Exodus: Die Aargauer Kultur verliert gleich sieben Schlüsselpersonen an den Schalthebeln der Macht

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Madeleine Schuppli verlässt das Aargauer Kunsthaus auf Februar 2020 (Archivbild Keystone 2018)

Gabs je zuvor einen solchen Exodus in der Aargauer Kulturszene? Nein. So viele Leute in leitenden Kulturstellen mussten noch nie ersetzt werden. Stimmt im Kanton grundsätzlich etwas nicht mit der Kulturszene? Gibt es Zusammenhänge bei dieser Kündigungswelle? Solche Fragen tauchen zwangsläufig auf, nachdem letzte Woche auch noch der Kulturchef des Kantons, Thomas Pauli-Gabi, seine Kündigung eingereicht hat. Ein Paukenschlag.

Die eine Kündigung habe nichts mit den anderen zu tun, beteuern alle. Jede und jeder gibt tatsächlich eigene, gute Gründe an. Es ist nachvollziehbar, dass man heutzutage nach acht oder zehn oder gar dreizehn Jahren, dass man Mitte Fünfzig noch etwas Neues anpacken will. Denn danach – mit sechzig – ist es bekanntlich fast unmöglich.

Nur Verlust oder auch Chance?

Die vielen Abgänge stimmen nachdenklich. Und gleichzeitig fragt man sich: Sind Wechsel nicht auch Chance? Chance wofür aber?

Neue Leiterinnen bringen meist frischen Wind. Bei den Kulturhäusern wird man die Neuen in einem oder zwei Jahren aufgrund ihrer dannzumal eigenen Programme beurteilen können. Der Massstab wird sein, ob sie eine Erneuerung realisieren. Oder anders gesagt: ob sie ihr Stammpublikum halten und ein neues dazugewinnen können. Von den bereits neu Gewählten hat niemand fundamentale Änderungen angekündigt. Hoffentlich kommen sie noch! Und hoffentlich unterstützen die Trägerschaften und Aufsichtsgremien neu keimende Initiativen! Denn Offenheit, ein breiteres Verständnis für Kultur wollen mit den gewachsenen Ansprüchen des Publikums an Aufführungen und Ausstellungen, an Aktualität, Vermittlung und Teilhabe, globale Entwicklungen und regionale Eigenheiten ausbalanciert werden.

Das entscheidende Stellwerk

Entscheidend ist vor allem, wie die Leitung der Abteilung Kultur des Kantons und wie das Kuratorium als wichtigstes Gremium für die professionelle Kulturszene besetzt werden. Sie entscheiden nicht nur über die Rahmenbedingungen und Beiträge des Kantons an die einzelnen Kulturtäterinnen und -aktivisten, an die Häuser und Institutionen, sondern legen auch die emotionale Basis für die Kultur im Kanton. Bringen sie wieder Aufbruchstimmung oder heisst es weiter abwarten und durchhalten?

Die Abteilung Kultur wie das Aargauer Kuratorium mussten in den vergangenen Jahren – unter der rigorosen Sparfuchtel des Aargauer Parlaments und der taktierenden Haltung der Regierung – viel Energie für Besitzstandwahrung aufbringen. Mit der Revision des Kulturgesetzes sollte es ab 2012 einen tüchtigen Vorwärtsschub geben. Am sichtbarsten bei den kantonalen Leuchttürmen. Der Kanton wollte Hotspots im Aargau stärken. Bei der Umsetzung und durch Sparrunden dimmte man ihre Strahlkraft aber schnell wieder nach unten. Kulturchef Thomas Pauli-Gabi musste also primär konsolidieren und Schadenbegrenzung betreiben. Im Hintergrund leisteten er und Kuratoriumspräsident Rolf Keller gemeinsam stille Grundlagenarbeit. Das Kulturleitbild des Kantons ist eine aufwendige Bestandesaufnahme und eine sehr vorsichtige Planung der Zukunft.

Das Aargauer Kuratorium hat seine Kernaufgabe – Verteilung der Gelder an das professionelle Kulturschaffen im Kanton – abgesehen von einem unschönen Gegenbeispiel seriös und mit Engagement betrieben. Politisch stand es im Gegenwind: Es gab Kürzungen und umstrittene Verlagerungen seiner Mittel aus dem ordentlichen Budget in den Swisslos-Fonds. Umstritten ist auch, wie es die Ausstandspflicht seiner Mitglieder löst. Inhaltlich hat das Gremium in kleinsten Schrittchen Neuerungen eingeführt. Erstpublikationen für bildende Künstlerinnen oder Reisestipendien, Anerkennung für altgediente Kulturvermittler oder neuerdings kleine Beiträge an Kinos im Kanton, die Aargauer Filme zeigen, sind zwar schön, aber kulturpolitische Statements sind sie nicht und ihre Breitenwirkung ist überschaubar.

Wollen die Regierungsräte Gestaltung oder Verwaltung?

Mutige Blicke oder gar Taten für die Zukunft sind nicht ersichtlich. Zwar hat das Gremium vor Jahren seinen umständlichen Namen «Kuratorium zur Förderung des kulturellen Lebens im Aargau» angenehm zu «Aargauer Kuratorium» vereinfacht. Das einst formulierte Ziel ging damit leider aber auch verloren. Man konzentrierte sich auf Einzelfall-Förderung, auf Unterstützung von Institutionen und Kulturvereinen, aber man sieht sich offensichtlich und leider nicht mehr als Lobby für die Kultur im Kanton. Nicht mehr als Gremium, das in der Öffentlichkeit für neue Ideen, für Experimente kämpft. Zum Jubiläum «50 Jahre Kulturgesetz, 50 Jahre Kuratorium» schaute man im Frühjahr in die Vergangenheit, lobte den Mut und die Weitsicht der damaligen Initianten, aber man wagte selber nicht in die Zukunft zu blicken.

