Der Natur- und Vogelschutzverein auf «Neophyten-Jagd»

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Nuria Gilli folgt Edi Gassmann ins Schilf auf der Suche nach Neophyten. Bilder: Ronnie Zumbühl

Der Neophyt breitet sich so sehr aus, dass er selbst in meinem Gehirn Wurzeln schlägt. Zumindest der Begriff. Und auch ein wenig seine inhaltliche Bedeutung: gebietsfremd, hartnäckig, besitzergreifend. Es gibt einen regelrechten Hype, invasive Neophyten zu beseitigen. Zivildienstler tun es, Pensionierte und Vereine auch. Ich wollte es auch mal tun.

Kurz nach 18 Uhr am Dienstag, westlich des Uffiker-Buchser Mooses. Die Sonne hängt schon ziemlich schief am Himmel, der Schatten einer Personengruppe liegt über der Feldstrasse. Die Mitglieder des Natur- und Vogelschutzvereins Dagmersellen (NAVO) stecken in Trekkingschuhen, langen Hosen und bunten T-Shirts. Der NAVO betreut das Naturschutzgebiet Uffiker-Buchser Moos und den renaturierten Hürnbach. Und an diesem Dienstagabend machen sie sich auf die Suche nach Neophyten. Mit mir.

Ausgerüstet mit Handschuhen, Gebietsplan und 110-Liter-Abfallsäcken gehts in Zweiergruppen los. Präsidentin Vreni Albisser und Lotti Meier kontrollieren den Streifen neben der Autobahn, andere die Ufer des Hürnbachs. Ich schliesse mich Edi Gassmann und Nuria Gilli an. Sie haben den Auftrag, das Naturschutzgebiet nach Neophyten abzusuchen – vor allem nach Kanadischen Goldruten. Im Naturschutz sei man per Du, klärt mich Edi sogleich auf. Edi und Nuria gegen die Kanadische Goldrute.

Wir spazieren vorbei an den letzten Landwirtschaftsflächen vor dem Moorgebiet. Ich diffamiere einen weissen Punkt in der grünen Wiese bereits als ersten potenziellen Neophyten. Es ist eine Kamille und kein Berufkraut, klären mich meine beiden Begleiter auf.

Vor neun Jahren hat der Verein mit der Neophyten-Beseitigung begonnen

Edi warnt mich vor: «Da wir das Gebiet hier seit zehn Jahren pflegen, werden wir wohl nicht auf allzu viele Neophyten stossen.» Der Rundgang sei eigentlich eher eine Kontrolle, die einmal im Jahr durchgeführt werde. Als der Verein 2010 mit der Beseitigung begonnen habe, sei das noch anders gewesen: «Wir waren viele Abende in Folge im Einsatz und haben Drüsiges Springkraut in grossen Mengen entfernt», sagt Edi. Der Einsatz habe sich gelohnt. Dann biegt er plötzlich nach rechts ab und bahnt sich einen Weg direkt ins Schilf, das weit über seinen Kopf hinausragt. Es knirscht und quakt. Vorsichtig tapsen wir Edi hinterher. Er hat eine Fährte.

Die Ruhe nütze ich aus, um Edi zu fragen, was eigentlich so schlimm ist an Neophyten. Er reagiert nicht – zu konzentriert. Dann gibt er Entwarnung: Keine Neophyten, wo er welche vermutete. Im Gegenteil: Pfefferminzen, die man schon von weitem riechen konnte. Edi ist erfreut, dass weitere «heimische» Pflanzen hier wachsen und damit die Biodiversität erhöhen. Ich frage erneut, wieso sie Neophyten ausreissen? «Bei den Neophyten handelt es sich um exotische Problempflanzen, sogenannte invasive Neophyten. Diese fallen durch ihren üppigen Wuchs, ihre schnelle, invasive Verbreitung auf», sagt Edi. Wir gehen weiter.

Die Neophyten-Jäger sind auch Hobby-Ornithologen

Edi und Nuria schwärmen vom Naturschutzgebiet. Beide sind sie Hobbyornithologen. Ich sehe und höre einfach Vögel, sie Turmfalken, Sperber und Bussarde.

