Unglaublich, aber wahr: Patrick Haller hat 500 FC-Aarau-Spiele in Folge gesehen

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Er hält dem FC Aarau in guten wie in schlechten Zeiten die Treue: Patrick Haller. (Bild: Alex Spichale)

Vier Tore vor der Pause, eine ereignislose zweite Halbzeit, Endstand 2:2: Das Heimspiel des FC Aarau am vergangenen Sonntag gegen Vaduz war keines, an das man sich noch lange erinnern wird. Berichten, abhaken und nach vorne schauen, dachte sich neben den Spielern auch AZ-Reporter Sebastian Wendel. Bis der FC Aarau kurz nach Spielschluss auf seinem Facebook-Profil ein Foto mit einem jungen Mann darauf postet, der den Aufstiegspokal von 2013 anstrahlt. Um zu realisieren, was da unter dem Bild steht, muss man zwei Mal lesen: «500 FCA-Pflichtspiele in Folge! Unser Webmaster Patrick Haller hat seit über 13 Jahren kein Spiel mehr verpasst.»

Dass «de Haller», wie ihn im Brügglifeld alle nennen, zu den treusten Seelen des FC Aarau gehört, war klar. Aber 500 Spiele in Serie? Wie ist das möglich? Zwei Tage später. Haller hat soeben seinen Arbeitstag als 100 Prozent angestellter Englisch- und Deutschlehrer an der Oberstufe in Laufenburg beendet und macht sich auf den Heimweg nach Aarau. Ehe wir zwei Stunden lang über seine Passion sprechen, schickt er ein Statement voraus: «Der britische Autor Nick Hornby schreibt: Man kann sich seinen Klub nicht aussuchen, der Klub sucht dich aus. Ich unterstütze den FC Aarau in guten und in schlechten Zeiten. Viele Junge wechseln heutzutage ihre Lieblingsvereine wie Unterhosen, je nachdem, wer gerade erfolgreich ist oder wo ihre Stars spielen. Das befremdet mich.»

Mit dem Vater ans erste Spiel

Die Einverleibung Hallers, der heute 35 wird, durch den FCA findet klassisch statt. Im Meisterjahr 1993 nimmt sein Vater den damals achtjährigen Patrick erstmals ins Brügglifeld. Fortan geht er unregelmässig mit Kollegen an die Spiele, mit der Zeit immer öfter, aber immer mit Unterbrüchen. Grund: Sein zweites Hobby, das Groundhopping, bei dem Fussballliebhaber sich zum Ziel setzen, in möglichst vielen Ländern möglichst viele Stadien zu besuchen. Von der deutschen Kreisliga, wo die dritte Halbzeit die wichtigste ist, bis zur Glitzerwelt der englischen Premier League.

Im Jahr 2006 geht bei einer dieser Reisen alles schief, inklusive Absage des anvisierten Spiels. Irgendwo in der französischen Provinz schaut Haller auf sein Handy, sieht, dass der FC Aarau gerade auf eine Niederlage zusteuert – und fällt dann eine Grundsatzentscheidung: «Es kann nicht sein, dass ich hier sinnlos umherirre, während mein Verein ohne mich spielt.» Haller schwört sich, ab sofort den FCA zuoberst auf seine Prioritätenliste zu setzen.

Und so beginnt am 29. Oktober 2006, Aarau gegen Luzern (0:1), die imponierende Serie. Die Startelf damals mit Rainer Bieli, Gürkan Sermeter und Massimo Colomba wirkt wie aus der Zeit gefallen. Seither sind viele Trainer gekommen und wieder gegangen, der aktuelle Patrick Rahmen ist Nummer 19. Zwei Abstiege 2010 und 2015, der Aufstieg 2013, 190 Siege, 114 Unentschieden, 196 Niederlagen – immer mit Haller live vor Ort.

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Patrick Haller hat mit dem FC Aarau schon viele erlebt. (Bild: FCA)

 

Aus dem normalen Matchbesucher auf der Stehrampe im Brügglifeld wird schnell mehr – heute ist Haller für den FCA unverzichtbar: Er ist gemeinsam mit Klubfotografin Sarah Rölli für die Bewirtschaftung aller Internetkanäle verantwortlich, unterstützt Medienchef Remo Conoci beim Verfassen von Pressecommuniqués und schreibt für die Matchzeitung. 900 Arbeitsstunden pro Jahr, was einem 50-Prozent-Pensum entspricht. Mittlerweile ist das Trio beim FCA angestellt, wobei Haller sagt: «Der schönste Lohn ist die Anerkennung der Spieler und Verantwortlichen.»

Seit Anfang 2012 ist Haller zudem das Gesicht hinter dem Liveticker, auf dem im Schnitt rund 7000 Personen die Spiele des FC Aarau verfolgen. Vor diesem Hintergrund macht der Kommentar unter dem Facebook-Post zu Hallers 500-Spiele-Jubiläum Sinn, in dem ein Fan schreibt: «In den letzten 13 Jahren hat beim FCA niemand mehr geboten als Patrick Haller.»

Fussball bestimmt sein Leben. Früher von den Ferien heimfliegen? Nicht der Rede wert. Mit Fieber an ein Cupspiel im Tessin? Warum nicht? Zwei Tage nach einer Leistenoperation ins Stadion? Ehrensache! Hochzeiten, Geburtstage, Familientreffen, Einladungen zum Essen – alles steht hinten an.

«Anfangs fand mein Umfeld mein Hobby weniger lustig. Inzwischen denken sie mit und sagen: Patrick, der FC Aarau spielt am Samstag, dann kannst du doch am Sonntag kommen.» Denkste! Da ist ja noch das Groundhopping. In den Kantonen Aargau und Solothurn hat Haller jeden Fussballplatz gesehen, in Europa rund 1600. Insgesamt hat er im Jahr 2018 exakt 200 Fussballspiele besucht, es waren auch schon mal sieben an einem Wochenende.

«Ich wüsste nicht, was gegen 1000 Spiele spricht»

Dass er trotzdem Vollzeit als Lehrer arbeiten kann, sei eine Frage effizienten Arbeitens und guter Planung. «Und dann», so Haller, «gehört zu einer solchen Serie auch sehr viel Glück und Durchhaltevermögen: Wenn ich nachts um Zwei von einem Spiel in Chiasso nach Hause komme und vier Stunden später der Wecker klingelt, stelle ich meinen Geisteszustand kurzzeitig schon in Frage. Um mir dann zu sagen: Es gibt nichts Schöneres als ein Spiel des FC Aarau.»

Und was muss passieren, dass er dereinst doch ein Spiel verpasst? «Ich weiss es nicht», sagt er und fügt an: «Ich will mir nie vorwerfen müssen, nicht alles versucht zu haben, um ans Spiel zu gehen. Umso mehr, je länger die Serie andauert. Ich werde auch vorsichtiger, reise noch früher an, um ja nicht wegen einer Panne oder einem Stau den Anpfiff zu verpassen. Ich wüsste nicht, was gegen 1000 Spiele in Serie spricht.»

Auch wenn der sportliche Erfolg Hallers Treue nicht tangiert – er hütet einen Traum: Mit dem FC Aarau an ein Europacupspiel reisen. «Es wäre die Verschmelzung von FC Aarau und Groundhopping, es wäre perfekt.»

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