Dank neuer Kita-App: Eltern werden in Echtzeit über den Tag ihrer Kinder informiert

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Sie leiten die «KiTa nano» in Baar: Stefanie Grunder (links) und Vanessa Perroncello setzen auf Digitalisierung. Via App auf dem Tablet werden die Informationen über ihre Schützlinge erfasst. © Maria Schmid, Baar, 24. Oktober 2019

Eltern stellen sich viele Fragen, wenn sie ihr Baby oder Kleinkind fremdbetreuen lassen: Geht’s ihm gut? Was macht meine Tochter gerade? Zahnt der Sohn noch so stark wie am Wochenende? Schläft das Baby auch ordentlich? Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder in der Kindertagesstätte «KiTa nano» in Baar in die Betreuung geben, bekommen seit April via App laufend Antworten geliefert – im Liveticker-Stil.

Die hierfür genutzte Applikation heisst «nubana» und informiert Mütter und Väter in Echtzeit – etwa über den Tagesablauf ihrer Kinder. Unter anderem gibt sie Auskunft darüber, wann die Kinder gegessen haben und wie viel von was. Auch die Einschlaf- und Aufwachzeiten sowie die Aktivitäten in der Gruppe werden erfasst. Selbst der Stuhlgang der Kleinen – und wenn mal etwas daneben geht – wird notiert. Damit die Eltern nichts verpassen, gibt es ab und zu auch ein Foto – etwa von der Geburtstagsfeier mit den Kita-Freunden. Hierfür müssen jedoch die Eltern aller darauf abgebildeten Kinder vorab eine entsprechende Datenschutzerklärung unterzeichnet haben. «Datenschutz hat bei uns in der Kita einen sehr grossen Stellenwert», betonen Stefanie Grunder und Vanessa Perroncello, Inhaberinnen und Geschäftsführerinnen der KiTa nano. So würden etwa Kinder ohne Zustimmung ihrer Eltern nicht fotografiert. Auf Gruppenbildern würden diese unkenntlich gemacht.

Einträge nur, wenn es die Gruppe zulässt

Oft wird via App nur das mitgeteilt, was die gesamte Kindergruppe gemacht und erlebt hat. «Die Kinder haben heute zu Zirkusmusik getanzt. Dazu haben sie mit Ballons gespielt, welche sie im ganzen Zimmer umher geworfen haben» oder «Wir machten heute Nachmittag einen grossen Spaziergang – und legten einen Stopp bei den Geissen, Enten und Papageien ein. Dabei versuchten wir mit ihnen zu kommunizieren und fütterten sie», steht dann etwa im Tagesrapport. «Personalisierte Einträge können vorkommen – jedoch erzählen wir diese lieber am Abend beim persönlichen Gespräch», so Stefanie Grunder.

Das Fachpersonal erfasst die Informationen zum Tagesablauf der Kinder via Tablet. «Die App wird nur mit Informationen gefüttert, wenn es die Kindergruppe zulässt», so Grunder weiter. «Das Kind und die gesamte Kindergruppe stehen zu jeder Zeit an erster Stelle», sagt Vanessa Perroncello. So werden etwa die Mittagsinformationen wie Essen und Schlafen erst dann eingetragen, wenn die Kinder auch tatsächlich am Schlafen sind. Und was passiert in einer Notsituation? «Die Eltern werden in Notfällen weiterhin wie früher zuerst angerufen.» Es sei auch schon vorgekommen, dass beide Elternteile telefonisch nicht erreichbar waren, die Betreuerinnen sie aber via App erreichen konnten.

