«Die Grünen sind bereit für den Bundesrat»

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Wieder im Bundeshaus: «Das altbackene Image der SP ist vielleicht ein Problem.»

Herr Wermuth, der Bezirk Zofingen schickt Sie mit drei SVP-Vertretern nach Bern. Wie fühlt sich das an?

Cédric Wermuth: Nicht viel anders als vorher. Kantonal hat die SVP einen Sitz weniger, das ist entscheidend. Wir sind sehr stolz auf unser Ergebnis im Bezirk und im Kanton. Wir haben praktisch als einzige SP-Kantonalpartei zugelegt. Ich war im Bezirk leider alleine auf der Liste. Das muss sich meine Partei zu Herzen nehmen. Wir müssen aufpassen, dass sich die Ostdominanz nicht zu stark durchsetzt.

Der Kanton ist und bleibt auch nach diesen Wahlen bürgerlich. Besonders auch in Zofingen.

Das haben wir immer gewusst. Wir arbeiten daran, dass sich dies ändert. Mal schauen, wie das in zehn Jahren aussieht. Aber ich habe in der Stadt Zofingen das beste Resultat der Ständeratskandidaten erzielt – notabene als Neu-Zofinger. Das hat mich berührt und dafür will ich mich ganz herzlich bedanken. Meine ganze Familie fühlt sich sehr gut aufgenommen in der Stadt und der Region, das ist sehr schön.

Im Ständeratsrennen sind Sie aber gescheitert. Grünen-Präsident Daniel Hölzle sagt: Die SP habe auf das falsche Geschlecht gesetzt. Es war schon im Vorfeld klar, dass dieses Jahr aus linker Sicht Frauen an der Reihe sind.

Nein. Rot-Grün ist mit einer Frau und einem Mann angetreten, wie eigentlich immer. Wer hätte gewettet, dass unter den vier Topplatzierten zwei Linke sind? Die Strategie ist exakt aufgegangen. Ich habe besser abgeschnitten als in den Umfragen. Und Ruth Müri hat besser abgeschnitten, als wir uns das erträumt hätten. Es war klar, dass wir uns die Frage stellen müssen, wer sich zurückzieht. Und wenn man den Sitzgewinn im Nationalrat dazunimmt, ist die Strategie voll aufgegangen.

Sie haben deutlich mehr Stimmen als Müri. Warum soll sie es nun schaffen?

In zweiten Wahlgängen werden die Karten neu gemischt. Rot-Grün hat das Ergebnis gemeinsam erzielt. Die Grünen haben unserer Listenverbindung zum Durchbruch verholfen. Zusammen mit den Regierungsratswahlen, wo Yvonne Feri antritt, kann man in einer Partnerschaft nicht immer alles beanspruchen. Jemand musste den Schritt machen und diesen Teil der Verantwortung tragen.

Eigentlich geben Sie damit den Ständeratssitz auf. Denn Müri wird es wohl nicht schaffen.

Mal schauen, was nun noch drinliegt. Es gibt seit Sonntag eine ganz neue politische Dynamik in diesem Land. Es war eine Klimawahl und eine Frauenwahl. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Aargau im Ernst das Duo Knecht-Burkart in den Ständerat und Gallati in den Regierungsrat wählen will. Das wäre nicht Stillstand, sondern Rückschritt. Wir versuchen unsere Chance zu packen.

Ihnen wird – nicht ganz zu Unrecht – vorgehalten, Sie scheuten die Niederlage und seien um Ihr Image bedacht.

Es war der schwierigste politische Entscheid, den ich je gefällt habe. Eine reine Image-Entscheidung hätte meine Partei nicht akzeptiert. Es hat einen schmerzvollen Prozess und zwei Tage gebraucht. Es war nicht einfach, dies meinem Team mitzuteilen. Ich wäre lieber nochmals angetreten. Aber es ist der richtige Entscheid für Rot-Grün. Es war klar, das meine politische Gegner mir jeden Entscheid im Mund umdrehen: Entweder wäre ich der unverbesserliche Macho, oder jetzt halt der, der sich aus Imagegründen zurückzieht. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die weitgehend vom Freisinn kontrollierten Medien in diesem Kanton die Debatte über meine Person nicht sachlich führen können.

