Jahrzehntelang war eines der schönsten Aarauer Häuser verschandelt – jetzt zieht die Denkmalpflege ein

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Das Säulenhaus wird auch das "Weisse Haus von Aarau" genannt. Die Ähnlichkeit dürfte wohl kein Zufall sein (Bild: Severin Bigler)

Der Schrank ist ein Schrank. Nicht mehr und nicht weniger. Ein grosser, alter Schrank in einem eiskalten Estrich. Doch da, unter der blätternden, profanen Holzoptik, blitzt keck ein Mintgrün hervor; die ursprüngliche Farbe des Schranks. Aber das ist es nicht, die grosse Überraschung, die der Schrank birgt. Reto Nussbaumer dreht den Schlüssel, die Tür schwingt auf. Und da sind sie. Die Markierungen, mit Namen und Daten versehen. «Gustav, 29.8.1901» in Hüfthöhe beispielsweise. Etwa der Gustav? Reto Nussbaumer nickt. Gustav Frey, damals drei Jahre alt und dereinst vorletzter Eigentümer des Säulenhauses, stand hier also kerzengerade an der Schranktür. Vor 118 Jahren. Ein wunderbares Fundstück. «Solche versteckte Überbleibsel machen dieses Haus plötzlich sehr lebendig», sagt Reto Nussbaumer und strahlt.

Ja, er strahlt, der kantonale Denkmalpfleger. Den ganzen Abend lang. Es ist der Abend, an dem die Aarauer erstmals seit fast 50 Jahren wieder einen Fuss in eines der prominentesten und aussergewöhnlichsten Häuser der Stadt setzen dürfen, den Hauptzeugen des «reifen Klassizismus»: das Säulenhaus an der Laurenzenvorstadt. Gebaut zwischen 1836 und 1838 vom Brugger Architekten und Kantonsbaumeister Franz Heinrich Hemmann im Auftrag von Kaufmann Gottlieb Frey-Fischer.

Die Denkmalpflege übernahm das Haus mit Handkuss

Jahrzehntelang war hier die militärische Verwaltung eingemietet, das Haus sozusagen Sperrgebiet. Als das Militär 2017 auszog, suchte der Kanton als Eigentümer einen neuen Nutzer. Er musste nicht lange suchen. Die Kantonale Denkmalpflege übernahm das Haus mit Handkuss. «Elf Jahre lang habe ich auf diesen Moment gewartet», sagt Reto Nussbaumer und eine gewisse Erleichterung ist ihm anzumerken. Die baulichen Verschandelungen des Hauses in den Siebzigerjahren – Nussbaumer nennt sie diplomatisch «unsensible Eingriffe» – haben sein Denkmalpfleger-Herz lange geschmerzt. Spannteppiche, Raufasertapeten, abgehängte Gipsdecken; Nussbaumer winkt ab.

Von all dem ist heute nichts mehr zu sehen. Während mehrerer Monate wurden das Erdgeschoss und die Beletage saniert. Das Haus präsentiert sich heute als Mischung der Zustände früherer Bewohnergenerationen mit Spuren aus der Bauzeit, den Veränderungen um 1900, den eleganten Eingriffen von 1940 und gewissen Anpassungen aus der Gegenwart. Will heissen: Das Tafelparkett in einzelnen Zimmern beispielsweise ist von 1890, der Zementplattenboden im Flur im Obergeschoss aus der Bauzeit, ebenso wie zwei Kreuzriemenböden. Und die Stuckdecke, die 1940 eingebracht und 1977 nachlässig heruntergeschlagen wurde, ist jetzt als Negativspur nachgezeichnet.

Ende letzter Woche nun wurde das Haus für die Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht. Und das Interesse war gross. Viele Aarauer kamen, speziell viele Architekten. Und viele setzten zum allerersten Mal überhaupt einen Fuss in das Haus. «Das war ja bislang eine Festung», sagte ein Besucher. Eine andere erzählte, ihr Mann sei hier als Bub schon gewesen, als Freund der Frey-Kinder. Sie selbst aber noch nie, und das als geborene Aarauerin.