Eltern können beruhigt anderen Tätigkeiten nachgehen

Das neue App-Angebot wird von den Eltern offenbar sehr geschätzt: «Die App macht unser Leben deutlich einfacher. Ich finde es aber trotzdem toll und wichtig, dass sich die Erzieherinnen die Zeit nehmen, uns Eltern abends noch einmal alles Wichtige und auch Schöne vom Tag zu erzählen», berichtet eine begeisterte Mutter. So könne sie sich beispielsweise dank der App schon tagsüber darauf einstellen, wie lang der Abend wird; dieser ist nämlich abhängig davon, wie lange die Kinder mittags geschlafen haben. Zudem könne sie unbeschwerter ihrer Arbeit nachgehen, weil sie wisse, dass die Kinder Spass haben. «Insbesondere als meine Kinder noch neu in der Kita waren, schaute ich häufig in die App. Das hat mir etwas Sicherheit gegeben», erzählt die Mutter weiter. Als «sehr grossen Mehrwert» empfindet auch eine andere Mutter die App: «Zu wissen, dass es den Kindern gut geht, ist für mich das Wichtigste und vertreibt negative Gedanken während der Arbeit». Zu Beginn der App-Einführung hatte sie zwar Bedenken, dass am Abend bei der Abholung der Kinder viel weniger Kontakt zu den Betreuerinnen da sein würde. «Diese Befürchtung wurde jedoch sofort zerstreut – ich fühle mich viel besser informiert als früher.»

Neben dem Tagesablauf der Kinder kommuniziert die Kita-Leitung dank einer Pinnwand-Funktion in der App auch Administratives – und informiert zum Beispiel über neue Jahrespraktikanten, (ansteckende) Krankheiten, den Räbeliechtliumzug oder aktuelle Themen wie etwa Natur oder Zirkus. Auch über das bevorstehende Kita-Fest, sowie vermisste Stofftiere und Kleidungsstücke wird informiert.

Kitas sind im digitalen Zeitalter angekommen

«Unsere Informationen gelangen seit der App-Einführung viel besser zu den Eltern», erzählt Stefanie Grunder. So wurden vorher oft Elternbriefe verteilt und in der Kita von den Eltern vergessen. Die Infowand sei oft aus Zeitmangel nicht genau gelesen worden. «Nun können die Eltern gemütlich am Abend oder in der Pause bei der Arbeit auf alle wichtigen Informationen zugreifen und diese lesen, wenn es für sie am optimalsten ist.» Dabei habe sich auch der Papierverschleiss deutlich gemindert.

Tagesrapporte für die Eltern, welche Auskunft über Schlaf- und Essgewohnheiten des Kindes geben, gab es in der KiTa nano bereits vor der App-Einführung. «Vor der Digitalisierung haben wir jegliche Informationen der Kinder handschriftlich festgehalten und am Abend den Eltern erzählt. Dabei kam es oft zu Wartezeiten für die Eltern, um am Abend die Informationen der Kinder zu erhalten», so Grunder weiter. Doch nicht nur die Wartezeit habe sich seit der Digitalisierung verbessert: «Die Eltern haben nun bei der Abholung selbst die Möglichkeit, zu entscheiden, was sie mit den Betreuerinnen noch besprechen möchten oder nicht», ergänzt Vanessa Perroncello. Bisher hätten die Kita-Leiterinnen nur positive Rückmeldungen der Eltern erhalten. Diese können den Service gratis nutzen: «Für die Eltern sind in unserer KiTa nano durch die App-Nutzung keine Mehrkosten entstanden. Wir als KiTa tragen die Kosten.»

Experten stehen App-Einsatz kritisch gegenüber

Für Esther Krucker, Geschäftsführerin des Vereins KiBiZ Kinderbetreuung Zug, ist die Echtzeitinformations-Funktion der App derzeit kein Thema. Grund: «Wir arbeiten lieber mit Vertrauen statt mit Kontrolle.» So arbeiten KiBiZ-Mitarbeitende lieber persönlich als in virtuellen Räumen mit den Eltern zusammen. Zudem hätten bei KiBiZ Zug nicht alle Eltern ein Smartphone. «Es wären also trotz App weiterhin verschiedene Informationskanäle zu pflegen.»

