«Nur die Spitze des Eisbergs»: Bund verbietet Chlorothalonil – weitere Pestizide dürften folgen

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Ein Bauer spritzt ein Mittel, das den Salat unter anderem vor Pilzkrankheiten schützt. © CH Media

Wenn es um das Trinkwasser geht, gehen die Wogen rasch hoch. Meldungen über Pestizidrückstände verunsichern. Und der politische Druck steigt: Gleich zwei hängige Volksinitiativen nehmen die Pflanzenschutzmittel ins Visier. Seit Monaten steht vor allem ein Wirkstoff im Fokus: das Fungizid Chlorothalonil. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Gestern hat der Bund alle Mittel mit diesem Wirkstoff verboten.

Endlich, endlich komme dieser Entscheid, sagen Umweltschützer. Zufrieden sind sie aber nicht. «Zig weitere Giftcocktails sind noch im Umlauf», kritisiert Greenpeace. Deren Landwirtschaftsexperte Philippe Schenkel sagt: «Wir sehen erst die Spitze des Eisbergs. Immer wieder gibt es böse Überraschungen.»

Neue Methoden führen etwa dazu, dass weitere Stoffe nachgewiesen werden. «Man hat die Gefahren nicht im Griff», sagt Schenkel. Greenpeace unterstützt daher die Trinkwasser-Initiative. Sie will Bauern die Direktzahlungen streichen, wenn sie Pestizide einsetzen. Die Initiative kommt frühestens im November 2020 an die Urne, der Bundesrat lehnt sie ab.

Anforderungen sind gestiegen

Die Behörden gehen davon aus, dass künftig weitere Wirkstoffe die Zulassung verlieren werden. Die Anforderungen seien gestiegen, heisst es beim zuständigen Bundesamt. Seit 2010 sind die Behörden daran, alte Wirkstoffe zu überprüfen. Mehrere Zulassungen wurden seither widerrufen, so etwa diesen Sommer vom Insektizid Chlorpyrifos.

Umstritten ist, wie gut der Zulassungsprozess ist. Für Bauernpräsident Markus Ritter zeigt das Chlorothalonil-Verbot, dass das System funktioniert. SP-Nationalrat Beat Jans widerspricht: «Es ist eine grosse Ausnahme, dass ein Wirkstoff verboten wird. Und es hat viel zu lange gedauert.»

Neuer Nationalrat will Regeln verschärfen

Jans fordert in einer parlamentarischen Initiative, dass der Bund Pestizide überprüfen und allenfalls verbieten muss, wenn zum Beispiel im Grundwasser unerwünscht hohe Konzentrationen gemessen werden. Der Nationalrat hat den Vorstoss gestern angenommen. Der Entscheid ist zwar noch nicht definitiv, aber er ist ein Hinweis darauf, dass das neue Parlament offener ist für Verschärfungen bei den Pestiziden als bisher.

Das wäre ganz im Sinne der Wasserversorger. Paul Sicher, Sprecher des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches, hat eine Reihe an Forderungen: Es brauche eine deutliche Verschärfung der Pestizidzulassung; ein Verbot besonders giftiger Wirkstoffe sowie Einschränkungen beim Pestizid-Einsatz zum Beispiel in Privatgärten.

Chlorothalonil-Problem löst sich nicht so rasch

Die heutigen Gesetze genügen laut Paul Sicher nicht, um das Trinkwasser langfristig zu schützen. Ein Problem: Grenzwerte gelten für Abbauprodukte von Pestiziden im Grund- und Trinkwasser nur, wenn diese als «gesundheitlich relevant» eingestuft werden. Was technisch klingt, hat weitreichende Folgen: Für Chlorothalonil etwa gilt deshalb erst seit Juli 2019 überhaupt ein Grenzwert.

Mindestens 20 Wasserfassungen mussten laut Sicher in der Folge schweizweit geschlossen werden. Denn Abbauprodukte von Chlorothalonil lassen sich bisher nicht aus dem Wasser entfernen. Vielerorts wird seither Wasser gemischt, um den Grenzwert im Trinkwassernetz einzuhalten.

Das ist aber nicht überall möglich. Mancherorts braucht es aufwendige bauliche Massnahmen – das dauert und kostet. Der Bund gewährt den Wasserversorgern in solchen Fällen eine zweijährige Übergangsfrist. Das heisst auch: Der Grenzwert wird mancherorts weiterhin überschritten. Grund zur Beunruhigung besteht aber nicht, wie Sicher betont: «Die Qualität ist immer noch hoch. Aber wir müssen jetzt handeln, damit dies auch in Zukunft so bleibt.»

Und die Bauern?

Bauernpräsident Ritter treibt noch eine andere Frage um: Wenn ein Mittel kurzfristig verboten wird, müssten Bauern, die dieses noch an Lager haben, entschädigt werden, fordert er. Es sei wichtig, dass die Produkte zu den Verkaufsstellen zurück gebracht und vernichtet werden. «Da müssen wir einen Anreiz schaffen», sagt er. Er will dazu zusammen mit SP und Grünen einen Vorstoss einreichen.

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