum Abräumen auf dem Kurplatz, sondern die immer schnell wachsenden Kastanienbäume bedrängten zunehmend das Denkmal. Nach Jahrzehnten mussten daher die Schwinger der Natur weichen. In der Mitte des idyllischen

Inseliparks erhielten sie 1958 eine friedliche Bleibe. Der Ort war gut gewählt. Finden doch die Schwingerkämpfe immer draussen in der Natur statt. Auch die neue Generation der Einwohner regte sich nicht mehr auf wegen ihrer Nacktheit. Ungewiss ist und bleibt, was die vielen asiatischen Touristen von heute über die sonderbare Schau denken und bildlich mit nach Hause nehmen.

Völlig unverständlich war sowohl der Aufstand gegen diese Schwinger und durchaus begreiflich das Beharren der Behörden. Schliesslich war der Bildhauer Hugo Siegwart ein angesehener Stadtbürger, Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission und Ehrenmitglied der Luzerner Kunstgesellschaft. Zudem war seine grosse Skulptur der Schwinger schon durch Publikationen bekannt. An einer internationalen Kunstausstellung 1905 in München erhielt er für das Werk sogar eine Goldmedaille. In Zürich durfte er das Denkmal von Pestalozzi erstellen. In Bauen dasjenige für Alberich Zwyssig und im Bundeshaus die Statuen Niklaus von Flüe und Winkelried. Eines seiner letzten Werke, er starb 1938, waren die zwei Pferde vor dem früheren Kunsthaus Luzern. Sein bevorzugtes Material war Bronze, welche eine durchgehende Modellierung erlaubte, mattiert und glänzend auch jeweils einen warmen Ton ergab.

Heute werden Plakate und Graffiti diskutiert

Die «Anstössigkeit» von Kunstwerken im öffentlichen Raum ist heute praktisch kein Thema mehr. Dem Luzerner Stadtarchitekten Jürg Rehsteiner ist in den letzten Jahren nur ein Fall bekannt. Eine Künstlerin wollte auf Plakatstellen im öffentlichen Raum Bilder zeigen, welche religiöse Gefühle hätten verletzen können. «Die Allgemeine Plakatgesellschaft fand, das verstosse gegen ihre Richtlinien. Auch wir fanden, dass man diese Bilder der Bevölkerung nicht zumuten sollte», sagt Rehsteiner. Weniger kontrovers, aber unterschiedlich wahrgenommen wurde am Anfang das farbige Strassen-Kunstwerk vor dem Luzerner Theater (es wird jetzt nach zwei Saisons entfernt). Ein aktuelles Thema sei auch Streetart (Strassenkunst) von Graffitikünstlern an Hausmauern. (ben)

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
Landi Unteres Seetal
Mitarbeiter/in Verkauf 100%, Mitarbeiter, Hallwil
Aerni AG Automobile
Allrounder/in Vollzeit, Mitarbeiter, Safenwil
Landgasthof Kreuz
Service-Angestellte, Mitarbeiter, Triengen
Chiffre CD-001/00355
Mitarbeiterin im Pflegedienst, Mitarbeiter,
Putzfee, Mitarbeiter,
Schule Entfelden
Leiter/in Schulverwaltung 80 bis 100%, Mitarbeiter, Oberentfelden
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner