ParaForum: Hier lässt sich der Alltag von Querschnittgelähmten miterleben

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Blick in die fiktive Wohngemeinschaft. Junge Besucherinnen lösten Aufgaben an Touchscreens und benutzten einen Rollstuhl. Bilder: SPS
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Betroffene spielen die virtuellen WG-Bewohner Sarah, Stefan, Christine und Matteo und schildern ihren herausfordernden Alltag.

Das neue Besucherzentrum ParaForum der Schweizer Paraplegiker Stiftung (SPS) in Nottwil ist ab sofort für die Öffentlichkeit zugänglich. Eine multimediale Ausstellung erzählt die Lebensgeschichten und täglichen Herausforderungen von vier querschnittgelähmten Menschen.

Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern im ersten Stock des neuen Gebäudes befindet sich das Kernstück des Besucherzentrums: eine Ausstellung in Form einer Wohngemeinschaft (WG). Hier erzählen die vier virtuellen Bewohner Sarah (32), Stefan (41), Christine (68) und Matteo (17) in Podcasts und Videos ihre Lebensgeschichten und gewähren Einblicke in ihren Alltag. Es sind fiktive Geschichten, die das breite Spektrum einer Querschnittlähmung realitätsnah aufzeigen. In den verschiedenen lebensnah eingerichteten Zimmern werden Alltagsthemen wie Beruf, Hobbys oder Partnerschaft behandelt.

Ausstellung soll sensibilisieren

Vielen Leuten ist laut der Stiftung nicht bewusst, dass es nebst der fehlenden Mobilität noch viele weitere Hindernisse im Alltag von querschnittgelähmten Menschen gibt. Für etwa 75 Prozent der Betroffenen ist der chronische Schmerz eine der grössten Einschränkungen. Aber auch das tägliche Katheterisieren und die regelmässige Darmentleerung gehören dazu. Die Ausstellung macht auf solche Themen aufmerksam.

Tetraplegiker Peter Roos, einer der vier Protagonisten («Stefan») und Mitarbeiter im ParaForum, ist es auch wichtig aufzuzeigen, «dass querschnittgelähmte Menschen in ganz normalen Wohnungen mit kleinen baulichen Anpassungen leben». Und nicht etwa in Institutionen. Er selbst lebt im realen Leben mit seiner Frau und drei Kindern in einer Wohnung in Egolzwil. «Wir haben einen Lift und ein grösseres Badezimmer als normal», erklärt er unserer Zeitung.

Interaktiv und multimedial soll die Jugend ansprechen

Das neue ParaForum hat auch den Zweck, die Klinik vom grossen Besucherstrom zu entlasten. Denn jährlich besuchen bereits heute 11 000 Personen das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (jeder dritte Haushalt in der Schweiz ist Mitglied der Gönnervereinigung der SPS und profitiert im Ernstfall). Unter den Besuchern sind 3000 Jugendliche. «Mit der interaktiven und multimedialen Ausstellung wollen wir unter anderem die junge Generation noch gezielter ansprechen», erklärt Agnes Jenowein, Projektleiterin des Besucherzentrums ParaForum. Schulklassen sind ein Zielpublikum. «Um die einzelnen Themen verständlich und gleichzeitig berührend zu inszenieren, war eine neue Form der Informationsvermittlung gefragt», erklärt Jenowein. Die Agentur Steiner Sarnen Schweiz AG, welche auch die Vogelwarte Sempach interaktiv gestaltete, hat die Idee mit der fiktiven Wohngemeinschaft entwickelt und umgesetzt. «Eine Querschnittlähmung bringt unzählige Facetten aus Alltag, Rehabilitation und Re-Integration in Familie, Beruf und Gesellschaft mit sich. Es war eine grosse Herausforderung, einige besonders eindrucksvolle Themen für die Ausstellung herauszufiltern», erklärt Jenowein.

Im Unterschied zu einer Ausstellung mit Plakaten, muss sich der Besucher noch stärker auf die Präsentation einlassen. «Mit offenem Herzen, Auge und Ohr», sagt Jenowein. Jeder Besucher erhält beim Eingang ein spezielles Gerät, ähnlich wie in gewissen Museen, das er oder sie sich um den Hals hängt. Wenn man vor einen der in der WG verteilten sogenannten Triggerpoints steht, hört man einen der vier WG-Bewohner etwas aus dem Alltag von Querschnittgelähmten erzählen. Und man kann selbst einiges erleben und ausprobieren. Es gibt Touchscreens, bei denen man sich in einen Rollstuhl setzen und Aufgaben in einer gewissen Zeit lösen muss. «Welche Farbe hat das Spülmittel», ist zum Beispiel eine der Fragen. Die Zeit läuft, und man muss mit dem Rollstuhl zur Küche und wieder zurück manövrieren. Gar nicht so einfach … In der WG gibt es auch Literatur und viele Fachinfos zum Thema. Wer hinausgeht, wird auf jeden Fall anders denken und viel mehr wissen über diese ernste Thematik, die jeden betreffen kann.

Baukosten durch Spenden und Lotteriefonds gedeckt

Der Bau des neuen Gebäudes startete im Februar 2018. Die Kosten von 8,7 Millionen Franken wurden ganz durch zweckgebundene Spenden sowie Beiträge der Lotteriefonds Luzern und Schwyz finanziert.

Ein Rundgang durch die Klinik, den ältere oder weniger digital affine Personen oft bevorzugen, ist übrigens nach wie vor auch möglich.

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Gabi Pozzi. (Bild: ben)

«Ich wünsche mir, dass man mich etwas fragt und nicht meine Begleitperson»

Gabi Pozzi (59) ist im realen Leben aufgrund eines Fahrradunfalls Tetraplegikerin. Im ParaForum spielt sie die 68-jährige Rentnerin Christine. Diese ist wegen Krankheit gelähmt.

Frau Pozzi, wie gefällt Ihnen als Betroffene das neue ParaForum?

Gabi Pozzi: Ich finde es sehr gut und gelungen, weil das ParaForum die Problematik der Querschnittgelähmten der Bevölkerung näherbringt. Bei der von mir dargestellten Christine wird ihre grosse Abhängigkeit von einem grossen Netzwerk an Personen gezeigt. Sie braucht diese alle, um ihren Alltag vom Aufstehen am Morgen über den Toilettengang bis zum Ins-Bett-Bringen bewältigen zu können. Die Spitex allein reicht da nicht.

Was wäre Ihr Wunsch an die Gesellschaft?

Ich wünsche mir, dass man mich als normalen Menschen behandelt. Dass man mich im Restaurant direkt fragt, was ich trinken will und nicht meine Begleitperson. Nur weil ich die Hände nicht bewegen kann, kann ich trotzdem kommunizieren.

Im ParaForum wird eine behindertengerecht eingerichtete Wohnung gezeigt. Ist es schwierig für Querschnittgelähmte, eine Wohnung zu finden?

Ich habe mich selbst einmal interessiert für eine Wohnung. Das Mehrfamilienhaus war erstellt, der Innenausbau noch nicht. Wir hätten den behindertengerechten Ausbau selber bezahlt. Doch der Bauherr meinte, es sei zu riskant, wenn er später alles wieder zurückbauen müsste. Das hat mich enttäuscht. Dabei könnte man eine solche Wohnung immer brauchen. Ich wünsche mir da eine grössere Sensibilität. (ben)

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