Wenn das Telefon der Riklin-Brüder klingelt

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Die Kunstinstallation «Stadttelefon» von Frank und Patrik Riklin appelliert für mehr Spontanität im gesellschaftlichen Raum und ist eine Gegenbewegung zur aktuellen Digitalhysterie. (Bild: zvg/AfS)
Urs-Peter Müller, Zofingen, 77, pensioniert: «Eine gute Idee! Ich wohne hier in der Altstadt. Wenns klingelt und ich in der Nähe bin, gehe ich ran.»
Mikayil Bekoogluy, Oftringen, 28, IT Berater: «Im Zeitalter der Smartphone glaube ich eher weniger, dass jemand ein so altes Telefon benutzt. Aber es eine coole Idee, wenn man es unter dem künstlerischen Aspekt betrachtet.»
Heidi Binggeli-Engeler, Zofingen, 81, pensioniert: «Es ist himmeltraurig, dass man solche Sachen erfinden muss, damit die Leute miteinander ins Gespräch kommen. Jeder starrt auf Handy und erschrickt, wenn man die Person anspricht.»
Andrea Widmer, Reiden, 30, Gärtnerin: «Die Idee ist gar nicht so schlecht. Ich weiss aber nicht, ob ich anrufen würde. Oder den Hörer abhebe, wenn das Stadttelefon klingelt.»

Das klingelnde Kunstwerk «Stadttelefon» aus der Ostschweiz, das seit 2007 in verschiedenen Städten immer wieder mal unübliche Verbindungen herstellen liess, steht jetzt in Zofingen: Das «Stadttelefon» ist ein öffentlich zugänglicher Telefonapparat wie aus Grossmutters Zeiten, das im öffentlichen Raum klingelt, sobald man die Nummer (0901 62 4800) wählt. Das Besondere: Man kann nur abnehmen, raustelefonieren geht nicht. Anrufer und Abnehmer sind unbekannt, der Zufall bestimmt die Verbindung. Ein Anruf kostet 70 Rappen pro Minute. Der Ertrag, der durch die Verbindungskosten generiert wird, sind die Honorarkosten der St. Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin.

Was als vermeintlicher Jux daherkommt, hat einen ernsthaften Hintergrund, so die Riklins unisono. Gerade in einer Welt der Automatisierung braucht es Alternativen, wie man aus diesem Digitalisierungswahn ausbrechen kann. «Die Gesellschaft lechzt nach Spontanität, nach Zufälligem, nach ‹Unordnung›. Die allgemeine Entmenschlichung ist auf direktem Weg zur Zombisierung», sagen die Riklins. «Der menschliche Instinkt wird vernachlässigt. Wer heute ohne Grund jemanden anspricht, wird schräg angeschaut. Das klingelnde Telefonobjekt im öffentlichen Raum ist ein Appell an die Gesellschaft, spontan und neugierig zu sein, mit der Norm des scheinbar Abnormalem zu kokettieren, zu brechen, unüblich zu handeln. Nicht zuletzt auch eine Art Verantwortung für das Unbekannte zu übernehmen. Und das beginnt mit Kommunikation.

Spielerische Option für die Bevölkerung

Im Rahmen der Ausstellung Neoscope 19 des Kunsthauses Zofingen haben die Riklin-Brüder in der Altstadt einen offen zugänglichen Telefonapparat installiert, der bis zum 20. Oktober in Betrieb sein wird. Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger hat die Zofinger per Brief explizit dazu aufgerufen, das «Stadttelefon» anzurufen und den Mut zu haben, das Telefon abzunehmen, wenn man es klingeln hört.

Das Abnehmen eines fremden Telefons findet grundsätzlich nicht statt. Was aber, wenn das Abnehmen plötzlich erwünscht ist und als Option zur Verfügung steht? Wie verändert sich das Klima einer Stadt, wenn ein klingelndes Telefon im öffentlichen Raum auf spontane Abnehmer trifft, dadurch unvorhersehbare Situationen auslöst und die Hemmschwelle des Unbekannten in eine neue Lust des Neugierigseins verwandelt? Das Telefon ist von jedem benutzbar. Egal ob Anwohner, Passant, Tourist oder Weltbürger aus einer anderen Stadt. Damit das Klingeln im öffentlichen Raum gehört wird, ist das Klingeln akustisch gegen aussen verstärkt.

Faszination und Methode des Zufalls

Das Telefonieren und Wählen einer beliebigen Telefonnummer erinnert eher an kindliche Lausbubenstreiche, ist prinzipiell unüblich und wird selten ernsthaft praktiziert. Was aber löst es aus, wenn sich das bewusste «Falschverbinden lassen» als eine lustvolle Praxis entpuppt, welche die Faszination des unberechenbaren Zufalls mit sich führt und aussergewöhnliche Telefongespräche zwischen wildfremden Leuten ermöglicht, zum Beispiel zwischen einer Schülerin und einem Rentner, einem Politiker und einer Familienfrau oder einer Angestellten und einem Professor? Eine kindliche Methode wird so zum besonderen Kommunikations-Instrument. Allein die Option verändert und garantiert eine Irritation.

Das Projekt «Stadttelefon» ist eine lustvolle Strategie zur Belebung einer tendenziell verloren gegangenen Spontaneität und initiiert eine spielerische Verschiebung des individuellen Telefonakts in den unbekannten öffentlichen Raum, weicht soziale Verkrustungen auf und provoziert unübliche Vernetzungen. Das Motiv des Telefonierens wird aufgebrochen, grundloses Telefonieren wird zum Platzhalter. Was passiert, wenn gewisse Teile eines festgefahrenen Alltagsystems neu aufeinandertreffen beziehungsweise mittels Sender und Empfänger neu gemischt, positiv gestört und für kurze Zeit unterbrochen wird? (pd/pmn)

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Steuergelder sinnvoll eingesetzt?

Daniel Wülser
schrieb am 25.08.2019 16:06
Über Kunstprojekte und deren Finanzierung lässt sich immer kontrovers diskutieren, doch dass die Stadtbehörde einen brieflichen Massenversand an jeden Haushalt auf dem Gemeindegebiet Zofingen lanciert und so wahrscheinlich einige tausend Franken an Steuergelder einsetzt, finde ich störend.
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