Dass ein Originalzustand auch verwirren kann, zeigte sich ausgerechnet in Reto Nussbaumers künftigem Büro, dem einstigen Spielzimmer der Frey-Kinder. Hier stiessen die Arbeiter unter Spannteppich und Linoleum auf den originalen Kreuzriemenboden aus dem Baujahr 1838, zusammengesetzt aus Eichen-Riemen und Weisstannen-Planken, Letztere liebevoll geseift mit pigmentierter Seife, was den Kontrast noch betont. «Sind das etwa Schalungsbretter?», fragte einer hörbar erstaunt. Und eine – nach eigenen Angaben – gewissenhafte Hausfrau erkundigte sich, ob man die angelaufene Messingplatte am Empire-Ofen nicht polieren könne. «Bloss nicht», sagte Reto Nussbaumer. Diese Patina soll bleiben. So wie auch die Spuren von Möbelpolitur, die sich als dunkler Schatten quer über die im Flur freigelegte, aufgemalte Kassettierung zieht.

Ein Buch über das Säulenhaus ist in Planung

Ende dieser Woche nun verlässt die Denkmalpflege die Behmen-Überbauung, das «Dampfschiff». 14 Mitarbeiter, dazu ein Zivildienstleistender und eine Praktikantin, ziehen ins Säulenhaus ein. Damit ist das Haus voll ausgelastet, sagt Nussbaumer. Denn auch wenn es von aussen geräumig wirkt; die Räume sind verhältnismässig klein. Hingegen nehmen die Korridore, die Treppenhäuser und die Küche ausgesprochen viel Raum ein.

Mit dem Einzug der Denkmalpflege stehen auch die Türen des Säulenhauses wieder regelmässiger offen. Angedacht ist laut Nussbaumer unter anderem, dass das Haus Teil der Führungen von ­«aarau info» werden könnte. Ausgereift sei das aber noch nicht. Sicher ist hingegen, dass eine grössere Publikation über das Säulenhaus entstehen soll. Über seine Entstehungsgeschichte, seine Bewohner und die baulichen Veränderungen.

Brüder Frey kamen per Zufall hierher

Bauherr des Säulenhauses war Gottlieb Frey-Fischer (1797 - 1840), Sohn von David Frey. Die Brüder David und Friedrich Frey, die Urväter der Frey-Familie, waren in den 1770er-Jahren von Lindau am Bodensee hierher gekommen. Aus purem Zufall, weil das mittellose Aarau ihnen – anders als Zurzach und Zofingen – das Bürgerrecht gerne verkaufte. Ein Glücksfall für die Stadt: Ohne die Brüder Frey hätte Aarau 1798 kein «Bundeshaus» gehabt (David Frey stellte der Hauptstadt der Helvetik sein Haus zum Schlossgarten zu Verfügung), würde es die Schoggi Frey nicht geben. Und ohne sie hätte der Kanton Aargau 1848 mit Friederich Frey-Herosé nicht seinen ersten Bundesrat feiern können. Nach Gottlieb Frey-Fischer wohnten weitere vier Generationen Frey im Säulenhaus. Es waren dies der Arzt Adolf Ernst Frey-Frey, der Kaufmann Gustav Frey-Riniker und zuletzt Gustav und Gertrud Frey-Bally mit ihren Kindern Hans Kaspar, Urs Peter, Andreas und Theresia. 1978 wurde das Säulenhaus dem Kanton Aargau verkauft, der es bis 1981 an die Schweizerische Nationalbank vermietete, die damals am Schlossplatz neu baute. Aus dieser Zeit stammt der Tresorraum im Keller des Säulenhauses. Danach diente das Haus als militärische Kommandostelle der Infanteriebrigade 5. Im Keller lagerte der Staatswein. Ende 2017 zog das Militär aus. (ksc)

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