Bakterien im Essen und brennende Akkus: Immer mehr Konsumgüter müssen zurückgerufen werden

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Die Migros ruft diesen Gorgonzola-Käse wegen Listerien zurück. © Keystone/obs/Migros-Genossenschafts-Bund
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Eine Übersicht über die letzten zurückgerufenen Produkte in der Schweiz. © Grafik: Lea Siegwart

Was haben der «Wickeltisch Sundvik» von Ikea, die «Stirnlampe On Night 410» von Decathlon und das Milchprodukt «Gorgonzola e Mascarpone» von der Migros gemeinsam? Es sind alles Produkte, die aus Sicherheitsgründen vor kurzem zurückgerufen werden mussten – wegen Sturzgefahr durch ein instabiles ausklappbares Teil, Brandgefahr des Akkus oder im Produkt enthaltenen Listeriose-Bakterien.

Die drei Beispiele sind keine Einzelfälle. Allein im laufenden Jahr veröffentlichte das Eidgenössische Büro für Konsumentenfragen (BFK) bereits 100 Rückrufe. Das ist mehr als in Vorjahren. Die Produktpalette reicht dabei von Lebensmitteln, über Möbel und Sportgeräte bis hin zu Elektronikartikeln.

An und für sich sind Rückrufe etwas Gutes. Konsumentinnen und Konsumenten werden so vor fehlerhaften Produkten gewarnt, die ihre Gesundheit oder Sicherheit gefährden könnten. Hersteller und Verkäufer sind gesetzlich zur Selbstkontrolle ihrer Produkte verpflichtet. Entdecken sie einen Problemfall im Sortiment, müssen sie dies den Behörden melden. Das Produkt wird in der Folge zurückgerufen und vom Markt genommen.

In heiklen Fällen publizieren die Behörden eine öffentliche Warnung. Allerdings stellt sich dabei die Frage, ob die Rückrufe und Warnungen bei den Konsumenten überhaupt ankommen – die Wenigsten werden die Mitteilungen des BFK oder des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) abonniert haben.

Migros, Coop, Aldi und Lidl nutzen unterschiedliche Kanäle

Auf welchen Kanälen werden die Rückrufe und Warnungen von Unternehmen und Behörden also gestreut und wie viele Leute werden dadurch erreicht? Eine Umfrage bei den vier grossen Lebensmittelhändlern Migros, Coop, Aldi und Lidl bringt Folgendes zu Tage: Alle vier Unternehmen informieren ihre Kunden via Homepage, Medien und soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Aldi und Lidl nutzen zudem Hinweisschilder in den Filialen, Migros und Coop die hauseigenen Zeitungen Migros-Magazin und Coop-Zeitung. «Im Falle eines Rückrufs wird alles unternommen, damit möglichst alle Kunden schnell informiert werden», sagt ein Coop-Sprecher. Wie gross die Reichweite sei, lasse sich jedoch nur schwer abschätzen, lautet der Tenor der Händler. Dem schliesst sich das BLV an. Das Amt kommuniziert Warnungen für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände über Medienmitteilungen, Newsletter und Twitter. Rückrufe schalte es «als freiwillige Dienstleistung» auf der Homepage auf.

Auch wenn man den Händlern ihre Bemühungen nicht absprechen kann, ist klar, dass die Warnungen längst nicht alle Betroffenen erreichen. Der Verzehr der problematischen Produkte würde in den allermeisten Fällen zwar nicht zu lebensbedrohlichen Beschwerden führen, beispielsweise ein Joghurt mit Glassplitter zum Frühstück kann aber doch verheerend sein.