Edi Gassmann, 70-jährig, ist Bauingenieur und Baubiologie. Er besuchte Botanik- und Ornithologie-Kurse, um sein Wissen über die Zusammenhänge in der Natur zu verstehen. Er war Gründungsmitglied des NAVO im Jahr 1973. Der mittlerweile ausgestorbene Amphibienlaichzug vom Uffikonerberg war Auslöser zur Gründung des NAVO Dagmersellen, heisst es in der Heimatkunde Wiggertal von 2014.

Die 30-jährige Nuria Gilli hat es in den Verein «reingezogen», wie sie sagt. Eigentlich sei sie wegen der Vögel gekommen. Nun kümmert sie sich halt um Neophyten. Nuria ist zugezogene Uffikonerin. Von ihrem Haus aus sieht sie direkt auf das Naturschutzgebiet. Sie arbeitet in einem Unternehmen, das biologische Pflanzenschutzmittel verkauft.

Mittlerweile sind wir am östlichen Ende des Naturschutzgebietes angelangt. Von hier aus sehe ich das Schützenhaus Buchs. Edi und Nuria sehen indes einen mutmasslichen Riesenbärenklau – gebietsfremd, invasiv und sogar gesundheitsschädigend. Sie sind skeptisch. Edi zückt sein Handy und prüft die Pflanze mit einer App, die Fotos von Neophyten analysiert. Entwarnung. «Es ist eine Engelwurz», sagt Edi. «Das ist eine Heilpflanze», ergänzt Nuria. Weiter hinten werden wir dann aber doch fündig: Edi reisst einige Kanadische Goldruten aus dem Boden, Nuria packt sie in den Abfallsack. «Wie kommen die Neophyten eigentlich hierhin und was haben sie für einen Einfluss auf die anderen?», frage ich. «Die Samen werden mit dem Wind verstreut. Invasive Neophyten verdrängen einheimische Pflanzen. Das verändert das Ökosystem», entgegnet Edi. «Alles ist verknüpft, man unterschätzt das ein bisschen», sagt Nuria.

Nach zwei Stunden kommen wir wieder beim Sammelplatz an. Der Neophyten-Ertrag wird kontrolliert und anschliessend in einem einzigen Sack gesammelt. Die Ausbeute ist schlecht – also gut. Im Schatten des Santenbergs stossen die Vereinsmitglieder nun auf die getane Arbeit an.

Neophyten: Problem oder Hype?

2016 hat der Bundesrat die Strategie der Schweiz zu invasiven gebietsfremden Arten inklusive Massnahmenplan verabschiedet. Er argumentiert, mit der zunehmenden Globalisierung nähmen auch der Handel, der Verkehr und das Reisen zu. Dies führe zu einer noch nie da gewesenen «Homogenisierung der Biodiversität». Organismen würden über die natürlichen Grenzen hinaus transportiert. Und: Invasive gebietsfremde Arten könnten einheimische Arten verdrängen, zu Gesundheitsproblemen beim Menschen und zu ökonomischen Verlusten führen.

Der Hype um die Neophyten-Bekämpfung stösst aber auch auf Kritik. Regina Lenz hat zum Thema Neophyten doktoriert. Auf Anfrage sagt sie, dass die Kontrolle der Neophyten-Bestände zwar sinnvoll sei, aber zugleich auch überschätzt werde. Aufgrund der Globalisierung und Klimaveränderung gleiche es einem Kampf gegen Windmühlen. Zudem gebe es keine Evidenz dafür, wie schädlich Neophyten tatsächlich seien – dafür fehle es an Langzeitstudien. Effektivere Massnahmen für eine bessere Biodiversität seien «wilde» Gärten und zusätzliche Naturflächen. (rzu)

Bevor sich der Natur- und Vogelschutzverein auf die Neophyten-Jagd begibt, gibt es Instruktionen.
Edi Gassmann fotografiert den mutmasslichen Neophyten, der sich später als einheimische Engelwurz entpuppte.
Lotti Meier zeigt nach dem Rundgang die Ausbeute.
Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
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