Nicht nur das Thema Vertrauen wird in Frage gestellt. «Eine solche App passt natürlich sehr gut zu unserem beschleunigten Zeitgeist.» Aber: «Das Verhalten eines Kindes durch einen Bildschirm vermittelt zu erhalten und nicht mehr über erklärende, vielleicht auch beruhigende Sätze der Kita-Fachkräfte halte ich aus der Perspektive von kindlicher Entwicklung für höchst bedenklich», so Melitta Steiner, Geschäftsführerin ad iterim der Kinder-, Jugend-, und Elternberatung punkto in Zug. So gehe durch die App-Nutzung die Dynamik zwischen Eltern, Kind, Kita-Fachperson verloren. Gemäss Steiner bedeutet dies für das Kind einen grossen Verlust an Erlebnis- und Lernwelt. Die Nutzung der App nehme den Kindern den Freiraum, ausserhalb des familialen Raumes einen eigenen zu haben. Ein Raum, wo sie ohne die Eltern ihre Lern- und Autonomieschritte machen könnten. «Big Mama und Big Papa are watching you! Was sollen die Kinder da noch erzählen? Die Eltern wissen ja vor der Abholung schon alles!». Ihr Fazit: «Ich rate von der App ab. Soll diese wirklich gewinnbringend im entwicklungsförderlichen Sinne für das Kind eingesetzt werden, muss man sich sehr gut überlegen in welcher Form».

Auch Monika Haetinger von der Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich, einer Stiftung der Universität Zürich und der ETH Zürich, hat hinsichtlich der Echtzeitkommunikation über die Aktivitäten der Kita-Kinder ihre Bedenken: «Einfach in Echtzeit zeigen zu wollen, was das Kind gerade in der Kita tut, hat keinen pädagogischen Mehrwert. Zudem trägt es nicht, oder nur unwesentlich, zur Stärkung der Beziehung zwischen Elternhaus und Einrichtung bei.» So plädiert Haetinger eher zu einer Qualitätserhöhung des Elterngespräches am Abend mittels bildgestützter Tagesdokumentation, bei der das Kind nach Möglichkeit einbezogen ist und selbst zeigen und erzählen kann, was es erlebt hat. Trotzdem könne die Digitalisierung der Kita-Arbeit wertvollen Support bieten und entlastend wirken – etwa bei der Planung, Information, Dokumentation und Kommunikation innerhalb der Kita und auch nach aussen (Eltern und Behörden). «Beim Einsatz von neuen Medien mit den Kindern kommt es vor allem darauf an, dass dies altersadäquat und reflektiert geschieht. Es muss gewährleistet sein, dass der Einsatz eines Tablets oder einer App eine pädagogische Zielsetzung verfolgt», so Haetinger weiter.

Immer genau zu wissen, was ihr Sprössling gerade tut, beruhigt zwar die Eltern. Aber wie wirkt sich eine solche App auf deren Alltag aus? Eigentlich sollten sie mit dem Bringen der Kinder beruhigt arbeiten oder anderen Tätigkeiten nachgehen können. «Die ständige Kontrolle über die Aktivitäten des Kindes kann schon störend sein», so Markus Guhn vom Kibesuisse Verband Kinderbetreuung Schweiz. «Wir haben letztes Jahr eine Familie aufgenommen, die nach drei Jahren USA zurück in die Schweiz gekommen ist. Sie waren sich die ständige Live-Berichterstattung von ihrer Kita in New York gewöhnt und wollten das hier in der Schweiz auch gerne haben. Nun, ein Jahr später, sind sie total froh, dass das vorbei ist: Sie können nun während des Tages endlich ungestört ihrer Arbeit nachgehen».

App ist noch nicht das Nonplusultra

Auch in Luzern ist die App keine Unbekannte. So war etwa Mitgründer und Co-Geschäftsführer der Kita-Gruppe small Foot, Fabian Haindl, in der anfänglichen Entwicklung der nubana-App als Referenz für die Gründer involviert. Für ihn sei die App durchaus hilfreich und kann Nutzen bringen. «Mittelfristig streben auch wir solch eine Lösung an», so Haindl weiter. Für ihn sollte eine Kita-App einfach zu bedienen sein und alle verschiedenen Bereiche abdecken – von der Belegungsplanung über die Allergien des Kindes bis hin zu herunterladbaren Steuerbescheinigungen.

