Aargauer Kunsthaus: Gegen das Echo der heutigen Zeit

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Jan Hofer hängt im Vorfeld der Ausstellung 468 Fliesen an die Wände seines Raums im Aargauer Kunsthaus. © Severin Bigler

Jan Hofer steht vornübergebeugt vor der Wand. In der rechten Hand hält er einen Bleistift, in der linken ein Stück Holz, das zuvor exakt abgemessen wurde. Er benutzt es als Massstab, um die Wand in gleich lange Stücke zu teilen. Hofer orientiert sich an der roten Linie, die das Lasermessgerät an die gesamte Länge der Wand wirft und die schliesslich in einem wirren Kreuz auf den Falten seiner roten Jacke landet. Mit jedem Bleistiftstrich, den er an die Wand zeichnet, erklingt ein leises Schaben, das rhythmisch durch den Raum im oberen Stockwerk des Aargauer Kunsthauses wandert.

Es ist Millimeterarbeit, die der Künstler beim Aufstellen seiner Arbeit betreibt. Der 31-jährige Zürcher ist dieses Jahr Gast der Jahresausstellung «Auswahl 19», bei der Aargauer Künstler ihre Werke zeigen. Hofer hat sich dafür ein Projekt ausgesucht, an dem er schon seit mehreren Jahren arbeitet: «The New New Material».

Das neue Material ist über hundert Jahre alt

Der Name lässt Beton vermuten, futuristische Materialien und Formen. Doch ein Blick an die Wand zeigt einfache, quadratische Platten in Erdtönen. Eine Wand ist schon fertig, sie ist fast komplett mit den Platten behängt. Die anderen Platten liegen noch eingepackt auf einer Europalette. Noch ist es nicht ersichtlich, aber bald werden alle vier Wände des Raums rundum mit dem «New New Material» ausgekleidet sein, 468 Platten sind es insgesamt.

Das Material, bestehend aus pflanzlichem Material und Ton, ist im 20. Jahrhundert für Kirchen erfunden worden. Beim Brennen der Platten verbrennt das pflanzliche Material und bildet in den Tonfliesen so Luftlöcher, welche Schall absorbieren. «Es dient der Verständlichkeit der menschlichen Sprache», so Hofer. Das Echo wird durch die Lufteinschlüsse absorbiert, die Sprache klingt klarer. Die sogenannte Rumford-Fliese erlebte nach einen kurzen Boom, bevor sie nach nur wenigen Jahren wieder verschwand.

Dieses damals neue Material will Jan Hofer wieder aufleben lassen. «Die Idee hatte ich 2016, als ich für eine Ausstellung im Zimmermannhaus in Brugg angefragt wurde», erinnert er sich. Beim Besuchen des Ausstellungsorts sei ihm die Doppelfunktion aufgefallen: «Der Raum wird nicht nur für Ausstellungen, sondern auch für Kammermusikkonzerte benutzt», so Hofer. Er begann, sich mit dem Thema Akustik auseinanderzusetzen und wurde durch einen Podcast auf die Rumford-Fliese aufmerksam.

Zwei Jahre bis zum richtigen Rezept

Die ersten Versuche misslangen – im Zimmermannhaus konnte er die Platten nicht aufhängen, weil sie beim Auspacken sofort zerbröselten. «Ich habe das Originalpatent von 1914 gefunden, aber das ist natürlich keine exakte Rezeptur», sagt er. Nach zwei Jahren und etlichen Versuchen klappte es. Das Rezept übergab Hofer der Lohner Ziegelei in Lohn bei Schaffhausen, die die Platten produziert. «Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die eigentlich nicht aus dem Kunstbereich stammen», erklärt er.

Nach acht Wochen Trockenzeit und dem Brennen sind die Platten in Aarau angekommen und werden, eine nach der anderen, präzise an Holzvorrichtungen gehängt. Diese hat er dort angeschraubt, wo vorher die Bleistiftstriche zu finden waren. Trotz der exakten Arbeit sieht jede etwas anders aus, hat andere Farben und Strukturen, wirkt wilder oder ruhiger. Auch die Spalten zwischen den einzelnen Fliesen sind unterschiedlich gross. «Es ist nicht perfekt, aber das ist mit Naturmaterialien kaum möglich», sagt Hofer.

Wenn die Besucher während der Ausstellung seinen Raum betreten, werden die Konversationen anders klingen als im Nebenraum. Doch das wörtliche Echo ist nicht das einzige, worauf der Künstler abzielt: «Auch das metaphorische Echo spielt eine Rolle», erklärt er. Hofer spricht vom Phänomen «Echo Chamber»: Meinungen werden bekräftigt, wenn sich eine Person in einem geschlossenen System befindet, in dem alle dieselben Meinungen haben – eine Art Filterblase.

Sein Kunstwerk ist also beides - Reinkarnation einer ausgestorbenen Technik, aber auch Sinnbild für aktuelle Probleme. Hofer holt eine Platte vom Stapel, geht zur Wand, an der mittlerweile eine fast vollständige, neue Reihe der Fliesen zu finden ist, und hängt sie an die Holzvorrichtung. Er geht einen Schritt zurück, betrachtet die neue Reihe mit etwas Distanz und dreht sich um: «Gerade heute wird es sicher nicht schaden, dem Echo etwas entgegenzusetzen.»

Auswahl 19

Ab 16. 11., Vernissage 15. 11., 18 Uhr

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