In solch heiklen Fällen aktivieren Migros und Coop deswegen noch einen weiteren Kanal: Sie informieren ihre Cumulus- und Supercard-Kunden, von denen sie die Adressdaten haben, direkt mit einem Schreiben. «Dank dieser Rückruf-Schreiben gehen wir grundsätzlich von einer hohen Reichweite aus», sagt der Coop-Sprecher. Die Stiftung für Konsumentenschutz beurteilt die Situation freilich alles andere als ideal. Geschäftsführerin Sara Stalder kritisiert in erster Linie die Behörden:

Unternehmen wüssten zudem häufig gar nicht, bei welchem Amt sie sich diesbezüglich melden müssten. Manche würden deshalb auf eigene Faust agieren und den Rückruf als Werbe-Aktion nutzen: «Auf diese Weise können sie sich als transparente Unternehmen profilieren, denen die Sicherheit und Gesundheit der Kunden am wichtigsten ist.» Ebenfalls problematisch sei, dass die Ämter BFK und BLV in der Bevölkerung zu wenig bekannt seien und sich kaum jemand auf deren Webseiten über Produktrückrufe informiere.

Seit längerem drängt die Stiftung deshalb auf einen Anschluss der Schweiz an die beiden Schnellwarnsysteme der EU «Rapex» (Konsumgüter) und «Rasff» (Lebensmittel und Futtermittel). Bei diesen würden alle betroffenen Länder, in denen es das entsprechende Produkt gibt, rasch über den Rückruf oder die Warnung informiert. Sämtliche Rückrufe aus allen Mitgliedstaaten würden zudem transparent veröffentlicht. «Da Produkte aus der Schweiz auch in der EU verkauft werden und umgekehrt, wäre eine Zusammenarbeit sinnvoll und natürlich überfällig», sagt Stalder. Dies wird derzeit aber von den Verhandlungen zum Rahmenabkommen blockiert.

Behörde wehrt sich gegen Kritik vom Konsumentenschutz

Auf die Kritik angesprochen, findet Matthias Gehrig, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BFK, relativierende Worte: «Die Zuständigkeiten sind klar, uns ist auch kein Wildwuchs bezüglich Vorschriften in den verschiedenen Branchen bekannt.» Die Meldungen würden vom BLV, BFK oder den kantonalen Lebensmittelvollzugsbehörden jeweils prioritär behandelt und «so rasch wie möglich» publiziert. Zu möglichen Werbe-Aktionen meint Gehrig:

Die Bekanntheit der zuständigen Ämter ist aus seiner Sicht gut. Momentan arbeite man dennoch an Massnahmen, welche die Bekanntheit bei den Konsumentinnen und Konsumenten erhöhen sollen.

Auffallend ist, dass die Zahl der Rückrufe in den letzten zehn Jahren stark gestiegen ist. 2018 publizierte das BFK 93 Rückrufe, ein Jahr zuvor 68 und zehn Jahre zuvor erst 26. Woran liegt das? Sind die Qualitätsstandards gegenüber früher höher? Oder die Produkte aufgrund immer komplizierterer und undurchsichtigerer Lieferketten schlechter?

Mögliche Faktoren sind laut Gehrig unter anderem die höhere Produktvielfalt, der höhere Kosten- und Wettbewerbsdruck, die höhere Komplexität der Wertschöpfungsketten und die raschere Markteinführung von Produkten. Zugleich hätten wahrscheinlich die Qualitätsstandards und das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen zugenommen. Sicherheitsvorschriften hätten sich in den letzten Jahren nur unwesentlich verändert.

Höhere Qualitätsstandards und Reputationsgründe

Ruft ein Händler ein fehlerhaftes Produkt zurück, können also mehrere Gründe dahinterstecken, von hohen Qualitätsanforderungen bis Reputationsbemühungen. So heisst es etwa bei Migros, dass sie ein Produkt lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zurückruft. Die Kundschaft würde die Transparenz schätzen. Im laufenden Jahr hat Migros 15 Rückrufe durchgeführt.

Zum Vergleich: Coop führt pro Jahr 1 bis 8 Rückrufe durch, Aldi Suisse nur 1 bis 2. Lidl Schweiz hat im laufenden Jahr bislang 3 Produkte zurückgerufen. Über die Rücklaufquote führt keines der Unternehmen eine Statistik. Bei Migros heisst es einzig: «Wir spüren, dass die Kunden ein fehlerhaftes Produkt, das eher teuer ist, in der Tendenz vermehrt zurückbringen als ein günstiges.»

Hier informieren Sie sich über Rückrufe

Das Eidgenössische Büro für Konsumentenfragen informiert auf seiner Webseite über die Rückrufe in der Schweiz.  

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