Will das Kuratorium in Zukunft kulturpolitisch wieder Einfluss gewinnen, muss man diskutieren, wie es idealerweise zusammengesetzt ist. Sollen alle Kuratoren primär ausgewiesene Fachspezialistinnen sein oder braucht es auch Leute, die Kulturwissen besitzen, aber zudem auch politische und gesellschaftliche Vermittlung und Vernetzung leisten können?

Gespannt sein muss man aber vor allem, wen Kulturminister Alex Hürzeler als kantonale Kulturchefin kürt und wen die Regierung als Kuratoriumspräsidenten wählt. Zeigen die Regierungsräte Mut? Wollen sie Gestaltung oder Verwaltung?

Die wichtigsten Abgänge in der Aargauer Kulturszene

Die acht Häuser oder Gremien, die eine neue Leitung brauchen oder sie bereits gewählt haben:

Thomas Pauli

Thomas Pauli © CH Media

Abteilung Kultur

Als Letzter geht der Kapitän von Deck, heisst es in der Seefahrt. Dass Thomas Pauli-Gabi, 53, Leiter der Abteilung Kultur beim Kanton, nach (nur) sieben Jahren geht, erstaunt doch. Er gibt eine neue Herausforderung als Grund für die Kündigung an. Nach den Jahren in der Verwaltung wird er Direktor des Historischen Museums Bern. Eines grossen Dampfers in der historischen Museumsszene Schweiz. Dass sein Herz für die Geschichte schlägt, hat er im Aargau zuvor bewiesen. Er hat nicht nur den Legionärspfad miterfunden, sondern auch die Dachmarke «Museum Aargau» initiiert, unter der die Schlösser zusammen mit der Leitlinie «Geschichte am Schauplatz erleben», agieren. Als Kulturchef musste er vor allem die Sparpolitik von Regierung und Parlament mittragen und die Initiativen seines Vorgängers konsolidieren.

Aargauer Kuratorium

Rolf Keller

Rolf Keller © CH Media

Abgänge prägen die News aus dem Aargauer Kuratorium: im Herbst wurde bekannt, dass Geschäftsführer Peter Erismann aufhört und Vizepräsident Stephan Diethelm gab seinen Rücktritt bekannt, im Dezember nun auch Walter Küng, der die Theaterförderung während acht Jahren mitgeprägt hat. Und vor allem machte im November Kuratoriumspräsident Rolf Keller publik, dass er Ende 2019 aufhören will. Mit 70, nach acht Jahren im Amt und nach Abschluss des Jubiläumsjahres, sei es Zeit, begründet er den Rücktritt. Das Gremium wird sich neu finden müssen.

Aargauer Kunsthaus

Madeleine Schuppli

Madeleine Schuppli © CH Media

Madeleine Schuppli (54) verlässt den Aargau, verlässt das Flaggschiff des Kantons auf Februar 2020 – nach zwölf Jahren. Sie wechselt zur Kulturstiftung Pro Helvetia, wo sie als Leiterin Visuelle Kunst für die Förderung der Gegenwartskunst und Architektur im Inland, aber auch für den Austausch mit dem Ausland zuständig sein wird. Ihre Begründung: noch mal eine neue Aufgabe anpacken.

Künstlerhaus Boswil

Michael Schneider

Michael Schneider © CH Media

Geschäftsführer Michael Schneider hat das Kompetenzzentrum für Musik Mitte 2019 nach 13 Jahren verlassen. Konzertreihen, Workshops, Festivals sind eta­bliert, ein neues Foyer, die Renovation des Ensembles aufgegleist. Seine Motivation: endlich Zeit für eigene Projekte zu haben, mit 55 etwas Neues anzupacken. Sein Nachfolger Samuel Steinmann, 48, Musikwissenschafter, hat bereits angefangen.

Kurtheater Baden

Noch ist das Haus im Umbau – nach Jahren des Wartens und mit einem Programm «Ausser Haus». In dieser Zwischenphase leitet Lara Albanesi, die kaufmännische Verantwortliche, das Haus ad interim. Seit diesem Herbst arbeitet der künftige künstlerische Direktor, Leiter Uwe Heinrichs (56), in Teilzeit, ab der Saison 2020/21 soll er - zusammen mit Albanesi - das renovierte Haus wieder etablieren und für Neues, etwa Koproduktionen statt nur Gastspiele, öffnen.

Kaba Rössler

Kaba Rössler © CH Media

Stadtmuseum Aarau

Kaba Rössler, 59, hat nach 13 Jahren gekündigt. Nachdem sie vom Ja des Stimmvolkes für den Neubau, über die Eröffnung und intensiven Jahre das Haus erfolgreich neu positioniert hat (mehr Besucher, breitere und aktuellere Themen). Kündigungsgrund: eine neue Herausforderung am Henry-Dunant-Musum in Trogen. Nachfolger ist seit November ihr bisheriger Stellvertreter Marc Griesshammer (40).

Nadine Schneider

Nadine Schneider

© CH Media

Forum Schlossplatz Aarau

Na­dine Schneider, 51, verlässt das breit orientierte Haus der Ortsbürger nach zehn Jahren mit dem gleichen Ziel wie Rössler: Am Dunant-Museum werden die beiden die Co-Leitung übernehmen. Nachfolgerin Lena Friedli (34) hat am Akku in Emmen ähnliche Ausstellungen kuratiert.

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