Seien wir ehrlich: Sie wussten von Anfang an, dass Sie mit Ihrem Profil bei der Ständeratswahl chancenlos sind und Sie im zweiten Wahlgang nicht mehr antreten. Es war doch einfach Parteistrategie mit einem Wermuth-Wahlkampf die Nationalratsliste noch besser zu fördern. Das zumindest ist aufgegangen.

Wir wussten, dass Pascale Bruderer ein einzigartiges Phänomen war. Die SP hat im Aargau seit 1848 nur zweimal einen Ständeratssitz geholt. Unsere Chance war klein. Jetzt haben wir ein Resultat über dem doppelten Wähleranteil der SP geholt. Und klar: Ein Teil der Gesamtstrategie war die Stärkung der Nationalratsliste. Ich habe meinen Teil nicht vollständig erfüllt, diese Verantwortung nehme ich vorbehaltlos auf mich, da ist niemand anderes schuld. In der Politik können Sie nichts machen, wenn Sie nicht auch Niederlagen in Kauf nehmen,

Und SVP-Kandidat Knecht hat aber keinen berauschenden Wahlkampf hingelegt.

Die SVP darf man nicht unterschätzen. Die Partei ist halt wirklich sehr gut bei den Menschen verankert. Der grosse Verlierer des Wahltages ist der Freisinn, welcher der Überzeugung war, der Ständeratssitz stehe ihm quasi aus aristokratischem Geburtsrecht zu. Jetzt hat die FDP einen Sitz verloren und Burkart hat unter den Erwartungen abgeschlossen.

Warum war ein derart egozentrischer Wahlkampf nötig?

Es war überhaupt kein egozentrischer Wahlkampf. Ich kenne keinen Wahlkampf, bei welchem so viele Leute auf der Strasse mitgemacht haben. Am Schluss waren über 5500 Menschen in unserem Komitee.

Aber er war sehr auf den Kopf Wermuth fokussiert.

Ständeratswahlen sind immer personalisiert. Wir waren zum Beispiel die einzige Partei, die mit einem Plakat angetreten ist, auf dem der Kandidat nicht alleine war. Wir haben auf den Kontakt zu Menschen gesetzt statt auf viele Plakate und Inserate und wir haben als Einzige neue Themen gesetzt. Die Lobby-Diskussion wurde gar national aufgenommen. Es geht nicht um meine persönliche Politkarriere, das ist komplett irrelevant. Es ist die Frage, welche Politik wir in diesem Land voranbringen.

Wäre ein solcher Mobilisierungswahlkampf nicht auch mit Feri möglich gewesen?

Warum nicht? Aber das werden wir nie wissen. Die Partei hat sich entschieden, auf dieses Modell zu setzen. Und es hat funktioniert.

Was hat Sie ganz generell an diesem Wahlsonntag – ausserhalb des Kantons Aargau – am meisten überrascht?

Negativ die Abwahl von Corrado Pardini und Adrian Wüthrich in Bern. Beide kenne ich persönlich, beide wurden nicht als Politiker abgewählt, sondern hatten einfach Pech. Positiv die Linksverschiebung – mit einer klaren grünen Dominanz, die ich vorbehaltlos anerkenne. Wir haben auf eine Verschiebung gehofft. Dass sich nun die Klimabewegung und die Frauenfrage so nachhaltig durchsetzen, ist absolut erfreulich. Dieses Land lässt sich verändern – das gibt Hoffnung.

Die Sozialdemokraten haben in den letzten Jahren die Grünen als Juniorpartner oft kleingeredet. Hat es sich nun gerächt, dass sie die Ökopartei unterschätzt haben?

