Schnuppern mit den starken Männern vor dem «Eidgenössischen»

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Ein Teil der Nordwestschweizer Delegation auf dem ESAF-Gelände in Zug. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Das Wetter kann sich nicht recht entscheiden. Gegen Westen ist der Himmel nur leicht bewölkt. Die Sonne brennt in den Abendstunden nochmals erbarmungslos vom Himmel. Es ist schwül in Zug. Auf der anderen Seite des Horizonts türmen sich schwarze Wolken über den Voralpen. Ein eindrückliches, fast bedrohliches Szenario. Mitten drin, zwischen den Wetter-Fronten, steht die Delegation des Nordwestschweizer Schwingerverbands (NWSV). Eine Woche vor dem Eidgenössischen Schwingfest (ESAF) wollen Athleten, Betreuer und Funktionäre das Gelände des Grossanlasses unter die Lupe nehmen. Die Frage ist nur: Öffnet der Himmel während der Besichtigungstour seine Schleusen? Oder setzt sich die Sonne durch?

Ambiance schnuppern und Orientierung finden

Grosses Durchsetzungsvermögen benötigt auch der technische Leiter des NWSV, Stefan Strebel. Er kämpft mit dem Verkehr rund um Zürich und erscheint mit exakt elf Minuten Verspätung beim Treffpunkt, um seine Schäfchen Willkommen zu heissen und über Sinn und Zweck des Anlasses zu informieren: Es geht vor allem darum, dass sich die Schwinger am kommenden Wochenende von Anfang an auf dem riesigen Festgelände zurechtfinden und sich fast ausschliesslich auf den sportlichen Wettkampf konzentrieren können. Wo sind Parkplätze, Garderoben, Aufenthaltszelte und Verpflegungsmöglichkeiten? Welches sind die schnellsten Wege zwischen den neuralgischen Punkten? «Es ist das Beste für jeden Schwinger, wenn er die Umgebung schon einmal erkundet und die Ambiance geschnuppert hat», erklärt Stefan Strebel.

Erste Station des Rundgangs ist das Athletendorf. Fein säuberlich angeordnet stehen vier grosse Zelte, welche sich abgeschirmt hinter einem blickdichten Zaun befinden. Hier halten sich die Schwinger während des Wettkampfs auf, wenn sie nicht gerade im Sägemehlring zu Gange sind. Die beiden kleinsten der fünf Teilverbände, die Nordwestschweizer und die Südostschweizer (beide haben je 30 Schwinger gemeldet), teilen sich ein Zelt. Die grossen Verbände Bern (58), Innerschweiz (85) und Nordostschweiz (65) haben jeweils ein eigenes Refugium zur Verfügung.

Viel zu sehen gibt es für die Nordwestschweizer Schwinger an diesem Abend nicht. Das Zelt ist noch nicht eingerichtet. Aber allen ist klar: Wenn es nicht gerade Katzen hagelt, wird jeder Athlet den Indoor-Aufenthalt auf ein Minimum reduzieren. Der Platz ist begrenzt. Ein Delegations-Mitglied rechnet aus: «Wenn alle gleichzeitig hier drin wären, hätte es pro Schwinger eineinhalb Quadratmeter Platz.» Der Weg in die beeindruckende V-Zug-Arena, mit 56 000 das grösste, mobile Stadion der Welt, führt für die Schwinger über eine Passerelle. Fast andächtig steigt die NWSV-Delegation die Stufen hinauf, welche ins riesige Sechseck führen. Auf der Rasenfläche, wo bereits fünf der total sieben Sägemehl-Ringe angeordnet sind, zerstreuen sich die Athleten in alle Richtungen. Jeder hat seine eigenen Bedürfnisse. Etwas abseits der grösseren Gruppen posieren die beiden Aargauer Spitzenschwinger Nick Alpiger und Patrick Räbmatter gemeinsam für ein erstes Selfie als Erinnerung.

Wenn Mama Alpiger zum Fototermin ruft

Erst als eine Frauenstimme die Stille durchbricht, kommt Bewegung in die Gruppe. Pascale Alpiger, die Mutter von Nick, ruft zum Gruppenfoto. Da nicht alle die Tenue-Vorschriften eingehalten haben, muss noch der eine oder andere, kleidertechnische Kunstgriff angewendet werden, ehe alles so ist, wie es sein soll. Die Athleten befolgen die Anweisung der Fotografin («Arme verschränken!») brav. Auch dann, als es auf der Tribüne noch einmal eine kleine Foto-Session gibt.

