Per Gynt: Troll auf der Flucht nach vorn

251019_reg_peer_gynt8922_mif.JPG
Kaiser in der Irrenanstalt: Peer Gynt lässt nichts aus. (Bilder: mif)
251019_reg_peer_gynt8912_mif.JPG
Bild: mif

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist Peer Gynt, der auf dem Bett die Peitsche schwingt. Seine sterbende Mutter Aase geleitet er auf einem imaginären Schlitten zu ihrem letzten Fest. Das ist er ihr auch schuldig. Zwar ist sie es, die ihn gelehrt hat, Wolkenschlösser zu bauen, um der familiären Tristesse mit einem alkoholkranken Vater zu entfliehen. Dass der unbeholfene Bauernsohn in der Folge zum notorischen Phantasten geworden ist, hat sie bitter bezahlt.

Eskapismus in grossen Worten und grellen Farben

Turnend und schwitzend spielt Aaron Hitz den latzbehosten Hochstapler. Naiv im Gemüt fantasiert er sich mit ausholenden Gesten in Abenteuer und Zustände hinein. Sei es, dass er auf des Rentiers Rücken den Fjord hinunterdonnernd in sein Spiegelbild im Wasser hineinstürzt. Sei es, dass er die Braut Ingrid tollkühn von der Hochzeit raubt – und sie wieder sitzen lässt. Ob in Traumgebilden oder in der Realität, Peer Gynt ist sich stets selbst voraus. Keine Selbsterkenntnis kann ihn je einholen. Erkennbar ist die Person hinter diesen Maskeraden einzig noch in der hellsichtigen Liebe der Aussenseiterin Solveig. Antonia Scharl spielt die Frau, der Gynt unentwegt davoneilt, mit einer scheuen Naivität, die stets glaubt, was sie sagt.

Das Bühnenbild, das das von Musik und Theater Zofingen programmierte TOBS in den Stadtsaal mitgebracht hat, könnte dem manischen Hochstapler durchaus als Frischluftkammer dienen. Seitwärts angebrachte Panels gehen Lüftungsklappen gleich auf und zu. Die innen verspiegelten Flächen sind Sinnbild für einen Angstgepeinigten, der im Spiegelkabinett seines Ichs gefangen ist. Sich in andere einzufühlen, ja gar Verantwortung zu übernehmen, dafür wäre durchaus Gelegenheit. So blitzt noch so etwas wie zärtliche Sorge in Gynt auf, als er die von Barbara Grimme feinnervig, aber kraftvoll gespielte Mutter Ase in den Tod begleitet. Das Begräbnis lässt er dann aber doch andere ausrichten.

Buntes Theater bis hin zur Travestie

Regisseurin Katharina Rupp hat das Stück opulent und mit farbenprächtigen Kostümen angerichtet. Als Gynt sich auf der Alp an den Brüsten dreier Sennerinnen labt, wird der Abend gar zur Travestie, sind die Gespielinnen doch nichts anderes als ein obszön agierendes Männertrio in Frauenstaat. Einen Pakt geht der zweifelhafte Held schliesslich mit den missgebildeten Trollen ein, deren Prinzessin er schwängert. Statt zum «Sei du selbst» hat er sich zum «Sei dir selbst – genug» verpflichtet. Egomanie ist seiner verkrüppelten Seele fortan das erste Gebot.

In mehreren Zeitsprüngen begegnet das Publikum Peer Gynt nun auf unterschiedlichen Karrierestufen. Bis fast zur Unverständlichkeit gerafft hat das TOBS den Text in der Momentaufnahme des rücksichtslosen Waffenhändlers. Umso träfer ist die Szene, die ihn als lüsternen Propheten zeigt, der von der Beduinenschönheit Arnita (Atina Tabé, die auch die Trollprinzessin spielt) eiskalt ausgenommen wird. Offensichtlich ist der Motor des alternden Mannes ins Stottern geraten.

Zum Kaiser wird er dennoch. Wenn auch nur in der Irrenanstalt von Dr. Begriffenfeld (Anjo Cernich) zu Kairo, wo ihm als Märtyrer des Wahnsinns die Dornenkrone aufgesetzt wird. Nun reist Peer Gynt doch endlich heim. Dass er unterwegs das Leben eines Matrosen opfert, um sich vor dem Ertrinken zu retten, erhöht sein Sündenregister unwesentlich. Als er in die Zwiebel beisst, Schale für Schale entfernt und doch keinen Kern findet, dämmert ihm, dass er selber nur aus übereinandergelegten Häuten besteht. Dem Teufel vermag er noch von der Schippe zu springen. Dem Knopfgiesser taugt er knapp als Einschmelzmasse. Dass er nur in den Vorstellungen Solveigs je er selbst war, vermag diesen nicht zu überzeugen.

Das tolle, wandlungsfähige Ensemble des TOBS hält sich nicht an den Verfehlungen Gynts auf, sondern illustriert in poetischen bis deftigen Traumbildern Gynts inneres Drama. Das macht die Figur ganz und gar zeitgemäss. Mehr sein zu wollen und dabei stets nur um sich zu kreisen, schafft im Kern ein Vakuum. Gesteigerte Aktivität verstärkt den Sog nur. Als Metapher für den sich selbst optimierenden Menschen, der sich mehr um Selbstdarstellung bemüht als bloss zu sein, funktioniert das voll und ganz.

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.
Keine Kommentare vorhanden
Heute auf zofingertagblatt.ch
Frage des Tages
Marktplatz
regiostellen.ch
agon-sports AG
Service Techniker Fitnessgeräte, Mitarbeiter, Zofingen
Schmerz Zentrum Zofingen AG
Putzfee für Arztpraxis, Mitarbeiter,
Revimag Treuhand AG
SachbeareiterIn Treuhand, Mitarbeiter, Dagmersellen
Notarait Dr. Widmer Nachfolger B.Fässli
Kaufm. Mitarbeiterin, Mitarbeiter,
Revimag Treuhand AG
SachbearbeiterIn Treuhand 80-100%, Mitarbeiter, Dagmersellen
Caravan Werkstatt Wälti
Caravan-Mechaniker/in / Kauffrau/Kaufmann, ,
regioimmo.ch
Abo-Service

Normal-Abo (e-Paper/Digital inkl.)

Schnupper-Abo / Probe-Abo

Digital-Abo

Leserangebote
Partner