Hat die «Grüne Welle» die Grünen selbst überrollt?

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Regula Rytz, Parteipräsidentin der Grünen, wird am Wahlsonntag vor der Elefantenrunde im TV geschminkt. © Keystone, Peter Klaunzer (20. Oktober 2019)

Als sich die Grünen vergangene Woche im Bundeshaus erstmals trafen, benutzten sie dafür nicht ihr eigenes Fraktionszimmer, die Nummer 4. Dieses platzt für eine Delegation mit 30 Nationalräten und vier Ständerätinnen aus allen Nähten. Die Grünen führten ihre erste Besprechung in der neuen Legislatur im deutlich grösseren Zimmer Nummer 3 durch – ausgerechnet im Fraktionszimmer der FDP.

Jener Partei also, deren Sitze im Nationalrat von 33 auf 29 gesunken ist. Und jener Partei, die mit 15,1 Wählerprozent nur noch knapp vor den Grünen (13,2 Prozent) liegt. Die FDP hält zwei Bundesratssitze inne – und die Grünen keinen.

Diese bleiben zwar im kleineren Zimmer 4, wie die Parlamentsdienste sagen. Das Missverhältnis der Macht wollen sie aber ändern: Mit einem Angriff auf FDP-Bundesrat Ignazio Cassis bei den Gesamterneuerungswahlen vom 11. Dezember. Darauf deuten alle Anzeichen hin.

Nach ihrem historischen Wahlsieg wäre alles andere den Wählern auch kaum zu erklären. Noch hat sie keinen Kandidaten präsentiert. Offiziell hat sie nicht mal entschieden, ob sie antritt. Erst am Freitag – weniger als drei Wochen vor der Wahl – will die Fraktion ihre Strategie beschliessen.

Alles auf den Kopf gestellt

Die Grünen gehen das Projekt Bundesrat bedächtig an – oder zaudernd, je nach Auslegung. Es wirkt zuweilen, als hätte die viel zitierte grüne Welle sie selbst überrollt. Das begann schon am Wahlsonntag. Parteipräsidentin Regula Rytz unterliess es in der «Elefantenrunde» des SRF, laut und deutlich Anspruch auf einen Sitz im Dezember zu erheben.

Da waren viele Wörter wie «eigentlich», «könnte» und «müsste» zu hören. Sie sagte etwa: «Der Bundesrat, wie er heute zusammengesetzt ist, passt nicht mehr. Das müsste man eigentlich ändern.» Das grosse Problem sei, dass CVP und FDP bereits Tatsachen geschaffen hätten, indem ihre Bundesräte vorzeitig zurückgetreten seien, sagte sie. Den Grünen scheint unwohl dabei, auf die Pauke zu hauen und eine Abwahl zu fordern.

Wie anders hatte die SVP 2003 agiert. Der damalige Parteipräsident Ueli Maurer hatte in der «Elefantenrunde» ein Ultimatum gestellt: Entweder Christoph Blocher wird Bundesrat – oder die SVP geht in Opposition. Die beiden Parteien trennen jedoch nicht nur inhaltlich Welten. Die Grünen haben noch nie einen Bundesrat gestellt; sie waren bisher zu klein dafür.

Am 20. Oktober aber verdreifachten sie ihre Sitze fast: von 11 auf 28 im Nationalrat und von einem auf zurzeit vier im Ständerat. Das rasante Wachstum scheint sie indes zu überfordern. Luzian Franzini, Vizepräsident der Grünen, sagt: «Viele dachten, nach dem 20. Oktober könne man sich eine Pause gönnen. Der gewaltige Erfolg hat aber alles auf den Kopf gestellt.» Alle arbeiteten Non-Stopp auf Hochtouren, um die Partei für die neuen Kräfteverhältnisse zu strukturieren.

Erschwerend kommt für die Partei hinzu, dass sie 2015 bei den Wahlen verloren hatte – und danach aus Spargründen zwei Stellen auf dem Generalsekretariat abbauen musste. Nun sollen die im Fachbereich abgebauten Ressourcen wieder aufgebaut werden. Vor allem aber sind die Erfahrungen der Grünen mit Bundesratskandidaturen bescheiden.

Zwar haben sie wiederholt Sprengkandidaten gestellt. Doch diesmal gilt es ernst. Auch wenn die Chancen gering sind, dass der Angriff gelingt: Die Grünen bewegen sich neu auf Augenhöhe mit CVP, FDP und SP. Das ist eine andere Ausgangslage, als wenn eine Kleinpartei einen Protestkandidaten lanciert.

Hinter den Kulissen führten die Grünen Gespräche mit den anderen Parteien, um ihre Chancen auszuloten. Die Parteispitze ging offenbar auch auf mögliche Kandidaten zu. Regierungsrat Antonio Hodgers sagte den Tamedia-Zeitungen: «Ich wurde von meiner Partei wegen der Bundesratskandidatur angefragt.» Er hat sich als einziger möglicher Kandidat aus der Deckung gewagt.

Andere potenzielle Kandidaten – darunter Grünen-Präsidentin Rytz selbst – schweigen. Doch nun drängt die Zeit. Es ist Usus, dass die Parteien ihre Kandidaten zunächst selbst prüfen, damit ihnen kein Skandal um die Ohren fliegt. Danach stehen die Hearings bei den anderen Parteien an. Höchste Zeit also, die Katze aus dem Sack zu lassen.

«Ausserordentliche Situation»

Die Kritik, sie gingen zu zögerlich vor, lassen die Grünen indes nicht gelten. Vizepräsidentin Lisa Mazzone betont: «Wir sagen seit den Wahlen, dass wir Anspruch auf einen Sitz haben.» Die Situation sei aber ausserordentlich, «weil die FDP mit ihren vorzeitigen Rücktritten uns keine anderen Möglichkeit lassen würde, als einen Sitz anzugreifen.»

Dass die Partei erst diesen Freitag Klarheit schaffe, sei dem Terminplan geschuldet, sagt Mazzone. Überhaupt sei die Debatte über den Zeitpunkt nebensächlich und lenke von der eigentlichen Frage ab. «Es geht darum, ob die anderen Parteien den Wählerwillen berücksichtigen und die Zauberformel erneuern werden.»

Wohl auch weil die Wahl eines Bundesrats als unwahrscheinlich gilt, hat die Partei weitere Forderungen aufgestellt: Erstens eine neue Zauberformel und eine Klärung der Frage, ab wann sie gilt. Zweitens keine taktischen Bundesratsrücktritte mehr. Damit dürften die Grünen weitgehend auflaufen (wir berichteten) – ebenso wie mit ihrem Angriff im Dezember.

Dennoch sei Antreten wichtig, heisst es bei den Grünen. Daniel Brélaz, der als erster Grüner überhaupt in den Nationalrat einzog, sagte es gegenüber «Le Temps» so: «Wenn wir eine Kandidatur lancieren und diese scheitert, sind die anderen daran schuld. Wenn wir es nicht probieren, sind wir selber schuld.»

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