Die letzte Etappe führt die Delegation in Richtung Gabentempel. Bevor die Schwinger jedoch den Ort besuchen, wo sie am Ende des Fests ihre Belohnung abholen können, wird es nochmals ernst. Stefan Strebel verteilt den NWSV-Athleten eine Anti-Doping-Erklärung, welche jeder Einzelne unterschreiben muss. Patrick Räbmatter hilft derweilen bei der Ausgabe des Fest-Tenues. Die Nordwestschweizer erhalten einen neuen Pulli und ein Cap. Strebel ermahnt seine Jungs, dass sie die neuen Ausrüstungsgegenstände am ESAF bitte beim Einlauf der Delegationen in die Arena tragen sollen. «Nicht vergessen!», sagt er mit Nachdruck.

Beim Gabentempel interessieren die Lebendpreise rund um Siegermuni «Kolin» nur die wenigsten der Cracks. Das Gebäude nebenan mit den schier unzähligen Sachpreisen, angefangen von einer Harley Davidson, über Holzmöbel, Treicheln, Bargeld, Reisegutscheinen bis hin zum Rasenmäher-Traktor, wird dagegen genauer unter die Lupe genommen. Stefan Strebel sagt: «Alleine der Rundgang im Gabentempel muss für jeden Schwinger Anlass genug sein, am Fest mit grösstmöglicher Motivation anzutreten.»

Der Schnupperabend in Zug wird abgeschlossen mit einem letzten Gruppenfoto – bei welchem die NWSV-Schwinger von den Passanten ehrfürchtig bestaunt werden – und einem gemeinsamen Abendessen. Die Stimmung ist gleichermassen relaxt wie angespannt. Fast ein wenig wie das Wetter am Himmel über Zug.

 

Nick Alpiger wird in Zug antreten 

Es war ein regelrechter Wirbelsturm, in welchen Nick Alpiger geriet. Nach seiner verletzungsbedingten Aufgabe auf dem Weissenstein fing in den Medien und in der ganzen Szene das grosse Rätselraten an, ob der beste Schwinger der Nordwestschweizer rechtzeitig im Hinblick auf das Eidgenössische wieder fit sein wird.

Es scheint so, als ob der Staufener den Wettkampf gegen die Zeit gewonnen hat. Alpiger, der in diesem Sommer das Innerschweizer Schwingfest gewann und sich damit in den erweiterten Anwärterkreis auf den Königstitel in Zug katapultierte, sagte im Rahmen des Rekognoszierungstrips der Nordwestschweizer: «Es geht mir gut. Ich konnte in den letzten Wochen gut trainieren und bin im Fahrplan. So, wie es aussieht, werde ich am kommenden Wochenende antreten können. Ich habe jetzt noch eine Woche Zeit. Und die nütze ich sicher gut aus.»

Auch der 23-Jährige weiss, dass ein gewisser Unsicherheitsfaktor bleibt: Wie sich seine Verletzung im Hüftbereich dann effektiv auf das Leistungsvermögen auswirkt, wird erst am Eidgenössischen selber ersichtlich sein. Besonders im ersten Gang, wenn er einen schwierigen Gegner zugeteilt bekommen wird. Alpiger ist auf jeden Fall guten Mutes: «Ich freue mich auf das Fest.»

Für den technischen Leiter der Nordwestschweizer, Stefan Strebel, ist alleine schon die Präsenz des besten Schwingers Gold wert: «Mit seinen Leaderqualitäten und seinem Ehrgeiz ist er für alle anderen ein Vorbild und entsprechend auch ein Zugpferd.»

Stefan Strebel hofft natürlich, dass Alpigers Körper den eidgenössischen Marathon durchsteht und er sicher einen Kranz für den NWSV ins Trockene bringt. «Fünf Kränze plus plus» hat Strebel als Ziel für seinen Teilverband ausgegeben. Bleibt Nick Alpiger fit, dann stehen die Chancen sehr gut, dass die Nordwestschweizer Schwinger diese Vorgabe erfüllen können.

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