Möglich. Das würde ich nicht in Abrede stellen. Die Kräfteverhältnisse im linken Lager haben sich verschoben. Die SP ist klar grösser, wenn sie in den Ständerat oder die Kantone schauen. Aber die Grünen sind keine kleine Protestpartei mehr, sondern im Zentrum der politischen Macht angekommen. Wir Sozialdemokraten und das ganze politische System müssen den Aufstieg der Grünen dementsprechend ernst nehmen.

Sollen die Grünen im Dezember einen Bundesrat erhalten?

Die Grünen sind bereit für den Bundesrat. Sie haben sowohl die Grösse, wie auch das Personal. Wir werden zusammen mit den Grünen gut überlegen müssen, wie und wann man eine solche Wahl anstrebt. Der richtige Zeitpunkt ist eine offene Frage. Schon im Dezember oder erst bei einer Vakanz? Aber die Vierer-Mehrheit von SVP und FDP im Bundesrat ist nicht mehr zu rechtfertigen.

Auf welche Kosten ginge der Grünen-Sitz? Was wäre die neue Zauberformel?

Das werden wir anschauen müssen. Deutlich übervertreten ist klar der Freisinn.

Aber die FDP hat ihre beiden Bundesräte erst kürzlich ersetzt.

Genau das ist ein Problem. Ich persönlich schliesse allerdings auch Abwahlen bei Bundesräten nicht aus, sonst müssten wir ja nicht wählen. Die Grünen müssen letztlich entscheiden, ob und wann sie antreten. Für mich ist klar, dass man den Anspruch der Grünen ernst nehmen muss. Auf Kosten der SP würde allerdings überhaupt keinen Sinn machen, dann ändern sich die Kräfteverhältnisse nicht.

Die SP hingegen ist in der Krise. Warum?

Kurzfristig haben die Themen Klima und Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Wobei die Frauenfrage sich bei uns auch niedergeschlagen hat. Dass die Grünen vom Klima-Thema profitieren, ist richtig und legitim. Dass man nach einer 30-jährigen Vernachlässigung dieses Themas nun mit den Klimastreiks grün wählt, nehme ich niemandem übel. Das ist ein klarer thematischer Auftrag der Bevölkerung für die nächsten vier Jahre. Kurzfristig hätte die SP nicht viel anders machen können. Diese Themenkonjunktur kann man nicht beeinflussen. Und ich habe ja auch grosse Freude an dieser Klima-Bewegung. Für Detailanalyse bei uns ist es allerdings noch zu früh. Sicher ist, national kann die SP nicht einfach ohne Diskussion zur Tagesordnung übergehen. Die Botschaft des Sonntags war: Der politische Wandel findet statt, wird aber nicht überall mit der SP in Verbindung gebracht. Das muss uns zu denken geben.

Die SP hat wohl in den letzten Jahren zu lange mit einem altbackenen Image zu stark nur auf die soziale Frage gesetzt.

Nicht die soziale Frage ist das Problem, vielleicht das altbackene Image. Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir mit neuen Kräften in beiden Basel, im Wallis, in Graubünden und Aargau erfolgreich sind. Diese Frage wird sich die Partei stellen müssen. Sie ist nicht von der Hand zu weisen.

Präsident Levrat wird abtreten. Wer soll ihm folgen?

Das werden wir dann besprechen, wenn dieses Szenario Realität wird.

Unter den Deutschschweizer Männern wären Sie einer der Top-Favoriten. Wurmt es Sie, dass nun wohl eine Frau dran ist?

Ich nehme vor allem zur Kenntnis, dass wieder mal die Journalisten vor der Partei wissen, was diese zu tun hat. Wir werden die Frage dann klären, wenn sie sich stellt.

Wäre nicht eine Frau an der Reihe?

Ich äussere mich dazu nicht, bis der Präsident zurücktritt.

Es wird nun spekuliert, sie könnten im Co-Präsidium mit Mattea Meyer antreten. Ist das eine Option?

Ich bin ganz generell offen für die Idee eines Co-Präsidiums, wir haben im Aargau sehr gute Erfahrungen gemacht damit.

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