Gehirnwäsche bis zur Auslöschung

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Winston bekommt von O’Brien eine Gehirnwäsche verpasst, Syme und Charrington (in blutigen Metzgerschürzen) assistieren. Bild: mif

Die heutigen Überwachungsmethoden mögen technisch ausgefeilter sein. Und die Menschheit braucht keine Diktatur mehr. Mit Smartphone und Social Media führt sie sich gleich selber zur Schlachtbank möglicher Inquisitoren von Gedanken, Meinungen und Verhaltensformen. Ist George Orwells Big-Brother-Dystopie «1984» von 1948 damit überholt? Das Münchner Gastspieltheater A-gon zeigt: Nein.

Regisseur Johannes Pfeifer und sein Ensemble gestalten Überwachungs-, Beeinflussungs- und Kontrollmethoden und -mechanismen von Big Brother als satirisches Vorspiel. Überwachung ist Grundlage des Totalitarismus. Sein Zweck ist Macht. Die Zernichtung jeglicher Menschlichkeit, die Auslöschung des Menschen aus der Geschichte, ja die Leugnung, dass es Geschichte überhaupt gibt, ist Thema der Theateradaption.

«Big Brother, gibt es ihn wirklich? fragt die Hauptfigur. Die Frage ist müssig: «Big Brother, das ist die Partei. Und die existiert» – «Also so wie ich» – «Dich gibt es nicht!» Winston Smith – in seinen Ängsten und Hoffnungen facettenreich und nahbar gespielt von Jacques Breuer – ist als Gedankenverbrecher entlarvt. Zuerst wird er entmenschlicht, dann gnadenlos ausradiert. Dabei hat doch alles so verheissungsvoll angefangen.

Mit überspitzter Komik nämlich. Der gewaltige Televisor, der die Stadtsaalbühne beherrscht, sieht alles und schluckt alles. In bedrückend farblosem Grau möbliert der Bildschirm Smiths Existenz komplett aus. Das Bett ist bloss Schublade in diesem Wanzen- und Kamerakorpus. Doch ist das nötig? Schliesslich ist Winston Diener der Partei, schreibt im Ministerium für Wahrheit die Geschichte fortwährend um. Er säubert sie von unliebsam gewordenen Personen und Fakten. Im Kontrast zum blindwütig indoktrinierten Syme (Georg Stürzer), der die Widerspruchsmöglichkeit von Sprache mittels Neusprech und Doppeldenk komplett ausmerzen will, nutzt er allerdings Sprache noch als Denkinstrument.

Schneidende Celloriffs von Metallicas «Enter Sandman» bezeugen den Furor von Winstons Tagebuchnotizen – später die Unausweichlichkeit der tragischen Entwicklung. Der Gedankenverbrecher findet in der rebellischen Julia – wunderbar lustvoll und geerdet gespielt von Isabel Kott – eine Geliebte in Körper und Geist. Die selbstbestimmte Sexualität des Paars ist wider die Doktrin und muss geheim bleiben. Gemeinsam wollen sich die beiden der Widerstandsbewegung von Emmanuel Goldstein anschliessen. O’Brien, Mitglied der inneren Partei, scheint ein Eingeweihter des Widerstandes zu sein.

Das Publikum leidet mit dem Helden

Der vermeintlich Verbündete entpuppt sich jedoch als skrupelloser Erfüllungsgehilfe der Partei. Als Antikörper, mit dem das Gewaltsystem gegen jegliche Kritik geimpft ist, hat er das kritische Manifest Goldsteins gleich selber verfasst. Es ist als Köder für Leute wie Winston und Julia ausgelegt. O’Briens Maske fällt pünktlich zur Pause.

Im zweiten Teil geht es ans Eingemachte. Das Kammerspiel zwischen O’Brien und Winston ist atemberaubend inszeniert. In blutigen Metzgerschürzen traktieren Syme und der seelenfischende Antiquar Charrington (Christian Buse) Winston mit ihren Folterinstrumenten. Die Gehirnwäsche ist nicht nur eine geistige, sondern auch eine körperliche. Sie dreht sich dem Publikum wie eine endlose Schraube ins Hirn. «Dein Gehirn zerstören wir erst, wenn es uns wieder gehört», sagt O’Brien. Das System will keine Märtyrer. Nur wer Big Brother aufrichtig liebt, darf sterben und erhält das Privileg, nie existiert zu haben.

Orwells dystopische Gesellschaftsanalyse gerinnt dank eines brillant aufspielenden Ensembles zur läuternden Theatererfahrung. Winston verrät am Ende Julia, indem er wünscht, dass ihr das Leid geschieht, das ihm zugedacht ist. Sie tut es ihm gleich. Hoffnung bleibt keine. Totalitarismus zu Ende gedacht, negiert alles, wofür der Mensch steht. Er ist das Ende der Geschichte. Im daraus resultierenden Aufruf, gegen solche Tendenzen zu opponieren, liegt die Aktualität George Orwells. Das hat das Theater A-gon eindrücklich aufgezeigt.

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