Ein Zweifel bleibt jedoch bestehen: Der persönliche Kontakt mit den Eltern bleibt gemäss Haindl auf der Strecke: «In der Elternarbeit ist uns der persönliche Kontakt enorm wichtig.» Die Verantwortung, welche er und seine Mitarbeiter für die Kinder gegenüber den Eltern hätten, sei extrem gross und diese Verantwortung wollen sie ernst nehmen – im persönlichen Kontakt. «Die Eltern schätzen den direkten Kontakt sehr». Trotzdem sei Haindl offen für künftige Entwicklungen im Bereich Eltern-Kommunikation. «Sollten sich verschiedene Firmen zusammentun und ein Rundum-Sorglos-Paket anbieten, könnten wir uns vorstellen, auf diese Art der Kommunikation und Administration umzusteigen». Bis dahin werde sich weiterhin Zeit genommen, um die Eltern am Ende eines Kita-Tages persönlich über die Aktivitäten und Entwicklung ihres Sprösslings zu informieren.

Nubana ist nicht die einzige Kita-Verwaltungssoftware auf dem Markt. Unter anderem hat sich auch die in Zug ansässige Firma «Kidesia», welche im September 2014 gegründet wurde, dem Thema gewidmet. «Unsere Vision ist es alle Kitas in der Schweiz ins digitale Zeitalter zu transformieren», so Firmen-Gründer Timon Guggenbühl. Seit Ende 2017 steht den Eltern mit Kidesia eine App zur Verfügung. Mit dieser können sie unter anderem zusätzliche Betreuungstage buchen. «Das ist in der Schweiz einzigartig», so Guggenbühl weiter. Für die Betreuer und Mitarbeiter der Kita gibt es eine Tablet-App. Mit dieser können die Mitarbeiter die wichtigsten administrativen Funktionen des Kita-Alltags erledigen – wie etwa der Zugriff auf die Stammdaten der Kinder und eine Übersicht der anwesenden Kinder. Ab Januar 2020 können auch Tagesrapporte erfasst werden.

Über die App «nubana»

Die nubana-App soll gemäss der Gründerin Raphaela Cusati, ebenfalls Mutter, einen einfachen und vor allem papierlosen Informationsaustausch zwischen Kita und Eltern ermöglichen. «Die App ersetzt aber die Menschlichkeit nicht. Im Gegenteil: Sie schafft sogar mehr Raum für die Begegnungen und persönliche Dialoge zwischen Eltern und Kita-Personal.»
Für die App gab es eine sechsmonatige Pilotphase, welche Anfang dieses Jahres beendet wurde. Seit wenigen Monaten ist «nubana» nun auf dem Markt und wird bereits in knapp zehn Kitas in Zug, Zürich und im Aargau eingesetzt. Die App befindet sich noch im Anfangsstadium und kommt etwa im Kanton Aargau im «KiTaHort PekiLand» in Merenschwand und in der «Kita Erdmännli» in Wettingen zum Einsatz. Eine Folgeversion, ausgerichtet auf Kindergärten und Schulen, ist bereits in Planung. «Unsere Vision ist, dass Eltern in Zukunft sämtliche Informationen, Termine, Nachrichten und Dokumente aller ihrer Kinder aller Institutionen auf einer App haben und so stets den Überblick behalten.»Um die App zu nutzen, wird ein monatlicher Abo-Preis fällig, welcher von der Kita bezahlt wird. Dieser richtet sich nach der Grösse einer Kita und der Anzahl Standorte. Für eine Kita mit 1 bis 20 Kindern kostet die App-Nutzung beispielsweise 39 Franken pro Standort. Ab 21 bis 100 Kindern pro Standort schlägt die App-Nutzung mit 89 Franken zu Buche. Noch bis Ende Jahr profitieren Kitas von einem Einführungsangebot.

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