Literaturtage Zofingen: Norwegens Fjorde gründen tief

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Obwohl sie der Angst mit gewitztem Humor begegnet, ist sie doch der Motor ihres Schreibens: Krimiautorin Unni Lindell (Mitte) mit Übersetzerin Elke Ranzinger (l.) und Moderatorin Britta Spichiger (r.). Bilder: Michael Flückiger
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Bjørn Ousland fesselt mit seiner dramatisch-lustigen Performance.

Vor anderthalb Jahren waren sie mit der «Fram» aus Norwegen aufgebrochen, und seit neun Monaten waren sie zusammen mit Skiern unterwegs und teilten sogar den Schlafsack. Da sagte Fridtjof Nansen zu Hjalmar Johansen: «Wollen wir uns duzen?» So lange wie in Bjørn Ouslands Buch über Norwegens berühmten Polarforscher mit dem Titel «Reise ins ewige Eis – wie werde ich Polarforscher», hat es an den Literaturtagen Zofingen nicht gedauert, bis das literaturinteressierte Publikum und die sechs Autoren Gunstein Bakke, Helga Flatland, Johan Harstad, Ida Hegazi Hoyer, Unni Lindell und besagter Bjørn Ousland einander nähergekommen sind. Zumal sich seit 1894 einiges geändert hat und die Norweger einander heute alle duzen.

Kraftvolle Fiktion, abwegige Perspektiven und Gedankenblitze

Bereits die erste Doppellesung mit Johan Harstad und Gunstein Bakke wirft das Publikum ins pralle Leben und verblüfft mit aufrüttelnd ungewohnter Perspektivik. Harstads fast 1300 Seiten dicker, über einen Zeitraum von sieben Jahren akribisch recherchierter und innerhalb dreier Jahre niedergeschriebener Ziegel «Max, Mischa und die Tet-Offensive» ist ein Buch, das vor lauter Geschichten innerhalb der Rahmenhandlung nur so strotzt. Der nach dem Strukturprinzip von militärischen Operationen orchestrierte Roman um den in die USA emigrierten und dort heimatlos gewordenen Theaterregisseur Max und die bildende Künstlerin Mischa ist von einer unglaublichen Dichte. Der für dieses Buch von weltliterarischem Rang gefeierte Autor verrät Moderatorin Andrine Pollen Erstaunliches: Er hat die Künstlerin Mischa nicht nur erfunden. Er hat während dreier Monate auch gleich deren Kunstwerke, Bilder von Waschmaschinen, hergestellt, um die Figur möglichst plastisch darstellen zu können. «Ich konnte so drei Monate lang dem Schreiben entfliehen», meint er lakonisch dazu.

Sein Autorenkollege Gunstein Bakke hat sich dabei erwischt, dass er Autos wie eigene Wesen ansieht und sich in deren Scheinwerfer versteift, statt den Personen am Steuer den obligaten Kontrollblick zuzuwerfen. Das hat ihn zu Maud und Aud inspiriert. In diesem Roman sind Auto und Verkehr selbst Subjekte der Handlung. «Die Personen Maud und Aud und deren Vater Jon Berre haben mich gar nicht interessiert», meint er trocken. Die gelesenen Passagen verdeutlichen, wie Bakke mit seinen überraschenden Perspektivwechseln ungekannte Gedankenblitze auslöst. Die Erkenntnis, dass es abstrus ist, Bär und Wolf mehr zu fürchten als das Auto, lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

Ida Hegazi Høyer erzeugt, wie Moderator Hans-Ulrich Probst bemerkt, in ihrem Roman «Trost» eine analytisch distanzierte Nähe zu ihrer Figur, einer namenlosen Frau, die in den Städten Lissabon, Berlin und Brüssel promiskuitiv körperlich intime Beziehungen eingeht. Die Lesung zieht das Publikum mit seiner achtsamen, literarischen Sprache in ihren Bann. Die Autorin erläutert: «Mir geht es darum zu erforschen wie sich diese Figur an einem neuen Ort, wo sie niemand kennt, ihre Identität neu erfindet. Die körperliche Intimität ist dabei lediglich der zentrale Katalysator dazu.»

«Wir lassen uns scheiden», teilt der doch schon 70-jährige Vater seinen erwachsenen Kindern Liv, Ellen und Håkon in Helga Flatlands Roman «Ein moderne Familie» mit. Die multiperspektivische Analyse des ins Wanken geratenen Selbstverständnisses der erwachsenen Kinder enthüllt in detektivischer Manier, wie sich jedes der Geschwister in seinem jeweiligen Rollenverständnis verfangen hat. «Mich hat es interessiert, wie diese Krise die Identität der Figuren aufbricht und sie in der Beziehungsarbeit ihr Selbstverständnis auf neue Füsse stellen müssen, verrät die Autorin.

Im Gespräch mit der Königin des norwegischen Krimis

Unni Lindell, die Königin des norwegischen Krimis, hat den blanken Horror vor den in Norwegen so beliebten Campingausflügen. Wie sie Moderatorin Britta Spichiger mit Schalk erklärt, habe sie bereits als Sechsjährige daran gedacht, wie einfach es für jemanden wäre, sie durch die dünne Zeltwand zu erstechen. Die Angst sei der Motor ihres Schreibens, so auch im Roman «Im Wald wirst du schweigen», wo eine Frau auf einer verlassenen Militärbasis zunächst von einer Drohne beobachtet und schliesslich ermordet im Zelt aufgefunden wird. Ihr Credo, dass der Krimi die idealtypische Form sei, um gesellschaftspolitische Themen in einem spannungsgeladenen Feld aufzugreifen, bleibt haften.

Die Live-Zeichenperformance des Autors Bjørn Ousland entführt einen direkt an den Polarkreis. Mit schnellen Strichen und grossen Gesten entwirft er ein grandioses Bild davon, wie Fridtjof Nansen und sein Begleiter daran scheitern, den Nordpol zu erreichen und am Ende doch als Helden heimkehren. Die erzählte Zeit gefriert hier zu einem Eisblock in langsamer Drift.

So unterschiedlich die geladenen norwegischen Autoren und ihre Werke auch sind. Sie stürzen geradezu in abenteuerliche Umstände, Perspektiven und Mordgeschichten hinein. Doch verfallen sie keineswegs dem Eskapismus. Wie von einem Gummiband gehalten suchen sie in der Peripherie den Umkehrpunkt. Das verleiht ihnen Schwung, um nur so zielstrebiger ins Herz aktueller gesellschaftspolitischer Debatten hineinzuschnellen.

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